Wirtschaft

Peter Driessen ermahnt die Politik, bei der Energiewende endlich zu handeln. (Foto: IHK München)

05.07.2013

„Erweiterungsinvestitionen finden woanders statt“

Münchens IHK-Hauptgeschäftsführer Peter Driessen über Netzausbau, Stromspeicherung, Preisentwicklung und die beginnende Abwanderung der Unternehmen

Während die Strompreise immer weiter steigen, kommt die Energiewende nicht vom Fleck. Wir sprachen mit Peter Driessen, Hauptgeschäftsführer der IHK München für Oberbayern und Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Industrie- und Handelskammertags, darüber, was jetzt zu tun ist, um den Zeitplan einzuhalten.

BSZ: Herr Driessen, wann wird die deutsche Politik die Probleme, die die Energiewende mit sich bringt, gelöst haben?
Driessen: Böse Zungen behaupten, dass es dazu zuerst einen Blackout braucht. Doch das ist brandgefährlich. Ich kann nur davor warnen.

BSZ: Warum?
Driessen: Weil wir inzwischen international so vernetzt sind, dass ein riesiger Stromausfall nicht nur für Deutschland schwerwiegende Folgen hätte. Nur ein Beispiel: Der Verkehrsrechner für die Ampelanlagen einer britischen Großstadt läuft über ein Rechenzentrum in Deutschland. Das hat man aus Sicherheitsgründen so eingerichtet. Die Konsequenzen müssten also auch andere Staaten mittragen.

BSZ: Aber es gibt doch Notstromaggregate.
Driessen: Schon. Aber diese Aggregate sind nur für die Überbrückung eines kurzfristigen Stromausfalles gedacht. Würde der Strom aber flächendeckend und für längere Zeit ausfallen, dann könnte es passieren, dass der für die Aggregate nötige Kraftstoffvorrat – in der Regel Diesel – ausgeht. Wenn so ein Aggregat anspringt, geht sofort eine Meldung an den Mineralölhändler und dieser schickt einen Lkw mit Diesel los. Jetzt stelle man sich eine Großstadt wie München vor, wenn vielleicht hundert dieser Anlagen gleichzeitig loslegen. Reicht dann der Dieselvorrat wirklich?

BSZ: Das klingt gar nicht gut. Wie bewerten Sie die Performance der deutschen Politik in Sachen Energiewende?
Driessen: Das beurteile ich nicht. Aber allen Beteiligten sind inzwischen drei Kernprobleme klar.

BSZ: Und die wären?
Driessen: Netzausbau, Stromspeicherung und Preisentwicklung.

BSZ: Lösungen sind hier aber nicht in Sicht.
Driessen: Genau das ist das Problem. Die Netzentgelte werden wohl um 20 bis 30 Prozent steigen. Hinzu kommt eine auf 6 bis 7 Cent steigende EEG-Umlage, weil immer noch weitere Anlagen zur Produktion von erneuerbarer Energie ans Netz angeschlossen werden. Und einer muss die Party bezahlen.

BSZ: Der private Verbraucher.
Driessen: Ja und alle Unternehmen, und zwar auch die, die von der Reduktion der EEG-Umlage auf den ersten Blick profitieren. Diese Unternehmen zahlen zwar relativ gesehen etwas weniger – sind absolut aber die größten Zahler der Party. Das muss man ehrlicherweise auch mal sagen. Der Vorwurf mancher Ideologen, diese Unternehmen würden sich aus der Verantwortung stehlen, stimmt nicht!

BSZ: Was bedeutet das für den Wirtschaftsstandort?
Driessen: Dass Erweiterungsinvestitionen definitiv woanders stattfinden. In den USA zum Beispiel hat ein Unternehmen im Vergleich zu Deutschland nur 25 Prozent der Energiekosten zu tragen. Das bedeutet, dass Güter, die sowieso für den US-Markt bestimmt sind, gleich dort gefertigt werden können. Die Qualitätsthematik kann man dort schon in den Griff bekommen. Manche Firmen, die hier ihren Hauptabsatzmarkt haben, beschreiten andere Wege.

BSZ: Welche?
Driessen: Der Nudelhersteller Bernbacher zum Beispiel zieht aus seiner Innenstadtlage Münchens ins Umland nach Hohenbrunn und baut dort ein Blockheizkraftwerk. Dort wird dann die nötige Wärme für den Produktionsprozess erzeugt und Strom fällt als Abfallprodukt an. Ähnlich macht es der Papierhersteller UPM in Schongau. Dort überlegt man, ob ein Teil der Wärme in ein kommunales Nahwärmenetz eingespeist wird und an Endverbraucher verkauft werden kann. Aber es gibt noch andere Gewinner der Energiewende.

BSZ: Wen denn?
Driessen: Hersteller, die Anlagen zur regenerativen Energieerzeugung produzieren und Dienstleister, die diese Anlagen projektieren, anschließen und warten.

BSZ: Und die Energiewirte.
Driessen: Ja, für die ist die Energiewende die letzte Form der Fruchtfolge.

BSZ: Ist das alles den politisch Verantwortlichen hierzulande bewusst?
Driessen: Schon. Man kann ihnen aber den Vorwurf machen, das sie trotzdem nicht die Kraft finden, etwas zu ändern.

BSZ: Wie sieht es mit Ersatzkraftwerken aus, die man braucht, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint?
Driessen: Auch das ist nicht gelöst, wie man an Irsching 5 sieht. Hier geht es im Grunde nicht ohne Subventionen.

