Wirtschaft

Die JVA Straubing soll Topadresse für die Wirtschaft werden. (Foto: dapd)

08.06.2012

Die Konkurrenz aus dem Knast

Mit Toptechnologie und Niedriglöhnen wetteifern deutsche Gefängnisse um Aufträge – Als verlängerte Werkbank für den Mittelstand positionieren sie sich als Alternative zu Fernost

Das Monster mit dem Flachbildschirm kostet 200.000 Euro. Dieses Wunder der Technik bohrt, fräst und sägt Holz in Rekordzeit. Ein Arbeiter steuert die Maschine aus dem Handgelenk, mit Mausklicks. Ein aufwendiger Schrank ist nach zwei Minuten fertig. Eine Fabrikhalle weiter rollen Turbinenteile für den Eurofighter vom Band. Arbeiter präparieren sie für die Produktion. „Es beeindruckt mich immer wieder“, sagt Karl-Heinz Bischoff, „mit welcher Begeisterung hier für 1,80 Euro die Stunde gearbeitet wird“. Der Werksleiter des Triebwerkherstellers MTU arbeitet in der Justizvollzugsanstalt Straubing. Morgens kommt er, abends geht er wieder. Dazwischen leitet er rund 100 Gefangene an, die hier für MTU arbeiten.


Eine wichtige Produktionsstätte für süddeutsche Unternehmen


Längst hat sich Straubing, das zweitgrößte Gefängnis Bayerns, zu einer wichtigen Produktionsstätte für süddeutsche Unternehmen entwickelt. Die Auftraggeber aus der Industrie schätzen den Mix aus Niedriglöhnen und hoher Qualität. „Früher haben wir uns hinter unseren hohen Mauern versteckt“, sagt Gunther Zettl. „Jetzt gehen wir mehr in die Offensive.“ Regierungsamtsrat Zettl will Straubing zur Topadresse für die Wirtschaft machen. Damit sie ausgerechnet hier Arbeitsplätze schafft. Der Freistaat Bayern hilft, indem er Hunderttausende Euro in neue Werkshallen, Fertigungsanlagen und die Ausbildung der Gefangenen investiert. Auf Messen werben Zettl und seine Kollegen um den Mittelstand.
„China in Deutschland“ ist das Motto, mit dem auch andere Bundesländer verstärkt ihre Gefängnisse vermarkten: als verlängerte Werkbank für das verarbeitende Gewerbe. Santa Fu allein ist zu wenig – „Wer arbeitet, sägt nicht“, heißt es. Auch deshalb gibt es eine Arbeitspflicht im Knast. Doch deutschlandweit gilt die Hälfte der Häftlinge als arbeitslos, weil nicht jeder in der Küche, Wäscherei oder Bibliothek Arbeit findet. Seit Jahren eröffnen die Gefängnisse daher eigene Betriebe.
Die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen sind mancherorts bereits Kult: In Hamburg ist die Knastmarke Santa Fu stadtbekannt. Häftlinge produzieren Kochbücher mit Rezepten („Huhn in Handschellen“) und Spiele („Memory Santa Fu“). In Sachsens Gefängnissen werden neben Nussknackern auch schwarz-weiß gestreifte Räuchermänner, Modell „Gefangener“, hergestellt und im Onlineshop verkauft.
Das reicht aber längst nicht, um die Arbeitslosigkeit im Knast dauerhaft zu drücken. Den Durchbruch auf dem Weg zur Vollbeschäftigung sollen deshalb Auftraggeber von draußen bringen. Dafür schnüren die Gefängnisse den Unternehmen ein Rundum-sorglos-Paket: Sie stellen die Räume, sorgen für die Auswahl von Gefangenen mit den benötigten Fähigkeiten und investieren teilweise sogar in eigene Maschinenparks.
Firmen, denen das nicht reicht, können ihre eigenen Produktionsanlagen im Knast installieren und bekommen dann so viele Arbeitskräfte zugeteilt wie sie brauchen. Vorreiter beim Werben um Aufträge ist Süddeutschland, wo die Wirtschaft brummt. Um vom Boom der Unternehmen zu profitieren, vermarktet Bayern bereits 90.000 Quadratmeter Produktionsfläche in seinen Gefängnissen – „an 37 Standorten in Ihrer Nähe“, wie es in feinstem PR-Deutsch heißt.
Auf dem Werksgelände der JVA Straubing sind viele Firmennamen zu lesen, auch der von BMW. Foeldeak, Hersteller von Sportmatten, expandiert sogar, lässt eine zweite Produktionshalle herrichten. Und MTU fährt am Samstag Sonderschichten. Doch nur wenige Unternehmen gehen offen damit um, dass sie hinter Gittern produzieren. „Es hat wohl immer noch etwas Schmuddeliges“, bedauert JVA-Manager Zettl. Viele der aktuell rund 820 Gefangenen in Straubing sind lebenslänglich hier und für die Öffentlichkeit nicht gerade Sympathieträger. Trotzdem läuft das Geschäft.
Bayerns Gefängnisse schaffen rund 45 Millionen Euro Umsatz im Jahr, allein in Straubing sind es 7 Millionen Euro. Der Grund: Viele Unternehmen entdecken, dass sich im Knast Produktionsspitzen ausgesprochen günstig abfedern lassen. Zwischen 8,51 Euro und 14,18 Euro verdienen Gefangene. Und zwar pro Tag. Das hat nicht der Markt, sondern der Staat entschieden: Die Löhne werden jedes Jahr nach einem bestimmten Schlüssel neu festgelegt.
„Die Arbeitskosten sind genauso niedrig, aber die Qualität der Produkte ist oft besser als im Bil-ligausland“, sagt Roland Kölsch. Seine Unternehmensberatung MSO Consulting bereitet Gefängnisse auf die neue Zeit vor. „Die Insassen werden extra für eine spezielle Tätigkeit ausgebildet“, erklärt Kölsch, „danach stehen sie lange als spezialisierte Arbeitskräfte zur Verfügung“. Das mache die Produkte fehlerfrei – was wiederum Unternehmer anlocke.
Wer in Osteuropa oder Asien schlechte Erfahrungen gemacht hat, kann oft trotzdem nicht einfach zurückkommen nach Deutschland: viel zu teuer. Außer er geht in den Knast, wo die Löhne global wettbewerbsfähig sind. Da die Wege zum nächsten Knast meist kurz sind, ist selbst Just-in-time-Lieferung kein Problem. Kurz vor 16 Uhr. Nach knapp acht Stunden Arbeit beginnt das „Einrücken“ in Straubing. An den Türen warten Metalldetektoren auf die Gefangenen. Der Lkw, der nun das Gelände mit der Tagesproduktion verlässt, fährt in eine Schleuse. Ein sensibler Körperwärmesensor stellt sicher: Auch morgen früh tritt die Belegschaft wieder vollzählig zum Dienst an.
(Felix Wadewitz)

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Kommentare (1)

  1. Peters am 08.06.2012
    Diese "Zwangsarbeit" hat in meinen Augen einen faden Beigeschmack. Was sagen die Gewerkschaften dazu? Im Prinzip werden doch die Gefangenen ausgenutzt und auf Dauer durch die Billigproduktion Arbeitsplätze vernichtet oder sehe ich das falsch?

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