Wirtschaft

In den nächsten vier Jahren steht in rund 20.000 bayerischen Familienbetrieben ein Generationswechsel an. Über die richtige Nachfolgeregelung informierten sich beim Bayerischen Unternehmertag in Scheyern Hunderte Firmenchefs aus dem ganzen Freistaat. (Foto: BSZ)

17.10.2014

„Das ist keine Privatsache“

Von der richtigen Nachfolgeregelung in Familienbetrieben hängen Tausende Arbeitsplätze ab

In den nächsten vier Jahren steht in rund 20.000 bayerischen Familienbetrieben ein Generationswechsel an. Und die Familienbetriebe bilden mit einem Anteil von 90 Prozent an allen Unternehmen das Rückgrat der Wirtschaft im Freistaat. Auch für Arbeitnehmer spielt das Thema eine Rolle, denn 60 Prozent der Berufstätigen zwischen Garmisch und Coburg schaffen bei einem Mittelständler. Höchste Relevanz und Brisanz also für den vom Landkreis Pfaffenhofen ausgerichteten Bayerischen Unternehmertag 2014 im Kloster Scheyern unter dem Motto „Unternehmensnachfolge – neue Strategien“.
Der Referentenkreis war prominent besetzt, allen voran Alfred Gaffal, der Präsident der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw). „Das Thema ist beileibe keine Privatsache und kann eine Menge Probleme bereiten. Trotzdem holen sich nur rund 15 Prozent der Unternehmer vorab fachlichen Rat ein“, bedauert der Präsident. Fast 90 Prozent der Firmenübergaben erfolgt aus Altersgründen – „und meistens zu spät, unvorbereitet und überhastet“, erläutert Bernd Huber, der Vorsitzende des Wirtschaftsbeirats im Landkreis Pfaffenhofen. Er selbst war zwar immer angestellter Manager – zuletzt Geschäftsführer der Firma Flexipack International in Baar-Ebenhausen –, sitzt aber schon seit vielen Jahren in den Aufsichtsräten mehrerer Familienbetriebe und kennt die Problemlage sozusagen aus einem informiert-neutralen Blickwinkel. „Willy Bogner beispielsweise“, verweist Huber auf den bekannten Modedesigner und Filmproduzenten, „hat das Thema ewig vor sich hergeschoben. Nun fand sich niemand in der eigenen Familie und er musste sein Unternehmen mit 72 Jahren verkaufen.“
Der Verkauf ist meist der Worst-Case-Szenario für einen Unternehmer – hat er doch den Betrieb oft über Jahrzehnte hinweg aufgebaut, Geld, Zeit und Nerven investiert. Nicht selten litten unter dem Engagement auch das Familienleben und die eigne Gesundheit. Und dann soll das einfach geschluckt werden von einem Konkurrenten – womöglich noch verbunden mit dem Verlust des Firmennamens, degradiert zur Filiale eines globalen Konzerns. Der 65-jährige Max Hechinger, einer der größten Bauunternehmer im nördlichen Oberbayern, hat diesen Schritt trotzdem schweren Herzens in Erwägung gezogen – weil von den Kindern eben keines Ambitionen verspürte, in die beruflichen Fußstapfen des Vaters zu treten. „Und dann sitz ich da dem Manager eines solchen internationalen Branchenriesen gegenüber“, berichtet Max Hechinger, „und da sagt der mir doch glatt: Man würde überhaupt nur weiterverhandeln, wenn ich die Belegschaft vorher von 150 auf 60 Leute reduziere.“ Die Erinnerung daran berührt den Bauunternehmer noch immer, er schluckt kurz. „Das kam natürlich nicht infrage – man hat doch eine Verantwortung für seine Leute.“ Schließlich entschied sich Max Hechinger, sein Unternehmen qualifizierten, langjährigen Mitarbeitern anzuvertrauen, die nun bereits seit längerer Zeit auf diese Aufgabe vorbereitet werden. Emotionale Gründe stehen Firmenchefs am häufigsten bei der Betriebsübergabe im Weg, weiß auch Bernd Huber. Der Wunsch, das eigene Lebenswerk durch die Kinder fortgeführt zu sehen, verstelle oft den Blick für das Machbare und Notwendige. Doch kurzfristig umplanen hat meist negative Auswirkungen. „Wer daran denkt, sich mit Mitte 60 zur Ruhe zu setzen, der sollte die Übergabe bereits rund zehn Jahre vorher in Angriff nehmen“, rät der Chef des Wirtschaftsbeirats.
Beim Pfaffenhofener Kleiderbügelhersteller Mawa – mit 60 Prozent Anteil am globalen Export ein Weltmarktführer – war es definitiv zu spät, als die derzeitige Chefin Michaela Schenk als Externe von der vorherigen Besitzerin das Ruder übernahm; stolze 82 Jahre zählte die Alt-Eigentümerin, was sich trotz allen Engagements irgendwann auch bei den Bilanzen bemerkbar machte.
Gelungen ist die Übergabe dagegen nach eignem Bekunden beim Brauereigasthof Aying, wie Seniorchefin Angela Inselkammer verrät. Der Sohn führt jetzt das Ruder. Sie und ihr Mann würden zwar noch mitarbeiten im Unternehmen – „aber es muss für alle klar sein, wer das Sagen hat. Und das darf immer nur einer sein“, ist die Gastronomin überzeugt. Ihr Rat an Patriarchen mit mehreren Kindern: Lieber einen Nachkommen auswählen und zum alleinigen Erben bestimmen und die übrigen Kinder auszahlen, als alle irgendwie ein wenig mit an der Geschäftsführung zu beteiligen. „Das gibt nur Chaos. Da sollten sich Unternehmer ein Vorbild an Königshäusern nehmen: Dort gibt es auch immer nur einen Thronfolger.“ (André Paul)

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