Wirtschaft

Immer mehr Deutsche lassen sich im europäischen Ausland, Tunesien oder der Türkei behandeln. (Foto: dpa)

12.03.2015

Das Geschäft mit der Gesundheit

Immer mehr Menschen lassen sich im Ausland behandeln - das ist nicht ohne Risiko

Der Gesundheitsmarkt wächst weiter: 2013 verzeichnete die Gesundheitswirtschaft Exportgüter von über 89 Milliarden Euro, denen Importe von gut 70 Milliarden Euro gegenüberstanden - ein Außenhandelsüberschuss von mehr als 19 Milliarden. Euro. Glaubt man dem DIHK-Report von 2014, sind besonders Pharmabranche und Medizintechnik von hohen Exporterwartungen geprägt. Gleichzeitig erhält der Trend, sich im Ausland behandeln zu lassen, weiter Aufwind. Positive Entwicklungen oder Zeit für stärkere staatliche Regulierung?

Die deutsche Gesundheitswirtschaft existiert nicht, sondern teilt sich vielmehr in einen ersten Markt klassischer Grundversorgung mit gesetzlicher (GKV) und privater Krankenversicherung (PKV), Arbeitgebern (Lohnfortzahlung im Krankheitsfall) und staatlichen GKV-Zuschüssen und einen zweiten Gesundheitsmarkt aller privat finanzierter Gesundheitsprodukte und -dienstleistungen. Hierbei ist jedoch der klare Gesundheitsbezug mancher freiverkäuflicher Arzneimittel, individueller Gesundheitsleistungen sowie von Fitness, Wellness oder Gesundheitstourismus umstritten. Insgesamt ist die ökonomische Bedeutung der deutschen Gesundheitswirtschaft für den Standort Deutschland beachtlich: Bereits 2013 machten die Gesundheitsausgaben über 11 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus (GKV 194 Milliarden, PKV 28 Milliarden und 70 Milliarden Umsatz im zweiten Gesundheitsmarkt).

Grund: Deutschland altert. Demografische Entwicklung und medizinisch-technischer Fortschritt, aber auch wachsendes Gesundheitsbewusstsein bewirken, dass neben professionellen Leistungen des ersten Marktes zunehmend Produkte und Dienstleistungen des zweiten Marktes nachgefragt werden – von Gesundheit bis zur Pflege und Betreuung. Die Gesundheitsbranche ist ein expandierender Wachstumsmarkt, mit einem Anstieg der Bruttowertschöpfung von 2007 bis 2012 um 3,7 Prozent im Jahresdurchschnitt (verglichen mit 2,3 Prozent der Gesamtwirtschaft). Eigentlich sind dies ideale Ausgangsbedingungen für Wachstum, Beschäftigung und Innovationen, wäre da nicht die Schattenseite der alternden Gesellschaft, der es zunehmend schwer fällt, die Nachfrage nach jungen Fachkräften zu befriedigen.

Zahnbehandlung in Tunesien

Seit 2005 gibt es nur noch Festzuschüsse zum Zahnersatz, der Eigenanteil ist gestiegen. Patienten, denen dies zu teuer ist, lassen sich innerhalb der EU, in Staaten des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) oder in Staaten wie Tunesien oder der Türkei, mit denen zwischenstaatliche Sicherheitsabkommen bestehen, behandeln. Voraussetzung für die Genehmigung durch die Krankenkasse ist ein detaillierter Heil- und Kostenplan in deutscher Sprache beziehungsweise eine Zahnbehandlung nach deutschen Richtlinien, die dann Festzuschüsse erstattet, aber um 10 Prozent Verwaltungskostenabschlag einbehält, nachdem der Versicherte die Behandlungskosten vorgestreckt hat. Allerdings besteht nur bei Eingliederung des Zahnersatzes in Deutschland Anspruch auf Konformitätserklärung nach Medizinprodukte-Haftungsgesetz: Diese listet alle Daten zu verwendeten Materialien sowie Name und Anschrift des Zahnlabors auf - für den Fall, dass der Patient eine Allergie entwickelt.

Doch was passiert, wenn eine Behandlung nicht ausreicht? Hat der Auslands-Zahnarzt für seinen Patienten eine verbindliche Gewährleistung geregelt, kann dieser ihn - oder einen deutschen Zahnarzt am Wohnort, mit welchem er kooperiert - auch mehrmals aufsuchen. Fehlt diese Regelung, ist die Nachbehandlung beim deutschen Zahnarzt aus eigener Tasche zu zahlen. Nur wer sich in Deutschland behandeln lässt, kann sich auf die zweijährige Gewährleistung berufen: Gewährleistungsansprüche gegenüber ausländischen Zahnärzten dagegen sind privatrechtlich einzufordern. Kommt es zum Rechtsstreit, findet das Recht des Landes der Behandlung Anwendung – ein weiterer Nachteil, es sei denn, mit dem Auslandsmediziner ist ein deutscher Gerichtsstand vereinbart. Zwar hat die deutsche Landeszahnärztekammer hier die Möglichkeit, Gutachten anzufertigen und eine Schlichtung durchzuführen. Die Kassen selbst aber unterstützen Patienten nicht dabei, ihre Rechte durchzusetzen.

