Wirtschaft

Löten, schweißen, verpacken - Knapp 480 Menschen mit Behinderung erwirtschaften in der Münchner Lebenshilfe Werkstatt je nach Auftragslage einen Jahresumsatz zwischen 4 und 5 Millionen Euro. (Foto: Schweinfurth)

14.10.2011

Die Lebenshilfe arbeitet für MAN und BMW

Menschen mit Behinderung fertigen in München Teile für die Automobilhersteller

Es riecht nach Öl, es ist laut und im Hintergrund schweißen Menschen und Roboter Teile zusammen. Knapp 480 Menschen mit Behinderung erwirtschaften in der Münchner Lebenshilfe Werkstatt je nach Auftragslage einen Jahresumsatz zwischen 4 und 5 Millionen Euro. Die stark auf Metallverarbeitung ausgerichtete Werkstatt produziert vorwiegend Teile für BMW und MAN. „Wir haben keinen Bonus. Unsere Auftraggeber behandeln uns genauso wie jeden anderen Auftragnehmer. Darum muss die Qualität, die wir liefern, immer 100 Prozent betragen“, sagt Leonhard Wagner, Geschäftsführer der gemeinnützigen Lebenshilfe Werkstatt GmbH zur Staatszeitung.
Egal ob Kabelbäume, Entlüftungsschläuche für Autobatterien oder Ausgleichsscheiben für Kofferraumdeckel – alles muss den Automobilherstellern termingerecht geliefert werden. „Und obendrein muss der Preis stimmen“, betont Wagner. Denn die Werkstatt steht im Wettbewerb mit allen anderen Automobilzulieferern am Markt.

Gleichförmige Tätigkeiten

Die Qualität der Teile zu gewährleisten, ist laut Helmut Baumgärtner, dem zuständigen Integrationsassistenten in der Lebenshilfe Werkstatt, kein Problem: „Menschen mit Behinderung lieben gleichförmige Tätigkeiten.“ Während andere nach einigen Stunden Fehler machen würden, bliebe die Präzision, die Menschen mit Behinderung liefern, immer gleich. „Dafür sind sie mit Situationen überfordert, in denen sie sich schnell umstellen oder spontan reagieren müssen“, erklärt Geschäftsführer Wagner. Doch um damit klarzukommen, haben sie Unterstützung durch die Gruppenleiter der Werkstatt. „Außerdem sind Menschen mit Behinderung extrem motiviert, weil sie beweisen wollen, dass sie genauso gut sind wie Nichtbehinderte“, betont Baumgärtner.
Um die Qualität zu sichern, hat die Werkstatt ein Qualitätsmanagementsystem und ist im Produktions- sowie im Rehabilitationsbereich TÜV-zertifiziert nach ISO. Interne und externe Audits runden die Qualitätssicherung ab.
Seit den 1970er Jahren besteht die Kooperation der Lebenshilfe Werkstatt mit BMW. Dem weiß-blauen Hersteller von Premiumfahrzeugen ist es laut Wagner wichtig, in der Öffentlichkeit auch als soziales Unternehmen wahrgenommen zu werden. Das ist ein Grund für die jahrzehntelange Zusammenarbeit. Aber aus Mitleid verlängert BMW sein Engagement bei der Werkstatt nicht. Es sind ganz nüchterne betriebswirtschaftliche Faktoren, die immer wieder zur Auftragsvergabe an die Werkstatt führen.
„Wir haben zwei ökonomische Vorteile“, sagt Matthias Strobel, der in der Werkstatt für die Auftragsakquise zuständig ist. „Zum einen können Unternehmen, die Aufträge an uns vergeben, ihre Ausgleichsabgabe minimieren, die sie zahlen müssten, wenn sie keine Menschen mit Behinderung beschäftigen. Und zum anderen müssen wir nur einen Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent berechnen, weil wir ein gemeinnütziges Unternehmen sind“, erläutert Strobel.
Damit der Auftragseingang eine ausreichende Kontinuität erreicht, ist die Münchner Lebenshilfe Werkstatt in BAIKA vernetzt, dem bayerischen Automobil-Cluster, den die Bayern Innovativ GmbH aus Nürnberg managt. Einmal konnte sich die Münchner Lebenshilfe Werkstatt auch bei Audi im ungarischen Györ präsentieren. „Dort werden kleinere Serien produziert, für die auch wir als Zulieferer geeignet wären“, erklärt Wagner. Allerdings ist daraus bisher kein Auftrag geworden.
Seit das Thema Inklusion stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt ist, kommen verstärkt auch Firmen von sich aus auf die Münchner Lebenshilfe Werkstatt zu, erläutert Wagner. Dieser Trend habe sich in den letzten ein zwei Jahren entwickelt. Auf diese Weise ist auch ein ausgelagerter Arbeitsplatz bei Poster XXL in unmittelbarer Nachbarschaft zur Werkstatt entstanden.
Aber auch bei anderen Unternehmen wie dem Luftfahrtzulieferer Ruag aus Weßling sind zwei Menschen mit Behinderung der Münchner Lebenshilfe Werkstatt beschäftigt. Bei Ruag ist millimetergenaues Arbeiten an Flugzeugfenstern für Airbus gefragt.
Die Menschen mit Behinderung sind aber nicht nur zum Arbeiten in der Werkstatt. Sie erhalten dort auch Bildungsangebote und Beratung für ihren Alltag. So werden zum Beispiel Internetkurse angeboten. Um diesen Bereich zu finanzieren, erhält die Werkstatt staatliche Förderung. Im Fall der Münchner Werkstatt ist das Verhältnis etwa 55:45. Vom Staat kommen etwa 6 Millionen Euro an Fördergeldern pro Jahr und erwirtschaftet werden bis zu 5 Millionen Euro pro Jahr.


