Wirtschaft

Smartphones sind bei Jugendlichen sehr beliebt. (Foto: ddp)

23.07.2010

Die Abzocke lauert an jeder Ecke

Bayern setzt auf mehr Verbraucherbildung in den Schulen

Bayern will Kindern und Jugendlichen mehr Markt-, Finanz-, Internet- und Datenkompetenz vermitteln. Deshalb haben jetzt Verbraucherschutz- und Kultusministerium ein gemeinsames Projekt erarbeitet, das ab September unter anderem in einem Schulversuch für zwei Jahre an 15 Schulen im Freistaat starten wird.

Die Kaufkraft der 6- bis 13-Jährigen liegt in Deutschland aktuell bei rund 6 Milliarden Euro (in Bayern liegt der Betrag bei etwa 960 Millionen Euro) oder etwa 20 Euro Taschengeld pro Monat. Hinzu kommt noch die nicht quantifizierbare Kaufkraft der Großeltern, die oft großzügig den Nachwuchs mit Barem versorgen. Klar, dass diese große Geldmenge so manche Geschäftemacher reizt, die Gutgläubigkeit und die Unwissenheit von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen schamlos auszunutzen. Sie setzen auf Konsumfreude, Prestige, Markenzwang, Ansehen in der Gruppe, Abenteuerlust und die Kaufkraft.


Erhebliche Wissensdefizite in Sachen Finanzen


„Studien bestätigen, dass Jugendliche erhebliche Wissensdefizite in Sachen Finanzen haben“, sagt Ministerialdirigent Thomas Dickert, zuständig für Verbraucherschutz im bayerischen Justiz- und Verbraucherschutzministerium, zur Staatszeitung. Außerdem steige die Zahl der verschuldeten jungen Erwachsenen enorm. Wurden 2004 noch 53 000 junge Erwachsene unter 20 Jahren als verschuldet gemeldet, so verdoppelte sich deren Anzahl in fünf Jahren auf 128 000 im Jahr 2009.
„Vor allem vor dem Hintergrund psychologisch ausgefeiltester Werbestrategien gewinnt das Thema ökonomische Verbraucherbildung an Bedeutung“, so Dickert. „Darum wollen wir für mehr Verbraucherbildung in allen Schularten sorgen“, ergänzt Elfriede Ohrnberger, Leitende Ministerialrätin im Kultusministerium. An 15 bayerischen Schulen in Augsburg, Bad Griesbach, Eggenfelden, Gauting, Gunzenhausen, Herrieden, Hilpoltstein, Hirschaid, Hofheim, Kemnath, Neustadt an der Waldnaab, Neu-Ulm, Passau, Unterföhring und Wasserburg soll ab dem neuen Schuljahr im September 2010 der Schulversuch für ökonomische Verbraucherbildung starten.
„Wir haben, im Gegensatz zu anderen Bundesländern, in Bayern den Vorteil, dass wir für Verbraucherbildung in allen Schularten ein so genanntes Leitfach haben“, so Ohrnberger. In der Haupt- bzw. Mittelschule ist es das Fach Arbeit-Wirtschaft-Technik, in der Realschule das Fach Betriebswirtschaftslehre und Rechnungswesen und im Gymnasium das Fach Wirtschaft und Recht. Doch soll die Verbraucherkompetenz nicht nur in diesen Fächern gefördert werden. „Man kann Themen wie zum Beispiel Werbung auch in Deutsch oder in einer der Fremdsprachen behandeln“, erläutert die Ministerialrätin. Ziel sei es, dass sich die Verbraucherbildung in möglichst vielen Fächern wiederfinden soll. „So gewährleisten wir Nachhaltigkeit“, betonen Ohrnberger und Dickert.
Der Schulversuch ist darauf angelegt, dass die ausgewählten Schulen durch die Entwicklung von Konzepten auch in Zusammenarbeit mit externen Partnern einen Mehrwert für die anderen Schulen in Bayern schaffen. Es soll laut Ohrnberger möglichst kreativ mit den Angeboten im neuen Portal www.verbraucherbildung.bayern.de umgegangen werden. Die Projektvorschläge und die praktischen Unterrichtshilfen, zugeschnitten auf die bayerischen Lehrpläne, sind als Unterstützung für die Lehrkräfte gedacht.
Da im Bereich Verbraucherschutz laut Dickert ein wahrer „Informationstsunami“ daherkommt, sei es besonders wichtig, dass den Kindern und Jugendlichen sinnvolle Handreichungen gegeben werden. „Wer liest denn schon die Allgemeinen Geschäftsbedingungen, wenn er etwas kauft?“, fragt der Ministerialdirigent rhetorisch.


