Wirtschaft

Das typische mittelständische Unternehmen: 50 Millionen Euro Umsatz und eine Beschäftigtenzahl unter 250. (Foto: dpa)

02.04.2015

Das Rückgrat der Wirtschaft

Globalisierung und Digitalisierung sind für Mittelständler im Freistaat Chance und Risiko

Mittelständische Unternehmen stehen zugleich vor großen Chancen, aber auch vor großen Risiken. Neben der Globalisierung und Digitalisierung können auch verschiedene Wachstumsstrategien und Kooperationen Wettbewerbsvorteile mit sich bringen. Der wichtigste Erfolgsfaktor bleibt daher die Innovationsstärke und Nischenbesetzung von mittelständischen Unternehmen.

Der Mittelstand ist das zentrale Element sozialer Marktwirtschaft. Es ist offensichtlich, dass es immer so genannte Zugpferde und riesige Arbeitgeber wie zum Beispiel Siemens gibt, aber dennoch steht und fällt der Erfolg einer Wirtschaft mit dem Mittelstand. Für das deutsche Wirtschaftswunder in der Nachkriegszeit haben mittelständische Unternehmen eine Hauptrolle gespielt und so lautete auch die Maxime "Wohlstand für alle" des damaligen Wirtschaftsministers. Während immer mehr Personen aus der oberen Schicht in den Mittelstand „abstiegen“, konnten sich zugleich immer mehr Menschen aus der Unterschicht im Mittelstand etablieren. Der Soziologe Helmut Schelsky prägte damals den Ausdruck der nivellierten Mittelstandsgesellschaft und bis heute bezeichnet man den Mittelstand gerne als Rückgrat der deutschen Wirtschaft.

Definieren lässt sich der Begriff des Mittelstands nicht ganz eindeutig: In den meisten Fällen handelt es sich bei mittelständischen Unternehmen um Familienunternehmen sämtlicher Branchen, die eine bestimmte Größe nicht überschreiten. Der Jahresumsatz, die Arbeitsplätze und die Jahresbilanz bilden die Grundlagen zur Einordnung eines Unternehmens. Die Empfehlungen der Europäischen Kommission halten so zum Beispiel Jahresumsätze von maximal 50 Millionen Euro und eine Beschäftigtenzahl unter 250 für mittelständische Unternehmen fest. Die handwerkliche Branche ist hierbei eine der Branchen, die besonders viele Mittelstandsunternehmen umfasst.

Die Relevanz dieser Unternehmen lässt sich jedoch durch einen bloßen Blick auf die deutsche Firmenlandschaft abschätzen, denn über 99 Prozent aller umsatzsteuerpflichtigen Unternehmen in Deutschland zählen demnach zum Mittelstand. Darüber hinaus werden gut 95 Prozent aller deutschen Betriebe als Familienunternehmen geführt. In Anbetracht dieser Zahlen sollte sich die Politik doch über die Stellung und Relevanz des Mittelstandes bewusst sein und agiert dennoch eher zugunsten von Großkonzernen – zumindest ist dieses „Bauchgefühl“ in der Gesellschaft weit verbreitet.

99 Prozent  aller Unternehmer sind Mittelständler

Anfang des Jahres sah  jeder zweite mittelständische Unternehmer in der Politik eine Bedrohung für das eigene Unternehmen. Wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen werden dadurch immer deutlicher als Geschäftsrisiko empfunden. Vor allem die Industrie- und Handelsunternehmen beklagen sich über Beschlüsse wie die zur abschlagsfreien Rente ab 63 Jahren. Auch in der Lohnentwicklung sehen viele Unternehmen ein Geschäftsrisiko und fürchten sogar eine Job-Bremse, die durch die aktuellen Mindestlohnregelungen in Branchen wie der Taxi-Branche oder dem Backhandwerk entstehen könnten. Mehrkosten von rund 10 Milliarden Euro schätzt man nach den aktuellen Beschlüssen somit jährlich für den Mittelstand und die Unternehmen beklagen damit, dass die Politik ihre Bedürfnisse zu wenig bedenke.

Darüber hinaus wird oftmals beklagt, dass für den Mittelstand relevanten Themen wie bessere Rahmenbedingungen für Selbstständige oder bessere Steuerregelungen in der Wirtschaftspolitik kaum umgesetzt werden. Die größte Herausforderung für mittelständische Firmen beginnt schon mit der Finanzierung und so sind diese Unternehmen auch von jeder Finanzkrise am stärksten betroffen: Etwa 80 Prozent ihres Fremdkapitals stammt nämlich aus Krediten. Eine Kreditklemme, wie sie durch Finanzkrisen entsteht, bedroht damit direkt ihre Existenz.

