Wirtschaft

Datev-Gründer Heinz Sebiger mag nicht nur IT, sondern auch Japan und seine Kultur. (Foto: Schweinfurth)

08.03.2013

Ein IT-Fan feiert 90. Geburtstag

Datev-Gründer Heinz Sebiger nutzt auch im hohen Alter moderne Kommunikationstechnologie, um seinen Alltag einfacher zu gestalten

Ich habe zwei Windows-PCs, ein MacBook Air, ein iPad und ein iPhone“, sagt Heinz Sebiger. Der Datev-Gründer, der morgen seinen 90. Geburtstag feiert, erläutert, warum ihn seit jeher moderne Informationstechnologie interessiert und fasziniert.
Just am Tag des Gesprächs mit der Staatszeitung rollte eine Schneewalze über Nürnberg hinweg, so dass Sebiger wegen des hohen Schnees morgens nicht so leicht an seinen Briefkasten vorm Haus kam: „In solchen Situationen schätze ich es sehr, dass ich meine Tageszeitungen auf dem iPad lesen kann.“ Aber nicht nur widrige meteorologische Umstände machen die mobilen Endgeräte für den einstigen Datev-Chef zum täglichen Begleiter in allen Lebenslagen.
„Wegen eines Augenleidens ist es für mich durch den Kontrast auf dem Display komfortabler, auf dem iPad Zeitung zu lesen“, erklärt Sebiger. Außerdem trainiert er regelmäßig seine Englisch-Kenntnisse, indem er die Audiowiedergabe bei der englisch-sprachigen Zeitung The Economist aktiviert. „Jetzt bin ich ja bald 90 und habe niemanden mehr, mit dem ich regelmäßig Englisch sprechen kann. Da hilft dann so eine Funktion, dieser Sprache nahe zu bleiben.“