Pro Monat 900 Werbespots im Fernsehen anschauen


Pro Monat würde die junge Zielgruppe im Schnitt etwa 900 Werbespots allein im Fernsehen anschauen. Auf diese Weise habe man sich schnell mit Flatratetarifen, Super-Sonderangeboten oder niederschwelligen Zahlungssystemen an grenzenlosen Konsum gewöhnt. „Doch irgendwann schnappt die Schuldenfalle zu“, mahnt Dickert.
Und Bayerns Verbraucherschutzministerin Beate Merk (CSU) hebt immer wieder hervor: „Unsere Kinder sind tagtäglich einer Flut von Konsumangeboten ausgesetzt. Mit wenigen Mausklicks schnell einen Musiktitel herunterladen, per gebührenpflichtiger Nummer in Casting-Fernsehsendungen abstimmen, per Handy mal eben ein paar Bilder verschicken – das sind für Kinder tolle Möglichkeiten, doch über die finanziellen und rechtlichen Auswirkungen wissen sie oft viel zu wenig Bescheid. Dies wollen wir ändern.“
Deshalb müsse das kritische Bewusstsein besonders von Kindern und Jugendlichen gefördert werden. Die Schüler sollen in die Lage versetzt werden, Kleingedrucktes richtig einzuordnen, Werbung als Werbung zu verstehen und einmalige Schnäppchen von langfristigen Bindungen zu unterscheiden. So sollen sie zu mündigen Verbrauchern werden, betonen Dickert und Ohrnberger. Hierzu seien Markt-, Finanz-, Internet- und Datenkompetenz notwendig.
Wie funktionieren die Finanzmärkte? Welche Rechte habe ich als Verbraucher? Wie kann ich mich vor Abzocke im Internet schützen? Kann ich mir meine Wünsche leisten? Welche längerfristigen Verpflichtungen gehe ich ein? Was muss ich tun, um meine persönlichen Daten im Internet zu schützen? – In derartigen Fragen sollen Bayerns Schüler künftig noch besser als bisher fit gemacht werden. Gemeinsam mit dem Verbraucherschutzministerium hat das Kultusministerium im Februar 2010 bereits Richtlinien für die ökonomische Verbraucherbildung erlassen. Sie gelten für alle Schularten und sind für die Lehrkräfte verbindlich.
„Bei unserer Initiative setzen wir auch auf die Unterstützung durch das Elternhaus. Es muss uns gelingen, die Kinder und Jugendlichen möglichst frühzeitig fit zu machen für den Lebensalltag“, so Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU). Über das neue Portal www.verbraucherbildung.bayern.de können sich neben den Lehrkräften, für die es in erster Linie konzipiert ist, auch die Eltern und die breite Öffentlichkeit informieren.
Dickert betont, dass das Verbraucherschutzministerium nicht nur Kinder und Jugendliche im Blick hat. Über das Verbraucherinformationssystem VIS Bayern können sich alle – Kinder, Jugendliche und Erwachsene – über Finanzen, Versicherungen, Verbraucherrechte sowie Daten und Medien unterrichten (www.vis.bayern.de). Sie erhalten hier sozusagen „Hilfe zur Selbsthilfe“.


Verschiedenste Bildungsangebote


Verbraucherbildung und Verbraucherinformation greifen Hand in Hand. Unter www.myage-futureplaner.de kann man seine private Altersvorsorge planen und managen. Außerdem fördert das Ministerium verschiedenste Bildungsangebote unterschiedlicher Träger mit einem Gesamtvolumen von 500.000 Euro pro Jahr. Und durch eine interministerielle Arbeitsgruppe wird die Insolvenzberatung im Freistaat vernetzt. Diese vielfältigen Aktivitäten sollen helfen, mehr Verbraucherbildung in breiten Bevölkerungskreisen nachhaltig zu verankern.
Verbraucherbildung im Unterricht ist in Deutschland noch Mangelware. Neben Bayern und Thüringen mit Leitfächern gibt es das Fach Verbraucherbildung nur noch in Schleswig-Holstein. Dort wurde es vor einem Jahr eingeführt, aber nicht in allen Schularten. Somit verfolgt Bayern einen breiteren und nachhaltigeren Ansatz.
Unterstützt wird die Verbraucherbildung im Freistaat von den Verbraucherverbänden, den Schuldnerberatungsstellen, dem Arbeitskreis „SchuleWirtschaft“, der vbw - Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. sowie den bayerischen Industrie- und Handelskammern.
(Ralph Schweinfurth)

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