Teile für MAN verpacken

Der Metallbereich ist aber nicht alles, was die Werkstatt zu bieten hat. Manche der bis zu 480 Menschen mit Behinderung, die dort arbeiten, sind auch im Bereich Verpackung tätig. Sie stecken zum Beispiel MAN-Originalteile in die entsprechenden Kartons und packen diese dann in große Palettenwagen. Wieder andere sorgen im Bereich Hauswirtschaft für die tägliche Reinigung der Werkstatt-räume. „Die hat bis vor Kurzem noch ein externes Dienstleistungsunternehmen für uns gemacht“, erläutert der Geschäftsführer. Aber auch im Bereich Wäscherei oder Großküche sind Menschen mit Behinderung tätig.
Insgesamt ist die Münchner Lebenshilfe Werkstatt auf drei Standorte verteilt. Seit einem Jahr betreibt sie auch noch das Café im Sozialbürgerhaus im Münchner Stadtteil Obersendling. Ganz neu hinzugekommen ist eine Zweigwerkstatt mit 40 Plätzen für Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen. „Dort gibt es mehr therapeutische Angebote. Diese Menschen brauchen viel Gesprächsangebot, und einen ganzen Tag durchzuhalten, fällt ihnen schwer“, sagt Wagner.
Aber auch Stress und Hektik, die das Alltagsleben in Deutschland prägen, stellen für die Menschen mit Behinderung eine große Herausforderung dar. Michaela Rabus zum Beispiel arbeitet an vier Tagen in der Werkstatt und am fünften in einem Kindergarten. „Dort war auch ich als Kind“, sagt sie und betont, wie wichtig ihr die Arbeit ist. Sie kann sich gut vorstellen, ganz in diesem Kindergarten zu arbeiten, wenn es möglich wäre. Bevor sie in die Werkstatt kam, hat sie diverse andere Arbeitsstätten ausprobiert, ist aber immer wieder am dort herrschenden Druck gescheitert. Ähnlich erging es Angela Jörg, die in einer der Werkstatt nahegelegenen Supermarktfiliale ausgeholfen hat. Auch ihr wurde ihr eigenes Arbeitstempo, das im Rahmen ihrer Möglichkeiten liegt, zum Verhängnis.


Problem Leistungsdruck

Mit dem Leistungsdruck in der modernen Arbeitswelt können aber nicht nur Menschen mit Behinderung nicht mehr mithalten. Wertstatt-Geschäftsführer Wagner bestätigt, dass immer mehr psychisch Erkrankte in die Werkstätten drängen.
Um in einer Werkstatt einen Platz zu bekommen, absolvieren die Menschen mit Behinderung, die meist von Förderschulen kommen, ein Praktikum. Wenn die Werkstatt die richtige Einrichtung für sie ist, folgt eine dreimonatige Eingliederungsphase, die zur 27-monatigen beruflichen Bildung gehört. Doch wie so oft im sozialen Bereich übersteigt die Nachfrage das Angebot. Deshalb ist es eine wichtige Aufgabe für die Politik im Freistaat, den Werkstätten die Mittel zur Verfügung zu stellen, dass sie den Menschen mit Behinderung eine Teilhabe am Arbeitsleben in den Werkstätten oder auf einem so genannten Außenarbeitsplatz ermöglichen können.
Das Modell mit dem Außenarbeitsplatz kommt Wagner zufolge viel besser bei der freien Wirtschaft an als etwa das Bestreben, Menschen mit Behinderung einen regulären sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz zu geben. Denn sollte sich für ein Unternehmen die Auftragslage negativ entwickeln, können Personalüberhänge im Bereich der Menschen mit Behinderung nicht so leicht abgebaut werden. Sonderkündigungsschutzregeln sind zu beachten.
Im Konzept der Außenarbeitsplätze könnte also ein Potenzial für Menschen mit Behinderung und für die Firmen liegen. Nun gilt es also nur, diese Möglichkeit bei Bossen und Personalchefs bekannter zu machen.
(Ralph Schweinfurth)

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