Wirtschaft

Wenn Entführungsopfer aus dem Ausland zurückkehren, ist meist auch die Polizei mit vor Ort. (Foto: dapd)

11.01.2013

Das Geiselgeschäft

In vielen Regionen ist die Entführung von Managern zu einem Geschäftsmodell geworden

Die Hände auf dem Rücken gefesselt, kauert der Mann auf dem Boden. Hinter dem Mitarbeiter des Baukonzerns Bilfinger stehen zwei bewaffnete Kämpfer, vermummt. Verängstigt blickt der Deutsche in die Kamera. „Mein Name ist Edgar Fritz R., ich komme aus Bad Mergentheim, Main-Tauber-Kreis, in Baden-Württemberg“, stammelt er. „Ich bitte unsere Regierung um mein Leben. Die Mudschaheddin, also al-Kaida, die wollen mich töten hier.“
Das Flehen hat nicht geholfen. Edgar Fritz R. ist tot. Erschossen von den Entführern, kurz vor der Befreiungsaktion. Der Tod von Edgar Fritz R. in Nigeria ist der vorläufige Tiefpunkt einer Entwicklung, die weltweit zu beobachten ist. Gerade deutsche Firmen rangieren auf der Liste der Geiselnehmer ganz oben: Sie stehen in dem Ruf, schnell und gut zu zahlen. Die Zahl der Entführungen von Geschäftsleuten nimmt drastisch zu. Insgesamt sollen sich nach Angaben aus Sicherheitskreisen derzeit etwa 300 Geschäftsleute in Geiselhaft befinden, darunter mehrere Deutsche. Tendenz steigend.
Kidnapping als neues Geschäftsfeld
Kidnapping hat sich zu einem neuen Geschäftsfeld entwickelt, ähnlich der Piraterie vor Somalia. Afrika und Teile Asiens sind mittlerweile gefährlicher für Geschäftsleute als Lateinamerika. Nigeria gilt derzeit als Hochburg. Allein fünf Mitarbeiter von Bilfinger wurden dort seit 2007 verschleppt. Die Boomregionen Mexiko und Indien folgen auf den Plätzen zwei und drei. Regionen, die deutsche Unternehmen als neue Märkte entdeckt haben. Sie errichten dort Niederlassungen, Produktionsstätten und leiten Projekte. Die Gefahren werden oft ausgeblendet. Die Firmen haben kein Sicherheitskonzept, die Mitarbeiter sind schlecht geschult, wissen oft gar nicht, was sie erwartet, an Bewachern wird gespart.
„70 Prozent der deutschen Unternehmen haben kein Krisenmanagement für solche Fälle“, bemängelt Maxim Worcester. Er und Thomas Menk leiten German Business Protection (GBP), eine auf Hochrisikogebiete spezialisierte Sicherheitsberatung. Im Haus der Wirtschaft in der Berliner Friedrichstraße hat GBP ein Lagezentrum eingerichtet. Informationen aus allen Teilen der Welt fließen hier zusammen, Experten analysieren die Gefahrenlage in Echtzeit. GBP arbeitet mit den britischen Sicherheitsexperten von G4S zusammen, dem weltweit größten Anbieter in diesem Segment. Der Krisenfall ist nur die Extremsituation. „Unser Job ist, dafür zu sorgen, dass es so weit nicht kommt“, sagt der Berater. Doch dafür müssten die Unternehmen in Sicherheit investieren. Und davor schreckten viele Firmen zurück. Gerade erst, erzählt Worcester, habe er mit einem Mittelständler gesprochen, der wieder zwei Leute in den Sudan geschickt habe.
Und die Sicherheit? Nein, denen passiere schon nichts. Die beiden seien schon einmal dort gewesen, ohne Probleme. „Grob fahrlässig“ nennt Worcester das. Die Unternehmen hätten aufgrund verschärfter Compliance-Richtlinien eine größere Sorgfaltspflicht gegenüber ihren Mitarbeitern. „Sicherheit und Compliance sind zwei Bereiche, die direkt zusammenhängen“, sagt Worcester. Natürlich ist jede Entführung für die Geisel ein Desaster. Sie kann aber auch für das Unternehmen schlimme Folgen haben. Denn wurde der Mitarbeiter vorher nicht ausreichend geschult und gesichert, kann die Geschäftsführung zur Verantwortung gezogen werden. Das Image des Unternehmens wird beschädigt, andere Mitarbeiter werden sich fragen, was das Unternehmen für ihre Sicherheit tut. Die Gefahren nehmen zu.
Spezialversicherer, die Lösegeldversicherungen anbieten, sogenannte Kidnap-and-Ransom-Policen, bestätigen einen Anstieg der Vorfälle. Lange waren die Policen für deutsche Versicherer verboten, denn die Behörde vertrat die Meinung, sie würden die „Gefahr des erpresserischen Menschenraubs“ fördern. Die Versicherungen decken in der Regel die Lösegeldzahlung, Kosten für Sicherheitsexperten und die Betreuung der Angehörigen. Hans Jürgen Stephan leitet die deutsche Niederlassung von Control Risks. Die international aufgestellte Sicherheitsberatung war bereits in die Verhandlungen bei mehr als 2000 Entführungsfällen involviert. Wie hoch die Zahl der Entführungen insgesamt ist, kann auch Stephan nicht sagen. „Belastbare Zahlen werden nirgendwo zentral erfasst.“ Bei einem längerfristigen Engagement in einem Risikoland rät er zu einer genauen Gefahrenanalyse. „Auch wenn der Aufwand sehr hoch scheint –“, sagt Stephan, „er lohnt sich.“ (Jens Brambusch)

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