Wirtschaft

19.07.2013

Ein Königsweg ist nicht in Sicht

Bei den Stadtwerken Ulm/Neu-Ulm fand die 7. Eurosolar-Stadtwerke-Konferenz statt

Die Energiewende nehmen viele nur noch als Synonym für steigende Strompreise wahr. Das war auch Thema bei der 7. Eurosolar-Konferenz „Stadtwerke mit Erneuerbaren Energien“, die diesmal bei den Stadtwerken Ulm/Neu-Ulm über die Bühne ging. Energiewende – das bedeutet steigenden Strompreis durch hohe Ökostromumlage wegen vieler Anlagen, die Erneuerbare Energien (EE) produzieren. Diese Schlagwortrechnung ist tagtäglich in den Medien präsent.
Eigentlich steht diese Thematik auch in Ulm im Mittelpunkt. Nur fängt für Stadtwerke die Energiewende nicht beim Stromver-brauch und dessen Kosten an. „Erfolgreiche Geschäftsmodelle setzen auf Energieeffizienz, moderne Informations- und Kommunikationstechnik und eine breite Dienstleistungspalette für zukunftsfähige Infrastrukturversorgung“, doziert Rosa Hemmers. Für die Chefin der STAWAG Aachen sind die „Stadtwerke besonders wichtige Akteure für die dezentrale Versorgungsstufe: Die stärkt die Energiezukunft.“ Und das nicht nur bei Strom, sondern ebenso bei den größeren Energie-Brocken, die für Wärme und Verkehr gebraucht werden.
Dass Wärmedämmung an Gebäuden, der Einsatz von ökologisch sinnvoller Nah- und individueller Elektroverkehrsmitteln kaum öffentlich diskutiert wird, är-gert die Vertreter der bürgernahen Versorger. Und auch, dass es oft schwer ist, ökologisch hochwertige Energieprodukte an Unternehmen und vor allem Kommunen zu verkaufen. Die Stadtwerke erwarten, dass Städte und Gemeinden bei der Ausgestaltung von Ausschreibungen mehr nachdenken.
Innovative Geschäftsfelder wie Öko-Contracting
Juristen wie Mareen Puletz aus Erfurt schlagen vor: Die Werke sollten ihrerseits „innovative Geschäftsfelder wie Öko-Contracting“ aufmachen. Das sei „zukunftssicher und lukrativ. Aber will der deutsche Gesetzgeber das überhaupt?“, fragt sie rhetorisch. Zumindest sei das Marktanreizprogramm des BAFA (Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle) für Contractoren geöffnet bei Biomasse, Wärmepumpen und Solarthermie. Puletz’ grundsätzlich positives „Fazit: Der Gesetzgeber hat begriffen“ und sieht daher „Chancen für Öko-Contracting bei allen Stadtwerken“.
Doch wo große Energiekonzerne die Kommunen beliefern und die Netzkonzessionen besitzen, sei ein nachhaltiges Energiekonzept kaum umzusetzen: Da ist man sich bei Eurosolar einig. Bei der Durchsetzung des Verbandsziels, „atomare und fossile Energie vollständig durch Erneuerbare Energie zu ersetzen“, kann sich die 1988 gegründete gemeinnützige „Vereinigung für Erneuerbare Energien“ zwar auf Mitglieder aus (fast) allen wesentlichen politischen Gruppierungen Europas stützen. Zudem sitzt zum Beispiel Peter Droege, der Eurosolar-Präsident, im Vorstand des Weltrats für Erneuerbare Energien (WCRE) mit vielen wichtigen Menschen an einem Tisch und kann entsprechend viel bewegen. Doch mit der Forderung nach Neugründung von Stadt- oder Gemeindewerken stößt aber selbst Droege oft an Grenzen.
„Ein steiniger Weg“ sei das, weiß auch Johannes van Bergen. Beim Kampf um Bad Neuenahr-Ahrweiler mit dem Branchenriesen RWE hat der Geschäftsführer der Stadtwerke Schwäbisch-Hall genügend Erfahrungen gesammelt. „Auch mit branchenunüblichen Mitteln will RWE dort den Fuß bei der Rekommunalisierung in der Tür halten“, sagt er. Und van Bergen zeigt auf eine Karikatur, bei der der Energiekonzern mit viel Geld wedelt.
Dieter Attig, Geschäftsführer, der EnergieRegion Kassel, sieht das nicht ganz so kritisch, hat in seinen verschiedenen Stadtwerke-Gründungsmodellen sogar Konzerne mit im Boot. Dennoch setzt auch er bei Rekommunalisierung eher auf die Kooperation zwischen Kommunalversorgern oder auf Energie-Genossenschaften.
Eine eher extreme Meinung hat Michael Sladek. Für den Vorstand der „Netzkauf EWS Genossenschaft Schönau im Schwarzwald geht der „Ausbau dezentraler Strukturen nur mit Bürgerbeteiligung“. Dann seien die Bürger „gleichermaßen Stromverbraucher und Konsumenten“. Stadtwerke dürften dabei nur Dienstleister sein. Denn für Sladek gehören Energiefrage und demokratisches Selbstverständnis zusammen. Die Frage sei: „Wie wollen wir leben, wohin entwickelt sich unsere Gesellschaft?“
Andrea Lüke von den Stadtwerken Greven in NRW sieht das pragmatischer. Der Landkreis Steinfurt habe sich „zum Ziel gesetzt, 2050 autark zu sein, unabhängig von Stoff- und Energieströmen.“ Die regionale Marke „Unser Landstrom“ soll eine erste Duftmarke setzen, damit die Menschen erkennen: Die Stromerzeugung im Kreis funktioniert. Zwar wird derzeit aller Strom von einem Windkraftwerk geliefert. Aber „Landstrom ist nicht als Ökostrom zertifiziert. Es geht um regionale Produktion und Wertschöpfung“, stellt die Stadtwerke-Chefin klar. Doch die Zielgruppen seien Menschen, die regionale statt importierte Energie verbrauchen wollen, und auch „RWE-Konzessionäre im Kreis Steinfurt“.
Zwei Tage lang erleben die Gäste jede Menge verschiedener Energiekonzepte. Die stimmen in einem Punkt alle überein: Im Versuch, die Energiewende nicht nur für Strom ökologisch, regional und wirtschaftlich umzusetzen. Einen Königsweg gibt es dabei offenkundig nicht.
(Heinz Wraneschitz)

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