Wirtschaft

So soll es sein - ist es aber nicht: Um die digitale Bildung an bayerischen Schulen steht es schlechter als gedacht. Das enthüllt eine im Auftrag der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbW) erstellte neue Studie von Frank Fischer, Professor für epirische Pädagogik und pädagogische Psychologie an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität München – die erste dieser Art überhaupt. (Foto: dpa)

13.11.2017

Das digitale Klassenzimmer ist noch ein frommer Wunsch

Eine neue Studie von vbw und LMU-Pädagogikprofessor enthüllt massive Defizite an bayerischen Schulen

Um die digitale Bildung an bayerischen Schulen steht es schlechter als gedacht. Das enthüllt eine im Auftrag der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbW) erstellte neue Studie von Frank Fischer, Professor für epirische Pädagogik und pädagogische Psychologie an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität München – die erste dieser Art überhaupt. Gemeinsam mit dem Professort wurde sie nun von vbw-Präsident Alfred Gaffal vorgestellt.

Befragt wurden dafür rund 400 Lehrer an Gymnasien beziehungsweise an Haupt- und Realschulen. Der Professor und sein Team schauten sich auch die Lehrpläne an, ebenso die Module der Lehramtsausbildung an den Hochschulen und die diversen Fortbildungsangebote des Ministeriums für die Pädagogen. Die Kernfrage dabei: Wie stark werden darin medeinbezogene Kenntnisse vermittelt?

Jede vierte Schule hat kein Medienkonzept


Erschreckend: Jede vierte Schule hat schon mal gar kein Medienkonzept. Und fast jeder zweite Lehrer klagt, dass die Netzanbindung viel zu langsam sei. Unterstützung durch technische Fachkräfte von außerhalb findet nicht ausreichend statt. Die am häufigsten verwendete technische Innovation in den Klassenzimmern ist noch immer mit knapp 90 Prozent der gute alte Beamer. Über Tablets verfügen gerade mal 17 Prozent der Klassen, auch Notebooks stehen nur in gut jedem dritten Raum. Und das richtige neue und moderne Gerät – also etwa interaktive Tische –, das wir lediglich in vier Prozent der Klassenzumer bereit gestellt.

Es dominiert auch noch vielfach der herkömmliche Frontal-Unterricht an der Schiefertafel und mit Kreide. Beim Bedienen und Anwenden digitaler Medien sind die Realschulen den beiden anderen Schularten weit voraus. In 83 Prozent von ihnen (Hauptschulen 18, Gymnasien 36 Prozent) ist das Standard. Doch wirklich innovatives Arbeiten – also Produzieren und Präsentieren mithilfe digitaler Medien – ist, je nach Schulart, nur in neun bzw. 18 Prozent der Fälle angesagt. 

Allerdings hinken nicht nur ältere Kollegen der Zeit hinterher, so der LMU-Professor. „Wer vor 20, 30 Jahren studiert hat wurde ja mit dieser Technik auch nicht konfrontiert. Aber leider sind auch die jüngeren Kollegen, bei denen man eine deutlich höhere Affinität voraussetzen könnte, oft nicht fit in der Anwendung digitaler Medien.“ Alleinige Schuld der Lehrer sei das übrigens nicht. „Die Studiengänge haben diese Thematik häufig noch nicht integriert.“

Keine klare Systematik erkennbar


„Auch eine klare Systematik ist kaum erkennbar“, kritisiert Frank Fischer. Zwar tönt die Staatsregierung gern vom „digitalen Klassenzimmer“ – aber was das konkret bedeutet, definiert das bayerische Kultusministerium nicht. Das beklagt übrigens auch der Bayerische Städtetagsvorsitzende und Augsburger OB Kurt Gribl (CSU). Grund: Die Kommunen sind sogenannter Sachaufwandsträger der Schulen. Und befürchten, dass es an ihnen hängen bleibt, die Schulen künftig adäquat auszustatten. Da die Städte aber unterschiedlich reich sind, hätte das bald Zwei-Klassen-Schulen zur Folge: Tablets in der einen und Kreide in der anderen.

Für vbw-Chef Alfred Gaffal hat dieses Defizit auch langfristige Auswirkungen auf Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand im Freistaat. Wenn die Kinder diese Kompetenzen heute nicht lernen, wird es irgendwann schwierig. Bayern, so der oberste Wirtschaftsvertreter des Freistaats, konkurriere ja nicht nur mit Berlin (wo es möglicherweise noch düsterer ausschaut), sondern mit aufstrebenden Hightech-Nationen in der ganzen Welt.
(André Paul)

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