Mitte der 1960er Jahre war der Arbeitsmarkt leergefegt


Sebigers Faszination für moderne Informationstechnologie zieht sich schon durch sein ganzes Leben. Als er 1966 die Datev, den IT-Dienstleister für Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwälte gründete, stand ebenfalls  die sich entwickelnde EDV im Mittelpunkt der Geschäftsidee. Es ging darum, die Buchführung für Unternehmen zu erleichtern. „Mitte der 60er Jahre brummte die Wirtschaft und der Arbeitsmarkt war leergefegt. Man bekam keine Buchhalter mehr. Also lagerten die Firmen die Buchhaltung aus“, schildert Sebiger die Vergangenheit. Auch die Steuerberater spürten natürlich den Arbeitskräftemangel. Aus diesem Trend entstand die Datev. Sebiger und seine Mitstreiter ließen als erstes ein EDV-Programm für Kanzleien entwickeln, um die Buchhaltung effizienter abwickeln zu können.
Auch heute geht es bei der Datev noch um Erleichterungen für die Steuerberater. Doch aus der einst mit zwei Mitarbeitern gegründeten Datev ist heute der größte industrielle Arbeitgeber Nürnbergs geworden. 6400 Menschen sind jetzt bei der Datev beschäftigt, die erst vor kurzem auf Platz zwei der bundesweit beliebtesten IT-Arbeitgeber gewählt wurde – hinter Microsoft und vor SAP (Platz drei) sowie T-Systems (Platz vier).
Sebiger, der bei einer alleinerziehenden Mutter aufwuchs und mit 14 eine Kaufmannslehre in einem Bauunternehmen begann, hat nach dem zweiten Weltkrieg neben dem Beruf als Steuerbevollmächtiger über den zweiten Bildungsweg sein Abitur nachgeholt und Volkswirtschaftslehre studiert. Sein Credo hat ihm bereits seine Mutter mit auf den Weg gegeben: „Wissen ist Macht. Das kann dir keiner nehmen, auch keine Inflation.“ Unter dieser Prämisse hatte Sebiger auch die Datev gegründet.
Mittels der Genossenschaftsidee sammelten Sebiger und seine damaligen Mitstreiter genug Kapital ein, um sich bei Firmen wie IBM Rechnerleistung kaufen zu können. Dort entwickelten sie dann das erste Programm für Steuerberater. Als 1968 in der Bundesrepublik Deutschland die Mehrwertsteuer eingeführt wurde, konnten er und seine Genossen das gerade zwei Jahre alte Programm schon wieder wegwerfen. Ein Neues musste her, um den Anforderungen der neuen Gesetzgebung Genüge zu tun. „Doch mit diesem Programm erlebte die Datev erst recht einen richtigen Boom“, erinnert sich Sebiger.
Aber auch andere private Rechenzentren wollten Geschäft machen. „Während die Buchungszeile damals bei der Konkurrenz 20 Pfennige kostete, konnten wir sie für 6,5 Pfennige anbieten“, freut sich Sebiger noch heute über den damaligen Erfolg. Und noch ein glücklicher Umstand beflügelte die Datev-Erfolgsgeschichte. In Fürth war der italienische Büromaschinenhersteller Olivetti ansässig. Dieser wollte den Teleband 1731 im Markt etablieren. Doch das dazu passende Programm, um die Lochkarten zu verarbeiten, hatten sie nicht. Also schloss man sich zusammen und vertrieb gemeinsam in der damaligen gesamten Bundesrepublik Lochstreifgeräte für die Datenerfassung und das Programm von Datev.
Beinahe wäre die Datev aber im Laufe ihrer Erfolgsgeschichte von einem Nürnberger zu einem Bonner Unternehmen geworden. Als damaliger Präsident der Kammer der Steuerbevollmächtigten Nürnberg konnte Sebiger mit seinem Münchner Kollegen das Datev-Programm sehr gut in Bayern etablieren. Das sorgte bundesweit für entsprechendes Echo. Als die Bundessteuerberaterkammer ihren Mitglieder in ganz Deutschland die Datev-EDV empfehlen wollte, versuchte sie, gewisse Bedingungen zu diktieren. „Unter anderem, dass der Sitz der Datev von Nürnberg nach Bonn verlegt wird. Aber dagegen habe ich mich verwahrt“, erinnert sich Sebiger. Das ist auch gut so, denn sonst hätten der Großraum Nürnberg und damit auch Bayern einen wichtigen großen IT-Dienstleister weniger.


Vertriebsprofis von Smartphoneherstellern herausfordern


Heute freut sich Sebiger über jede technische Neuerung im Bereich der IT und strapaziert so manche Verkäufernerven, wenn er die Vertriebsprofis von Smartphoneherstellern mit seinem geballten Fachwissen konfrontiert. Sebiger nutzt das schöne neue Technikspielzeug für seine Kontakte, seine Termine, zum Schreiben, für die Steuererklärung und für’s Online-Banking. „Bei letzterem setze ich aber nur das HPCI-Verfahren ein. PIN und TAN sind mir zu unsicher“, betont der IT-Sicherheitsprofi.
Ende März begibt er sich für drei Wochen gemeinsam mit seiner Tochter auf Japanreise. Dort war er bisher mindestens einmal pro Jahr. Denn Anfang der 1970er Jahre kam über Olivetti ein Kontakt zu einem japanischen Pendant zur Datev zustande, der bis heute anhält. Ohne sich jemals den jeweiligen Heimatmarkt streitig zu machen, kooperierte man über viele Jahre hinweg im Bereich der Produktentwicklung.
Für den damaligen Chef der „japanischen Datev“, Takeshi Iizuka, hat Sebiger nur die besten Worte: „Als ich ihn das erste Mal traf, dachte ich, ich stehe mir selber gegenüber.“ Bis heute schätzt Sebiger die Japaner als „ganz verlässliche Menschen“.
(Ralph Schweinfurth)

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