Globalisierung bietet Chancen und Risiken

Eine noch größere Herausforderung stellt für den Mittelstand jedoch die Globalisierung dar. Der Wettbewerbsdruck auf mittelständische Unternehmen steigt von Jahr zu Jahr an, da sie mit einer immer größeren Konkurrenzsituation konfrontiert sind. Firmen aus Ländern mit einem niedrigeren Lohnniveau als Deutschland bieten ihre Leistungen teilweise zu weitaus günstigeren Preisen an. Die Preise im heimischen Markt werden somit immer mehr gedrückt und inländischen Unternehmen bleibt häufig nichts anderes übrig, als massive Einsparungen vorzunehmen.

Die Lohnabsenkungen steht jedoch auch die Mindestlohngrenze gegenüber, die die Arbeitgeber verpflichtet, mindestens 8,50 Euro pro Stunde zu bezahlen. Infolgedessen hat sich in der breiten Bevölkerung die Einstellung gefestigt, dass nur Großkonzerne am Welthandel interessiert sind, da sie oftmals in Entwicklungs- und Schwellenländer vordringen können und von den dortigen Strukturen profitieren. Dadurch würden Mittelständische Unternehmen verdrängt und auf lange Sicht ruiniert werden.

Andererseits profitiert auch der Mittelstand von einigen Vorteilen der Globalisierung, denn die Ware kann teilweise günstiger importiert werden. Abgesehen davon bieten örtlich nahe gelegten Länder Mittel- und Osteuropas den deutschen Unternehmen preiswerte und erfolgsversprechende Standorte und Absatzmärkte, die auch für mittelständische Unternehmen rentabel sind. Eine Chance ist diesbezüglich zum Beispiel die Konzentration auf die eigenen Kernkompetenzen und zugleich die Auslagerung teurer Arbeitsschritte. Auslandsinvestitionen, die früher eine hohe Markteintrittsbarriere dargestellt haben, werden für Mittelständler in manchen Branchen aber immer einfacher realisierbar.

Viele mittelständische Unternehmen haben sich als Antwort auf den Globalisierungsdruck zu festen Kooperationen und Verbundgruppen zusammengeschlossen. Viele kleinere Unternehmen reagieren auf rückläufige Margen oder neue Wettbewerber mit gezielten Wachstumsstrategien. Wichtig ist hierbei jedoch, dass wirklich jeder Mitarbeiter in die konkreten Wachstumsziele eingebunden wird und das Vorhaben gemeinsam gelebt wird. Neben Kapitalinvestitionen sind deshalb auch oftmals große Personalinvestitionen notwendig, um den neuen Strukturen gerecht zu werden.

Digitalen Wandel nicht verschlafen

Wie die Globalisierung können auch die modernen Technologien eine Gefahr und zugleich auch als Chance für mittelständische Unternehmen sein. Einkaufen wird man in absehbarer Zeit wahrscheinlich fast nur noch über Applikationen und Online-Shops. Dies ist auch für viele mittelständische Geschäfte eine Bedrohung, da sie die technologische Wandlung nicht schnell genug vollziehen können. Diese Anpassung scheint somit für viele existenzentscheidend, denn in nahezu jeder Branche finden etliche Geschäftsprozesse nur mehr digital statt. Erfolgreiche Unternehmen jeglicher Größe müssen zudem auch im Internet immer präsent sein und transparent kommunizieren, vor allem wenn es beispielsweise um Qualitätsrichtlinien bei Nischenprodukten geht.

Die Vergleichbarkeit aller Dienstleistungen und Produkte ist durch das Internet immer einfacher geworden und somit muss sich auch jedes kleinere Unternehmen um die digitale Infrastruktur kümmern. Chancen existieren dabei zum einen innerhalb logistischer Abwicklungen, wie Vertriebs- und Zuliefererstrukturen. Darüber hinaus können saisonale und konjunkturelle Schwankungen besser ausgeglichen werden, denn man verfügt über einen deutlich größeren Kundenstamm, der weit über die Grenzen der Heimatstadt hinausgeht. Die Kosten der Digitalisierung werden aufgrund von Cloud-basierten Diensten immer weiter gesenkt und somit ist dieser technologische Fortschritt nun mehr auch für Mittelständler ein entscheidender Differenzierungsfaktor. (BSZ)

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