Wirtschaft

Das Goethe-Institut ist in 91 Ländern der Erde vertreten, unter anderem in Ulan Bator, der Hauptstadt der Mongolei. Foto: Schweinfurth

12.11.2010

Deutsch wird als Geschäftssprache immer wichtiger

Der Präsident des Goethe-Instituts lässt derzeit den Stellenwert des Deutschen als Wissenschaftssprache untersuchen

Sprach- und Kulturkompetenz sind Voraussetzungen für wirtschaftlichen Erfolg. Deshalb sollem möglichst viele Menschen im Ausland Deutsch lernen, um mit Exportvizeweltmeister Deutschland Handel treiben zu können. Das wünscht sich jedenfalls das Goethe-Institut.

„Englisch ist als Weltsprache nicht zu toppen“, sagt Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts, zur Staatszeitung. Was früher einmal Latein war, sei heute Englisch. Darum sei es umso wichtiger, Deutsch als zweite Fremdsprache in anderen Ländern zu pflegen bzw. zu etablieren. „In Russland, einem unserer wichtigsten Handelspartner, zeichnet sich derzeit eine gefährliche Entwicklung ab.“ Dort gebe es keine Politik der zweiten Fremdsprache, wie etwa in Frankreich, Italien oder Polen. Bisher habe man kein Problem, genügend Russen in Entscheiderfunktionen von Unternehmen zu finden, die deutsch sprechen. Denn Deutsch hatte in Russland als Fremdsprache bisher einen sehr hohen Stellenwert. „Doch das droht sich zu sich ändern“, so der Präsident des Goethe-Instituts. Dann könnten andere, vor allem englischsprachige Nationen, viel stärker vom bilateralen Handel mit dem riesigen Land und dessen Bodenschätzen profitieren. Denn über Sprache und Kultur werden Lehmann zufolge Emotionen angesprochen, die wiederum geschäftsentscheidend seien.


