Wirtschaft

24.08.2012

Drei Bahnen und drei Weichenstellungen

Mittelfrankens Schienenverkehrspläne unterscheiden sich sehr

Drei größere Projekte für den schienengebundenen öffentlichen Personennahverkehr gibt es derzeit in Mittelfranken. Das Engagement der jeweils zuständigen Politiker für die einzelnen Maßnahmen könnte unterschiedlicher kaum sein.
Beispiel 1 „Hesselbergbahn“:
„Die Wiederinbetriebnahme der „Hesselbergbahn“ sei „gemeinsamer politischer Wille in der Region. Das war immer so und wird so bleiben“, stellt Ansbachs Landrat Jürgen Ludwig (CSU) auch im Namen seiner Kollegen aus den Landkreisen Weißenburg-Gunzenhausen und Donau-Ries klar.
Eine bezirksübergreifende und sogar Bundesländer verbindende Angelegenheit war sie einst, diese Hesselbergbahn zwischen Ansbach, Nördlingen und Gunzenhausen. Und das soll sie möglichst auch wieder werden. Wie viele andere Nebenstrecken, war sie von der einstigen Bundesbahn stillgelegt worden. Doch schon in zwei Jahren sollen wieder Regelzüge im Bayerntakt über die Hesselbergbahn rollen. „Das Signal ist auf Grün gestellt für das Teilstück Dinkelsbühl-Dombühl“, verkündete Landrat Ludwig mit sichtlich großer Freude.
Sein Kollege Gerhard Wägemann (CSU) aus dem Nachbarlandkreis Weißenburg-Gunzenhausen bekräftigte den „ausdrücklichen Wunsch: mindestens bis Wassertrüdingen“. Der Ansbacher Kreischef assistierte: „Wir wollen auch an den zunächst nicht berücksichtigten Strecken dranbleiben.“ Wassertrüdingen wäre sonst im Jahre 2019 die erste Stadt Bayerns ohne Bahnanschluss, in der eine Landesgartenschau stattfinden wird.
Katja Hessel (FDP) hatte sicherlich mehr Dank erwartet. Die Staatssekretärin aus dem bayerischen Verkehrsministerium war extra nach Westmittelfranken gereist, um sich und ihre Behörde für „die Reaktivierung der Bahnlinie Dombühl-Dinkelsbühl als Musterbeispiel für eine bessere Verkehrserschließung des ländlichen Raums“ feiern zu lassen.
Nie wirklich stillgelegt
Dass dies schnell passieren könnte, hat mehrere Grunde. Da ist zuerst einmal das Glück zu nennen, dass die Strecken nie wirklich stillgelegt wurden. Zunächst nahm ein Museumseisenbahnclub sich der Gleise an und darauf einen Zugbetrieb auf. Heute fahren die Eisenbahnfans als „Bayernbahn GmbH“ (BB) nicht nur mit historischen Personenzügen auf und ab: Der reaktivierte Güterzugverkehr sei überaus erfolgreich, so Geschäftsführer Andreas Braun. Dessen BB würde 8 Millionen Euro in die Hand nehmen, um die Gleise und Bahnsteige wieder bayerntaktreif zu machen. Auch die Strecke dauerhaft mit der DB-AG vergleichbaren Preisen betreiben würde die Bayernbahn laut Braun.
Damit wären zwei der laut Katja Hessel drei „bayernweit identischen Kriterien für mögliche Reaktivierungen“ erfüllt. Träfen alle drei zu, sei „der Freistaat bereit, Regionalzüge auf Reaktivierungsstrecken zu bestellen“. Das gelte auch für tatsächlich stillgelegte Strecken, so die Staatssekretärin auf Nachfrage.
Die dritte Voraussetzung, warum das Ministerium für Dombühl-Dinkelsbühl jetzt die Grüne Kelle hob und die Lokalpolitik jubeln konnte: Der Verkehrsverbund Großraum Nürnberg (VGN) hatte hier mehr als 1000 Fahrgäste täglich pro Streckenkilometer im Stundentakt für das Jahr 2020 prognostiziert. Die anderen Bahn-Teile rund um den Hesselberg liegen nach VGN-Rechnung knapp unter diesem Grenzwert.
