Wirtschaft

Frisches Gemüse direkt vom Bauern: Das funktioniert mit der solidarischen Landwirtschaft. (Foto: dpa)

21.04.2017

Die Ernte teilen

Solidarische Landwirtschaft: Grüne wollen die Alternative zu Supermarkt-Lebensmitteln vorantreiben

Obst und Gemüse vom Hofladen im Dorf kaufen oder sich Gemüsekisten ins Haus liefern lassen: Das machen schon viele. Die „Solidarische Landwirtschaft“ (SoLaWi) geht einen Schritt weiter. Dabei wird ein Bauer aus der Region mit der Belieferung der wichtigsten frischen Lebensmittel beauftragt, mindestens für ein Jahr. Diese Idee kennt noch nicht jeder Mensch.

„Vertraglich garantierte Direktvermarktung ergibt für Landwirte einen fairen Preis und für die Mitglieder qualitativ wertvolle Produkte zu günstigeren Preisen“: So beschreiben Bayerns Grüne etwas gestelzt die SoLaWi. Die Ökopartei hat sich deren Förderung bei ihrer jüngsten Landesversammlung im Oktober auf die Fahnen geschrieben.

„Es war eine große Kraftanstrengung“


Ganz praktisch kann man SoLaWi am Biolandhof Karl Dollinger in Offenbau erleben. Der Betrieb bewirtschaftet schon seit über 25 Jahren 60 Hektar nach den Prinzipien des ökologischen Landbaus. „Bewusst vielseitig, mit Ackerbau, Milchviehhaltung, Rinderzucht, Gemüsebau, Verarbeitung und Direktvermarktung“, wie Bäuerin Claudia Höps-Dollinger stolz erzählt.

2014 dann der Start mit SoLaWi: 20 „Ernteteiler“ waren es damals. Heute versorgen die Dollingers „112 Ein- und Mehrpersonenhaushalte mit Gemüse, Brot, Eier, Rindfleisch, Getreide, aber auch verarbeiteten Produkten wie Apfelsaft, Sauerkraut, Brotaufstrich, Quark und mehr“, zählt Dollinger auf. Sie bekennt aber auch: „Es war eine große Kraftanstrengung“, auf die aktuelle Ernteteilerzahl zu kommen. Etwa ein Drittel des Hofumsatzes laufe über SoLaWi. „Doch wir wollen nicht ewig wachsen“, 200 Vertragskunden seien das Maximum für ihren Hof, meint sie.

Ehrenamtlicher Hofkoordinator


Einer dieser Konsumenten ist Peter Ostenrieder. Der Nürnberger bringt sich als Hofkoordinator ehrenamtlich in die SoLaWi der Dollingers ein. Das bedeutet: Er ist mit verantwortlich, dass alle Ernteteiler die ihnen zustehende Menge bekommen. Geliefert wird offiziell ab Hof, so steht es im Vertrag zwischen dem Lieferanten und den Kunden. Doch die brauchen nicht jede Woche nach Offenbau zu fahren: In mehreren Depots in Nürnberg holen sie die ihnen zustehenden Lebensmittel ab. Diese Teilstellen werden von „Stadt, Land, beides“ unterstützt, der „Initiative für SoLaWi in der Metropolregion Nürnberg“. Dollinger kennt acht SoLaWis in Mittelfranken. Fünf dieser Höfe liefern zurzeit in die Depots, steht auf der Webseite www.stadt-land-beides.de.

Die Aufteilung der Erzeugnisse sei kein Problem, sagt die Bäuerin: „Jeder kann sich selber genug nehmen. Wir setzen auf Vertrauen, es bereichert sich niemand, es klappt.“ Dabei ist ihr ein Punkt besonders wichtig: Kein Produkt wird nach der Ernte weggeschmissen, nur weil es einen optischen Makel hat. „Bei SoLaWi hat auch die krumme Gurke eine Chance“, loben deshalb Grüne das Prinzip.

Eine Landwirtschaftsreform von unten


Seit 20 Jahren gibt es SoLaWi in Deutschland. 100 Höfe machen aktuell hierzulande mit – in Frankreich sind es über 1000. „SoLaWi ist politisch, eine Landwirtschaftsreform von unten. Man muss halt selber anpacken“, sagt Hofkoordinator Ostenrieder. In Mittelfranken muss beispielsweise jeder Ernteteiler Depotdienst machen. Auch bei der Festlegung der Preise einmal im Jahr sollte man möglichst dabei sein. „Schmierstoffe oder die Versicherung des Bauern, alles ist drin in der Kalkulation. Die Summe wird durch 12 Monate und 112 Abnehmer geteilt, so ist der Bauer finanziert“, rechnet Peter Ostenrieder vor. In diesem Jahr beträgt die Monatssumme 83 Euro für wöchentliche Lieferungen.

Für die Bäuerin ist das Besondere an Solawi: „Verbraucher und Erzeuger überlegen gemeinsam, wie kriegen wir die beste Produktion der Nahrungsmittel auf den Weg.“ Sie lobt im Übrigen ihre Ernteteiler gewaltig: „8,50 Euro Mindestlohn gilt für Bauernhöfe. Unsere Mitglieder haben uns für heuer 10,50 Euro zugestanden“, also den beiden Hofbesitzern und ihren „anderthalb“ Angestellten. Einen Auszubildenden haben die Dollingers übrigens auch. „Wünschenswert wäre aber eine solidarische Preisgestaltung, also jeder zahlt entsprechend seinen Möglichkeiten. So würde jeder wieder mehr über den Wert der Dinge nachdenken“, sinniert sie.

Wissen, was Sache ist auf dem Feld


Das tun Kinder wie Erwachsene schon jetzt bei vielen Aktionen am Hof, von Äpfel pressen über Sauerkraut einmachen bis Erdbeeren hacken: „Wenn ich mal gehackt hab, weiß ich, was Sache ist auf dem Feld.“ Der Kritik eines Besuchers stimmt sie dennoch zu: „Ganz sicher ist SoLaWi aber nicht. Denn die Ernteteiler verpflichten sich ja von Jahr zu Jahr neu.“ Doch die Bäuerin setzt darauf, die Käufer mit hoher Qualität an sich zu binden. Das bedeute aber „großen Kommunikationsaufwand“.

Wäre das Solidarvermarktungsprinzip nicht eingeschlagen, hätte der Hof wohl die Milchwirtschaft aufgegeben. Nun könne man weiter 50 Sommerkulturen und selbst zwei Salatsorten im Winter anbauen. Sogar eine Käserei planen die Dollingers für die Zukunft. Für die Bäuerin jedenfalls ist „Solawi bedingungslose Sicherheit für Bauern“. Weshalb sie sich viele Mitmacher wünscht, Bauern wie Ernteteiler.
(Heinz Wraneschitz)

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