Wirtschaft

So soll es in Bayerns Industrielandschaft wegen der Energiewende einmal nicht aussehen. (Foto: dapd)

29.07.2011

De-Industrialisierung wegen Energiewende

Bayerische Wirtschaft hat schon jetzt mit den höchsten Strompreisen in Europa zu kämpfen und fürchtet weitere Nachteile

Rund 335 Milliarden Euro wird der Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland bis 2030 kosten. Das hat ein Gutachten im Auftrag der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V. ergeben. Die von der TU Berlin erstellte Studie basiert auf dem Ziel der Bundesregierung, den Anteil des Ökostroms im Rahmen der Energiewende bis 2030 auf 50 Prozent auszubauen, und auf der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) vom Juli 2011. Insgesamt werden auf private Haushalte und die Wirtschaft höhere Stromkosten zukommen. Dies gefährde den Wirtschaftsstandort Deutschland.
Im Rahmen des vbw-Kongresses „Deutschland in der Energiewende“ in München betonte vbw-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt, dass die Ausnahmeregelungen für energieintensive Branchen zu kurz greifen. Denn sie gelte erst ab einem Stromkostenanteil von 14 Prozent. Nach einer Untersuchung der TU Berlin erhöht sich zwar die Anzahl der befreiten Unternehmen von derzeit zirka 600 auf 1500. „Das sind bei 44 000 deutschen Industrieunternehmen aber viel zu wenig“, verdeutlicht Brossardt. Nach Einschätzung der vbw liegt der Stromkostenanteil an der Bruttowertschöpfung in den meisten Industriebetrieben zwischen 5 und 10 Prozent. Hier setzt die vbw auf die Hilfe der bayerischen Staatsregierung.
Gerade Bayern, das durch die Energiewende vom Stromexport- zum Stromimportland werde, laufe Gefahr, in den Strudel einer schleichenden De-Industrialisierung gezogen zu werden, so Brossardt. Denn die Industriestrompreise würden steigen. „Zwischen 2010 und 2023 erhöht sich der Strompreis für die nicht energieintensive Industrie um 53 Prozent und für die energieintensive Industrie um knapp 41 Prozent“, erläutert Brossardt.
Darüber hinaus würde sich durch das Abschalten der Atomkraftwerke die CO2-Bilanz für den Freistaat verschlechtern und im gleichen Zeitraum würden die CO2-Emissionen um 8 Millionen Tonnen auf insgesamt 15 Millionen Tonnen steigen. „Das hat eine Verteuerung der CO2-Zertifikate zur Folge“, sagt Brossardt.

Hohe Personalkosten

Die Industriestrompreise in Deutschland zählen laut Brossardt schon jetzt europaweit zu den höchsten. „Weitere Preissteigerungen gefährden Unternehmen und Arbeitsplätze“, sagt er und fordert eine Deckelung der EEG-Umlage für die gewerbliche Wirtschaft auf 2 Cent pro Kilowattstunde (kWh). Außerdem verweist er auf die hohen Personalkosten in Deutschland, die ebenfalls die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen beeinträchtige.
„Wir sehen diese Problematik und haben deshalb die energieintensive Industrie aus den Klimazertifikaten herausgenommen“, sagt Hans-Joachim Otto, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium. Außerdem befinde man sich mit der „außerordentlich ambitionierten“ Klimawende hierzulande in einer weltweiten Vorreiterrolle. Deshalb müsse durch einen ständigen Monitoringprozess seitens des Bundes sofort gegengesteuert werden, sollte es zu signifikanter Abwanderung von Unternehmen aus Deutschland wegen der zu erwartenden höheren Strompreise kommen. „Wir sind ein Stück weit Suchende und müssen unsere Maßnahmen immer nachjustieren“, erläutert Otto.
Er verweist darauf, dass über 80 Prozent der Deutschen den Atomausstieg wollen. Deshalb müssten sie auch die Konsequenzen in Form von höheren Strompreisen und neuen Stromleitungen mittragen: „Niemand wird hierzulande völlig von Kosten freigestellt.“ Otto geht von 0,5 bis 1,5 Cent pro kWh aus, die der Preis künftig steigen wird. Das sind für einen Vierpersonenhaushalt, der im Jahresdurchschnitt etwa 4500 kWh verbraucht, zwischen 22,50 Euro und 67,50 Euro. Die Energiewende sei eine nationale Herausforderung in ähnlicher Dimension wie die Wiedervereinigung. Aber einen „Energiesoli“ werde es nicht geben. „Das würde die Akzeptanz in der Bevölkerung gefährden“, so Otto.
(Ralph Schweinfurth)

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Jürgen Wechsler, Bezirksleiter IG-Metall Bayern

(JA)

Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft

(NEIN)

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