Beispiel 2 „Bibertbahn“:
Auch die Bibertbahn zwischen Nürnberg und Rügland wurde im letzten Jahrtausend stillgelegt. Teilweise wurden sogar die Gleise herausgerissen, auf manchen Streckenteilen sind heute Fahrradwege angelegt. Und anders als um den Hesselberg sind hier Fürths Landrat Matthias Dießl (CSU) und die meisten Lokalpolitiker nicht bereit, als Zugpferde die frühere „Bibert-Bärbel“ wieder aufs VGN-Gleis zu stellen.
Hinter der „Interessengemeinschaft IG Bibertbahn“ stecken viele Hobby-Eisenbahner. Zwar ist auch der Stellvertretende Landrat Franz X. Forman in der IG. Doch der gehört den Freien Wählern an. Dagegen sind die SPD und die CSU im Kreis mehrheitlich nicht bibertbahnbegeistert.
Eine Privatbahn – die Rhein-Sieg-Eisenbahngesellschaft RSE – hat ihr grundsätzliches Interesse bekundet, die Strecke für über 20 Millionen Euro wieder instand zu setzen. Auch die Betriebszusage, wie vom Ministerium gefordert, liegt von RSE vor, wenn auch mit einer Bürgschaftsforderung an den Landkreis. Selbst die für den Halbstundentakt vom Freistaat geforderten 2000 täglichen Fahrgäste pro Schienenkilometer scheinen sicher: Eine Machbarkeitsstudie des VGN hatte die magische Zahl überschritten.
Haken an der Sache im Biberttal: „Wir haben heute schon ein gut funktionierendes Bahnangebot mit S- und Rangaubahn. Und mit dem Bus sind wir im 10-Minuten-Takt schon an den Großraum Nürnberg-Fürth angebunden.“ Landrat Dießl sieht deshalb im 30-Minuten-Bahntakt sogar eine Verschlechterung. Zumal die Hälfte der 2000 Bahngäste vom Bus abgezogen würde, wie die VGN-Rechnung ergeben hat.
SPD-Kreistagssprecher Harry Scheuenstuhl sieht seine Partei „im Prinzip nicht gegen die Wiederinbetriebnahme der Biberttalbahn. Aber die Buslinie 113 muss weiterhin erhalten bleiben. Das fordern die Bürger der betroffenen Orte von uns“, behauptet er.
Solche zwiespältigen Bekundungen hört IG-Sprecher Dieter Beck in den letzten Jahren immer wieder. „Wir wissen wirklich nicht mehr, was wir unternehmen sollen. Das Problem: Mit wem ich spreche, der ist voll dafür. In den Sitzungen stimmt die Mehrheit dagegen. Ich kann mich auf die Aussagen nicht verlassen“, lautet seine Politikerkritik.
Beispiel 3 „Stadt-Umland-Bahn“ (StUB):
Für die StUB, die Verlängerung der Nürnberger Straßenbahn über Erlangen bis Herzogenaurach und Uttenreuth, gelten andere Finanzierungsgrundsätze als für stillgelegte Eisenbahnstrecken. Doch auch hier: Die Bedingungen wären erfüllt, eine neutrale Studie hat eine Wirtschaftlichkeit größer 1,0 ergeben.
Während die Stadt Nürnberg seit Langem das StUB-Signal auf Grün gestellt hat, steht es in Erlangen noch auf Knallrot. Vor allem Oberbürgermeister Siegfried Balleis hat Bedenken wegen über 5 Millionen Euro jährlicher Folgekosten für seine Stadt (Staatszeitung berichtete). Nun hat der Landkreis Erlangen-Höchstadt wieder auf „Gelb“ geschaltet. Man wolle abwarten, ob die Erlanger Stadtspitze im Herbst wenigstens einem gemeinsamen Förderantrag zustimme, der zu nichts verpflichtet, heißt es aus dem Landkreis Erlangen-Höchstadt. Gespaltene Politikereinstellungen – kein Schub für neue Bahnen.
(Heinz Wraneschitz)

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