Seit 2004 gilt in der EU das Recht auf freie Arztwahl. Seither unterziehen sich etwa 50.000 EU-Bürger pro Jahr einer nur halb so teuren Laserbehandlung im Ausland. Ein vermeintliches Schnäppchen, bei dem es sich nicht um einen Badeurlaub, sondern eine nicht immer risikolose Laser-OP handelt. Ganze Reisegruppen machen sich jedes Jahr nach Istanbul auf, um Laser-All-Inklusive mit Flug und Hotel für gut 1.500 Euro in Anspruch zu nehmen. In Deutschland dagegen legt die Gebührenordnung für Ärzte den Preis fest - pro Auge um 2.000 Euro. Eine aggressiv beworbene Fließbandbehandlung, die Voruntersuchung und OP in weniger als einer Woche erledigt. Nicht selten kommt der wichtige, gründliche Check, ob Vorerkrankungen existieren oder sich die Hornhaut überhaupt für das Lasik-Verfahren eignet, zu kurz: Denn diese muss mindestens 0,5 Millimeter stark sein – und eine Laserbehandlung ergibt nur bei Kurzsichtigkeit bis -6 beziehungsweise Weitsichtigkeit bis +3 Dioptrien Sinn. Werden hier Fehler gemacht oder Hygienestandards vernachlässigt, machen Komplikationen weitere Operationen notwendig – um anschließend deutsche Augenarztpraxen zu beschäftigen.

Keinesfalls sind alle Kliniken gleich, aber ihre Qualität aus der Ferne zu beurteilen, bleibt eine Herausforderung, eventuelle Sprachbarrieren inbegriffen. Bei einer Stichprobe der Stiftung Warentest schnitten zwei türkische Kliniken leider schlecht ab: So hatten die Voruntersuchungen augenscheinlich das Ziel, den Eingriff in jedem Fall durchzuführen, außerdem waren die Aufklärung über Risiken sowie die Nachsorge unzureichend. Gute Kliniken arbeiten dagegen mit ausführlichem Aufklärungsbogen und speziellem Hygieneplan, der alle Informationen des Aufklärungsgespräches dokumentiert. Außerdem besteht Transparenz, was Behandlungsdauer und Kosten sowie die Zahl der Eingriffe pro Jahr angeht. In Deutschland dagegen folgt das Verfahren den Behandlungsstandards der Kommission Refraktive Chirurgie (KRC) und des Berufsverbands deutscher Augenärzte (BVA).

Deutschland zahlt drauf

Und die Qualität der Behandlung? Sie ist nicht zwingend schlechter, denn die Standards von der Ausbildung und Laborausstattung entsprechen EU-Standards: Es sind die niedrigeren Lebenshaltungskosten und Löhne, die diese Behandlungen so günstig machen. Weshalb Gesundheitstourismus als konkurrierender Markt nicht ohne Grund genehmigungspflichtig ist: Zwar kann jeder - innerhalb geltenden Rechts – die beste Versorgung innerhalb der EU wählen. Aber die Tatsache, dass die gleiche Leistung im Ausland billiger bereitsteht, ist alles andere als entlastend für das deutsche Sozialversicherungssystem. Denn dieses muss seine Infrastruktur ohnehin bereitstellen – ob in Anspruch genommen oder nicht. Und die Vorteile des deutschen Marktes sind nicht von der Hand zu weisen: So besteht für fast 70 Millionen gesetzlich und über neun Millionen privat Versicherte ein umfassender Leistungsanspruch.

Die Auffassung, dass Ausgaben im Bereich Gesundheit die Wirtschaft immens belasten, greift zu kurz: Hochwertige Gesundheitsversorgung hat einen volkswirtschaftlichen Nutzen, nicht zuletzt, weil sie einen essentiellen Beitrag zu Beschäftigung, Wachstum und Wohlstand leistet. Rolle staatlicher Regulierung muss es daher sein, hier verstärkt systemerhaltend über umfangreichere Vorgaben an Krankenkassen, Ärzte und Verantwortliche einzugreifen. Eine Strategie, Wachstum im solidarisch finanzierten Kernbereich den Weg zu bereiten, könnte eine größere Ausgabentransparenz sein, wobei etwas mehr wettbewerblicher Druck und ein Lernen von anderen Märkten nicht schadet, um die Effizienz zu steigern. Grundsätzlich jedoch gilt: Der Gesundheitsmarkt per se sollte unantastbar sein. (BSZ)

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Kommentare (1)

  1. Marry am 03.06.2016
    Irgendwie wäre mir bei einem so wichtigen Tema wie meiner Gesundheit das Risiko viel zu groß. Natürlich ist die Qualität in vielen anderen Eutopäischen Ländern genauso gut aber eben nicht immer. Ich habe demletzt meine <a href="http://www.augenportal.de/augenklinik/augenlaserzentrum/
    ">Augen Lasern lassen</a> und habe selbst hier in Deutschland ewig gesucht bis ich eine Klinik gefunden habe bei der ich mich absolut sicher gefühlt habe.

    lg
    Maria

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