Wirtschaft

Die Handgriffe werden weniger: ein Arbeiter der Löwenbrauerei an einem halbautomatischen Flaschenfüller um 1910. (Foto: BWA)

10.10.2014

Dem Reißwolf entrissen

Das Bayerische Wirtschaftsarchiv feiert sein 20-jähriges Bestehen mit einer Ausstellung im Landtag, die Lust auf viele Unternehmensgeschichten macht

Aufstieg und Niedergang von Unternehmen: Die Ge- schichte ist voll davon. Leer ausgegangen ist aber lange Zeit die Forschung: Firmenunterlagen wurden zuhauf dem Reißwolf übergeben. Vor 20 Jahren setzten die bayerischen Industrie- und Handelskammern ein Zeichen: Sie gründeten das Bayerische Wirtschaftsarchiv. Das feiert sein Jubiläum mit einer Ausstellung im Bayerischen Landtag.

Heute bringt ein einprägsames Logo auf Geschäftsbrief, Mail und Visitenkarte das Unternehmensimage schon auf einen flüchtigen Blick rüber. Für Details klickt man sich durchs Web. Wer dagegen bei der Nürnberger Firma F. Fleischmann einstmals eine Dampfmaschine oder einen Seifensiederkessel bestellte, erhielt eine Rechnung, von der er nicht so schnell die Augen abwendete – nicht so sehr des Preises, sondern der Gestaltung wegen: Auf gut Dreiviertel der Seite zeigt der Spezialist, wer er ist, was er kann – das reinste Werbeplakat im Kleinen.
Man sieht die Fabrikanlage und Geschäftshäuser aus mehreren Perspektiven, wie durchs Fernrohr blickt man gar in eine Produktionshalle; die Schlote rauchen und der Springbrunnen im Garten der Fabrikantenvilla plätschert. Ausführlich ist die Programmpalette aufgelistet. In Leerräumen stehen in großer Typografie die Telegrammadresse und die Telefonnummer: Nummer 321 war das anno 1898.
Auch heute verweilen Augen oft lange auf solchen Briefbögen: Forschern verschiedener Disziplinen ist solche Geschäftspost eine wahre Fundgrube. Sei es den Kunstwissenschaftlern, die vielleicht Handschriften bekannter Grafiker identifizieren. Sei es den Wirtschaftshistorikern und Heimatforschern, die aus dem Briefschmuck Informationen herauslesen, die sonst nirgendwo mehr zu bekommen sind: Wo das Geschäft, die Firma zu finden waren, wie die Gebäude aussahen. Fotografien, gar Luftaufnahmen von Gesamtanlagen wurden erst in späterer Zeit und dann meist nur von prominenten Unternehmen üblich.
Auch die Suche nach Gründungsdaten hat nach zähem Quellenstudium oft erst beim Studieren von Briefköpfen ein erfolgreiches Ende. Im aufwendig verzierten Briefkopf des Tuch- und Herrenbekleidungshändlers Johann Georg Appel aus Coburg steht das Gründungsdatum 1871 an sichtbarer Stelle, ebenso ein Wappen – Tradition soll Qualität verbürgen.
Klar, die Firmenansichten waren oft idealisierte Darstellungen – vor allem mussten die Schlote immer kräftig rauchen: Das Unternehmen brummte. Auf dem Briefpapier warb man aber auch mit Seriosität: „Feste Preise“ hob Appel in Coburg hervor. Freilich konnte man auch dort ein wenig am Preis schrauben: Wer feine Herrengarderobe, Linoleum oder Pferdedecken im Wert von über 10 Mark kaufte und bar bezahlte, erhielt drei Prozent Skonto.
Solche Briefbögen entdeckt man unter den Exponaten, mit denen das Bayerische Wirtschaftsarchiv derzeit im Maximilianeum sein 20-jähriges Jubiläum feiert. Es ist eine Ausstellung, die mit ihren sowohl optischen wie inhaltlich bedeutenden Stücken unverblümt heiß macht: Auf noch viel mehr Geschichten, die sich das ganze Jahr über in diesem Spezialarchiv in der Münchner Orleansstraße entdecken lassen.