Eine Kultur der zweiten Fremdsprache schaffen


Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung will Lehmann jetzt die Bundesregierung davon überzeugen, dass es für Deutschland als bedeutende Wirtschaftsmacht entscheidend ist, dass auch in Russland eine Kultur der zweiten Fremdsprache geschaffen wird. Hierzu soll für drei Jahre über die Goethe-Institute in Russland eine entsprechende Kampagne gefahren werden. Das kostet laut Lehmann insgesamt 3 Millionen Euro, die sich aber rentieren werden, um den Waren- und Dienstleistungsaustausch zwischen beiden Ländern weiter auf hohem Niveau zu halten. „Dass es bei der zweiten Fremdsprache auf die deutsche Sprache hinauslaufen wird, ist klar vorauszusehen. Da brauchen wir gar nicht viel zu machen.“
In anderen Ländern hat es das Goethe-Institut wesentlich leichter. So gebe es zum Beispiel in Frankreich, Israel, Italien und Polen steigende Deutschlernerzahlen. „Nur die Verzagtheit der Deutschen, ihre eigene Sprache zu pflegen, stört mich“, sagt Lehmann. Dabei erlebt er gerade im Ausland derzeit ein sehr positives Deutschland-Bild. Seit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 und dem glimpflichen Überstehen der weltweiten Wirtschaftskrise dank intelligenten Instrumenten wie Kurzarbeit begegneten viele Ausländer Deutschland mit Respekt und Sympathie. „Die eigene Sprache zu vernachlässigen, ist nicht gut.“ Wenn Kinder in der Schule alle Inhalte nur in Englisch begebracht bekämen, verkomme das Deutsche zu einer Art Dialekt, der nur zuhause gesprochen werde. „Deutsch ist aber nach wie vor Arbeits- und Wissenschaftssprache und verdeutlicht eine spezielle kulturelle und soziale Kompetenz desjenigen, der sie spricht“, so der Goethe-Instituts-Präsident. Derzeit laufe ein Untersuchung, welchen Stellenwert Deutsch weltweit noch als Wissenschaftssprache habe. Ergebnisse erwartet Lehmann im Herbst 2011.
Wie wichtig Deutsch nach wie vor ist, verdeutlicht der Präsident des Goethe-Instituts an Indien. Dort würden sehr viele Menschen Deutsch lernen, um eine zusätzliche Qualifikation zu erhalten. Was diese, in monetären Parametern ausgedrückt, Wert ist, kann Lehmann leider nicht sagen. Denn dies hat bisher noch niemand zu quantifizieren versucht. Genauso wenig ist jemals die so genannte Umwegrendite – wie man sie von großen Infrastruktureinrichtungen wie Flughäfen oder Messegesellschaften kennt – bezogen auf ein Goethe-Institut errechnet worden. „Was wir aber sagen können: In Italien beispielsweise gewinnen die Goethe-Institute zu jedem Euro, den wir aus öffentlicher Hand bekommen, mindestens das Vierfache durch Partnerleistungen hinzu. An manchen Standorten sogar das Sechsfache!“, so Lehmann.
Insgesamt verfügen die Goethe-Institute weltweit über 3000 Mitarbeiter. „Etwa 250 davon arbeiten hier in der Zentrale in München und etwa 200 sind deutsche Mitarbeiter im Ausland, die meist in Leitungsfunktionen tätig sind“, erklärt Lehmann. Die verbleibenden Mitarbeiter seien so genannte Ortskräfte, die auch nach ortsüblichen Tarifen entlohnt werden. „Wir arbeiten sehr viel mit Honorarkräften und mit angemieteten Räumen. Auf diese Weise sind wir sehr flexibel und können auf die jeweilige Nachfrage nach Deutschkursen reagieren.“ Dies mache das Goethe-Institut mit seinem Jahresetat von rund 275 Millionen Euro zu einem sehr gut zu steuernden Unternehmen. Ungefähr 215 Millionen Euro kommen laut Lehmann vom Bund und etwa 55 Millionen Euro verdiene das Institut selbst über Kurs- und Prüfungsgebühren. Hinzu kämen noch über 5 Millionen Euro Drittmittel zum Beispiel von der Allianz-, BMW-, Mercator- oder Vodafone-Stiftung.
Wie wichtig der deutschen Wirtschaft die Goethe-Institute sind, zeigt sich auch an einem anderen Umstand. So setzen Lehmann zufolge immer mehr deutsche Unternehmen im Ausland auf die deutsche Sprache als Teil der Unternehmenskultur. Ausländische Mitarbeiter müssten auch Deutsch lernen, um im jeweiligen deutschen Unternehmen im Ausland arbeiten zu können. „Das hat etwas mit den deutschen Primärtugenden wie Präzision, Pünktlichkeit und Verlässlichkeit zu tun.“ Diese Eigenschaften seien entscheidend, um gerade bei höherwertigen Produkten die entsprechende Qualität zu sichern.
Um die Menschen weltweit für die deutsche Sprache und Deutschland zu begeistern, setzen die Goethe-Institute nicht nur auf Sprach- und Kulturvermittlung. „Wir gehen in die jeweiligen einheimischen Schulsysteme und bilden dort Lehrer in Didaktik und Methodik aus. Dann können diese Deutsch bis zum Niveau der Hochschulreife unterrichten“, so Lehmann. Auf diese Weise würden gewisse Eliten herangebildet, die dann in ihrem Land entweder direkt einen Job bei einer deutschen Firma bekämen oder zum Studieren nach Deutschland kommen könnten. Dieses System sei in China, Indien und Südamerika ein Riesenerfolg.


Auf Stammtischniveau laufende Migrationsdebatte


Vielfach bieten die Goethe-Institute aber auch spezielle Deutschkurse an, um Fachsprache zu vermitteln, beispielsweise für Medizin oder Technik. „Auf diese Weise tragen wir dazu bei, dass wir in Deutschland qualifizierte Zuwanderung bekommen“, betont Lehmann, der die momentan teils auf Stammtischniveau laufende Migrationsdebatte hierzulande für unsäglich und kontraproduktiv hält. „Die innenpolitisch gemeinte Aussage, dass Multi-Kulti in Deutschland tot sei, kommt im Ausland ganz schlecht an“, so der Präsident des Goethe-Instituts. Denen sei nicht klar, dass in der Bundesrepublik derzeit über die Versäumnisse der Intergration gesprochen werde.
Erfreulich hingegen sei, dass die Goethe-Institute im Ausland eine Marke sind. „Uns kennt man und wir bekommen für Veranstaltungen fast jeden. Ob das nun Volker Schlöndorff ist oder Wim Wenders“, freut sich Lehmann. Und man kenne die Institute. „Wenn ich in Turin einen Taxifahrer nach dem Goethe-Institut frage, kennt der sofort den Weg.“
Dass sich die Zentrale der Goethe-Institute in München befindet, ist Lehmann zufolge der deutschen Nachkriegsgeschichte geschuldet. Man musste im damals geteilten Deutschland wieder Strukturen aufbauen, und so kam das Goethe-Institut nach München. In dieser Zeit ist eine enge Kooperation mit der Landeshauptstadt und ihren kulturellen Einrichtungen entstanden. Jetzt fehlt nur noch eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit der bayerischen Staatsregierung. Zwar sei Bayern ein sehr export-orientiertes Bundesland, doch die Goethe-Institute habe man als Kooperationspartern noch nicht so recht entdeckt.
(Ralph Schweinfurth)
www.goethe.de

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