Wirtschaft

21.01.2011

„Der Fachkräftemangel ist noch nicht so deutlich sichtbar“

Bayerns Arbeits- und Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) behauptet, dass es keinen echten Fachkräftemangel gibt. Wir sprachen hierzu mit Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V.

BSZ: Bayerns Arbeitsministerin Christine Haderthauer (CSU) denkt, dass es im Freistaat keinen Fachkräftemangel geben wird. Wie sieht die Realität aus?
Brossardt: Unsere Studie „Arbeitslandschaft 2030“ belegt, dass bis 2015 in Bayern über eine halbe Million Fachkräfte fehlen werden, bis 2030 wird diese Lücke auf 1,1 Millionen anwachsen. In manchen Branchen und in manchen Gegenden Bayerns ist der Fachkräftemangel schon heute spürbar.

BSZ: Warum provoziert die Ministerin aus ihrer Sicht mit der Aussage, es gebe keinen echten Fachkräftemangel in Bayern?
Brossardt: Der Arbeitsmarkt in Bayern ist sehr ausgeglichen: kaum Arbeitslose, gute Beschäftigungschancen, aber auch noch keine gravierenden Mangelerscheinungen bei der Besetzung von Stellen. Der Fachkräftemangel ist folglich noch nicht so deutlich sichtbar. Dabei wird aber die künftige Entwicklung außer Acht gelassen, in der die Verhältnisse in einen Mangel an qualifiziertem Personal umschlagen werden. Ich glaube daher nicht an eine Provokation der Ministerin, sondern daran, dass sie die Thematik derzeit noch von einem anderen Standpunkt aus angeht.

BSZ: Viele Langzeitarbeitslose auf der einen, Ingenieurmangel auf der anderen Seite: Das ist die Bandbreite, in der sich derzeit der bayerische Arbeitsmarkt befindet. Was kann man tun, damit der Fachkräftemangel aus endogenen Kräften, sprich aus dem vorhandenen Arbeitskräftepotenzial abgewendet bzw. abgefedert werden kann?
Brossardt: Um die Fachkräfte zu sichern, brauchen wir ein Maßnahmenpaket, bestehend aus fünf Punkten: Erstens müssen wir Arbeitslose schneller qualifizieren und vermitteln. Wir müssen zweitens für eine höhere Erwerbstätigkeit, vor allem bei Frauen, Sorge tragen. Hier ist vor allem der Staat gefragt, die nötigen Kinderbetreuungsangebote bereitzustellen. Wir brauchen drittens längere Lebens- und Wochenarbeitszeiten. Insbesondere darf an der ‚Rente mit 67’ nicht gerüttelt werden. Viertens brauchen wir eine breite Bildungsoffensive, die im frühkindlichen Alter ansetzt und über Schule und Hochschule bis hin zur Stärkung der betrieblichen Aus- und Weiterbildung reicht. Neben diesen Maßnahmen ist fünftens ein geregelter Zuzug von Fachkräften aus dem Ausland unumgänglich.

BSZ: Die Ministerin meint, dass die Firmen selbst schuld seien am Fachkräftemangel, weil die Menschen zu den bestehenden Bedingungen nicht arbeiten wollen. Wie sehen Sie das?
Brossardt: Hauptursache für den Fachkräftemangel ist und bleibt die demografische Entwicklung. Die Unternehmen in Bayern sind als Arbeitgeber für die Menschen attraktiv. Von schlechten Arbeitsbedingungen in der Privatwirtschaft kann nicht gesprochen werden, dies ist sicher auch nicht der Grund, wenn es Engpässe bei der Versorgung mit Fachkräften gibt. Frau Haderthauer sollte bedenken, dass der monatliche Bruttoverdienst in der Privatwirtschaft in Bayern deutlich höher als im öffentlichen Dienst liegt. Auch der Anteil der befristeten Arbeitsverhältnisse ist in der Privatwirtschaft deutlich geringer als im öffentlichen Dienst. In kaum einer Wirtschaftsbranche gibt es relativ gesehen mehr befristete Arbeitsverhältnisse als beim Staat.

BSZ: Brauchen wir eigentlich Fachkräfte aus dem Ausland?
Brossardt: Wir brauchen eine neue Willkommenskultur für qualifizierte Zuwanderer und ein schlüssiges Gesamtsystem für den Zuzug von Fachkräften, das sich stärker an den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts orientiert. An der Einführung eines bedarfs- und qualifikationsorientierten Punktesystems, das transparent macht, nach welchen Kriterien Fachkräfte zuwandern können, führt kein Weg vorbei. Mit einem solchen Punktesystem können Engpässe bei gefragten Qualifikationen verringert und verstärkt Zuwanderer gewonnen werden, die gute Voraussetzungen für eine zügige, nachhaltige Integration in Beschäftigung und Gesellschaft mitbringen.
(Interview: Ralph Schweinfurth)

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