Dabei mag sich der eine begeistern für Geschäftszahlen, die etwas über den Warenhandel, die Gewinne und die Produktivität eines Unternehmens oder einer ganzen Branche verraten. Penibel führte zum Beispiel die Münchner Kunsthandlung Julius Böhler Buch: Ein Boticelli-Bild mit Madonna und Kind hatte einen Verkaufspreis von 75 000 Mark, bekommen hat es Böhler für 9000 Mark. Das war im Januar 1914.
Andere Archivbesucher versetzen sich in die Arbeiter und Angestellten, lesen aus den Unterlagen heraus, wie es einem einstmals bei einem Zehnstundentag mit allenfalls sieben Urlaubstagen jährlich erging. Oder was im ersten Tarifvertrag der Metall und Elektroindustrie in Bayern stand, der 1919 abgeschlossen wurde. Man kann auch verfolgen, wie Arbeitsschutzkleidung und Sicherheitsvorkehrung im Arbeitsalltag allmählich üblich wurden.
Stramm gruppierten sich die Arbeiter der Altöttinger Maschinenfabrik Esterer anno 1875 vor der Maschinenhalle um Zahnräder herum – geradezu stolz schauen sie in die Kamera. Ihre Plackerei mag man allenfalls an dem schweren Werkzeug ablesen, das sie in Händen halten. Ganz anders die Arbeiterin in der Münchner Oldenbourg-Druckerei: Müde, kraftlos kauert sie auf einem Schemel – eine kurze Verschnaufpause, sicher nur für den Moment der Aufnahme (1889). Eine Weile ruht auch das emsige Wuseln in der Versandabteilung der Firma Conradty in Röthenbach an der Pegnitz: Von dort aus gingen Kohlestifte für elektrische Bogenlampen in alle Welt. 1912 beschäftigte Conradty 2400 Arbeiter.
Der Technikbegeisterte mag sich bei Durchsicht des vielen Bildmaterials im Archiv mit der Lupe lieber über den abgelichteten Maschinenpark hermachen und sich das „Konzert“ vorstellen, das im Nebeneinander von alten und einstmals hochmodernen Anlagen die Hallen erfüllt haben mag.
Die Brücke zum Konsumenten schlagen Archivalien zu Marketing und Werbung. Zum Beispiel die Reklamemarken – ein begehrtes Sammlergut: Die kleinen Bilder werben für eine Münchner Desinfektionsanstalt ebenso wie für Trockenmilch oder haltbare Schulkleidung; der Hosenboden hält selbst die Rohrschläge des Lehrers aus, der einen Knirps übers Knie legt, signalisiert ein Bekleidungshersteller.
Mehr als 5500 Regalmeter Schrift, Bild- und Tondokumente zur Unternehmensgeschichte Bayerns hat das Wirtschaftsarchiv inzwischen zusammengetragen – der Platz in der Orleansstraße reicht nicht mehr, man unterhält im Münchner Stadtarchiv ein Außenmagazin. Vom Automatismus, dass Unternehmen von sich aus dem Wirtschaftsarchiv alte Firmenunterlagen übergeben, kann indes noch keine Rede sein: Die Archivare müssen gezielt nachfragen, bohren und überzeugen. Archivleiterin Eva Moser ist nachsichtig: „In der Regel beschäftigen sich Unternehmen mehr mit ihrer Zukunft, die Rückschau gehört nicht zum Tagesgeschäft.“
Was die vier Mitarbeiter des Archivs jedoch zum Teil kistenweise aus Firmenkellern retten, wird nach allen Regeln der Archivkunst geordnet, erschlossen und verwahrt – eine Datenbank mit Geschäftsberichten ist online recherchierbar. Das Archiv ist eine Präsenzeinrichtung – Unternehmen können sich freilich ihre dem Archiv überlassene Dokumente jederzeit zur Eigenrecherche (etwa für Firmenjubiläen) ausleihen. (Karin Dütsch)

Bis 24. Oktober. Maximilianeum, Max-Planck-Str. 1, 81675 München. Mo. bis Do. 9 – 16 Uhr, Fr. 9 – 13 Uhr. www.bwa.findbuch.net

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