Wirtschaft

Belectric-Vertriebschef Martin Zembsch (l.) erklärt Ministerpräsident Horst Seehofer und Schweinfurts Landrat Harald Leitherer (CSU), wie man ein Elektrofahrzeug mit Strom betankt. (Foto: schweinfurth)

28.10.2011

„Das ist ja revolutionär“

Der Ministerpräsident erfährt in Unterfranken von einer neuen Technologie für Solarkraftwerke und sieht Bayern wieder auf der Gewinnerseite der Energiewende

Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) sah den Freistaat durch die Energiewende schon auf der Verliererseite. Denn der meiste regenerativ erzeugte Strom hätte künftig von Off-shore-Windparks in Nord- und Ostsee nach Bayern „importiert“ werden müssen. Seit dieser Woche schöpft er jedoch neue Hoffnung. Im unterfränkischen Kolitzheim (Landkreis Schweinfurt) hat er sich über die neuesten Möglichkeiten in Sachen Photovoltaik (PV) informiert.

Spannung im Netz halten

„Das ist ja revolutionär“, meint Seehofer, als ihm Martin Zembsch, Vertriebsgeschäftsführer des Solaranlagenherstellers und Solarkraftwerksbetreibers Belectric, den aktiven Feldversuch mit dem fränkischen Regionalversorger N-Ergie erklärt. PV-Strom unterliegt bei der Erzeugung aufgrund von Verschattungen durch Wolken extremen Spannungsschwankungen. Jetzt haben die Entwickler von Belectric eine so genannte Power Conditioning Unit (PCU) konstruiert, die am Wechselrichter installiert ist. Auch ohne Sonnenlicht kann die PCU eine spezielle Art von Energie erzeugen: die so genannte Bildleistung. Dieser Pseudo-strom kann zwar nichts mit Energie versorgen, ist aber geeignet, wie normaler Strom die Spannung im Netz zu regulieren. Der Wechselrichter kann durch die PCU innerhalb von Zehntelsekunden dem Netz Blindleistung zuführen oder entziehen. „Dadurch können wir die Spannung im Netz immer gleich halten“, so Zembsch. Gemeinsam mit der N-Ergie wird derzeit das neue System getestet.
„Bis ein Gas- oder Kohlekraftwerk anläuft, um die Solarstromlücke zu überbrücken, vergehen rund vier Minuten“, erklärt Zembsch. Durch die technische Neuerung werden große Freiflächen-Solaranlagen, so genannte Solarparks, wieder attraktiv. Sie können maßgeblich zur Stromerzeugung beitragen.
Doch Zembsch sieht noch einige Hürden auf dem Weg zum „Solarkraftwerk Bayern“. So müssen laut Bundesgesetz derzeit für die aufgeständerten PV-Anlagen auf Feldern Ausgleichsflächen geschaffen werden. Denn das Gesetz behandelt die Anlagen wie Gebäude. Grund: Die Verschattung durch die Module. „Wer hat denn den Blödsinn verzapft?“, fragt Seehofer den Belectric-Chef und gibt sich gleich selbst die Antwort: „Berlin!“ Denn unter den Modulen wächst Gras und von Flächenversiegelung wie bei Gebäuden kann man nicht sprechen.
Aber das ist nicht der einzige Pferdefuß. Zembsch fordert von der Politik Vergütungen für Netzdienstleistungen. Die Netzbetreiber sollten ein Entgelt für Spitzenlastsenkung und Spannungsstabilisierung erhalten. Auch die Gewerbesteuerverteilung müsste neu geregelt werden. So sollten Netzbetreiber 30 Prozent dieser Steuer an die Kommune zahlen, in der sie ihren Firmensitz haben, und 70 Prozent an die jeweiligen Standortgemeinden, meint Zembsch.


PV-Anlagen an Stromtrassen

Weil es derzeit schier unmöglich ist, neue Freiflächen-PV-Anlagen in Bayern zu etablieren, fordert Zembsch den Ministerpräsidenten auf, spezielle Flächen hierfür nutzbar zu machen. „Entlang der Stromtrassen könnte man gut PV-Anlagen aufstellen“, meint der Chef von Belectric. Denn dort sei die Landschaft sowieso schon optisch beeinträchtigt.
Um Tage mit zu überbrücken, an denen kein PV-Strom erzeugt werden kann, sollte jeder Solarpark eine eigene kleine konventionelle Stromerzeugungseinheit bekommen. „Die kann mit Gas oder Biodiesel betrieben werden“, so Zembsch. Er sieht den Solarstrom in den nächsten Jahren bei 25 bis 28 Cent die Kilowattstunde. Ein Preis, der nicht so weit entfernt ist von den derzeitigen 23 Cent, die man im Schnitt hierzulande zahlt. (Ralph Schweinfurth)

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