BSZ: Also muss der Verbraucher wieder tiefer in die Tasche greifen, um für den Service des Vorhaltens von Reservekraftwerken zu bezahlen. Denn es will ja niemand im Dunklen sitzen.
Driessen: Richtig. Das wissen auch alle. Insofern ist man in den vergangenen zwei Jahren, was die Erkenntnis bei den Politikern angeht, schon weitergekommen.

BSZ: Aber bei der Lösung nicht.
Driessen: Nein, und ich habe auch keine. Zumindest hat man aber jetzt ein Gesetz für den schnelleren Netzausbau verabschiedet. Doch die Thüringer Strombrücke ist immer noch nicht realisiert. Sie muss bis Ende 2015 funktionieren, um Windstrom von Norddeutschland nach Bayern transportieren zu können.

BSZ: Und wird es etwas bis 2015?
Driessen: Noch gibt es keinen Planfeststellungsbeschluss. Und der Stadtrat von Coburg hat bereits angekündigt, gegen die Trasse klagen zu wollen. Außerdem wollen einige oberfränkische Gemeinden ärmere Kommunen in Thüringen finanziell unterstützen, damit sie ebenfalls dagegen klagen können. Das geht dann zwar wegen des neuen Gesetzes gleich vors Bundesverwaltungsgericht, aber die Zeit fürs eigentliche Bauen wird immer weniger.

BSZ: An welchen Stellen kann man denn etwas tun?
Driessen: Gebäudesanierung zum Beispiel bringt etwas, um den Energieverbrauch zu senken. Ob sie sich am Ende wirtschaftlich rechnet, weiß ich nicht. Bei dem von den USA viel gepriesenen Schiefergas kennt niemand den Umfang der Lagerstätten. Man weiß also nicht, wie lange es reichen wird. Power-to-gas-Anlagen können langfristig eine Lösung sein, aber da wird man Akzeptanzprobleme haben.


BSZ: Warum?
Driessen: Weil es um großtechnische Anlagen geht, die Elektrolyse betreiben. Und wenn ich im Chemieunterricht richtig aufgepasst habe, entsteht bei der Elektrolyse Knallgas.

BSZ: Und wie sieht’s mit Biomasse aus?
Driessen: Da schreitet die Vermaisung der Landschaft immer weiter fort. Ich war erst vor Kurzem in Niederbayern, da gibt es ja fast nur noch Maisfelder. Die Verwertung biogener Reststoffe zur Energieerzeugung macht aber durchaus Sinn.

BSZ: Und Offshore-Windstrom?
Driessen: Da leisten wir uns weltweit eine einmalige Lösung, indem wir die Anlagen 40 Kilometer weit außerhalb der Sichtweite von der Küste platzieren. Das macht das Aufstellen, Warten und Anbinden der Anlagen sehr teuer.


BSZ: Warum spielt die Tiefengeothermie, die ja in Bayern und Baden-Württemberg die gesamte Gundlast decken könnte, in den Energiewendekonzepten der Politik eine so untergeordnete Rolle?
Driessen: Weil man wahnsinnig Angst vor den Problemen hat, wie etwa den Mini-Erdbeben die es in Basel wegen falscher Handhabung gab. Und das Fündigkeitsrisiko ist auch so ein Thema. Man weiß bei der Bohrung nie genau, ob die Menge und die Temperatur des Wassers ausreicht, das sich in den tiefen Schichten befindet.

BSZ: Wenn man Ihnen so zuhört, drängt sich automatisch die Frage auf, ob man über eine Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke nachdenken muss. Denn die Energiewende scheint im von der Bundesregierung vorgegebenen Zeitplan nicht zu realisieren zu sein. Was sagen Sie dazu?
Driessen: Um es erst einmal ganz klar zu sagen: Auch die IHK steht voll und ganz hinter der Energiewende. Eine Laufzeitverlängerung wäre zudem politisch hierzulande niemals durchsetzbar.

BSZ: Darum reibt man sich bei E.ON jetzt schon die Hände, weil man im tschechischen Atomkraftwerk Temelin erhebliche Erweiterungen plant. Und wenn Deutschland Versorgungsprobleme bekommt, kann man kräftig Kasse machen, indem man Strom von dort an uns liefert.
Driessen: Zum Beispiel. Aber man kann auch noch etwas bei der Verbrauchssteuerung tun.

BSZ: Was denn?
Driessen: Das Problem sind ja die Lastspitzen. Also wenn jeder einzelne Verbraucher sein Verhalten ändern würde, indem er beispielsweise morgens beim Haare föhnen nicht auch noch gleichzeitig den Kaffee kocht, könnten andere Verbrauchsverläufe entstehen.

BSZ: Aber das ist doch völlig unrealistisch, derartige Verhaltensänderungen der Menschen umsetzen zu wollen.
Driessen: Nicht ganz. Denn über den Bereitstellungspreis von Strom könnte man durchaus Anreize zum Stromsparen setzen. Im gewerblichen Bereich geht es ja auch. Da werden zum Beispiel Klimaanlagen entsprechend getaktet. Und der riesige Eisspeicher hier in München unter der Sonnenstraße wird zu Zeiten wieder aufgeladen, wenn in der Stadt wenig Strom verbraucht wird.

BSZ: Wofür hat man denn unter der Sonnenstraße einen Eisspeicher?
Driessen: Um via Fernkälte das Stachus-Untergeschoss mit all seinen Geschäften zu kühlen. Das ist eine sehr innovative Technik, die die Stadtwerke München hier umgesetzt haben.
(Interview: Ralph Schweinfurth)

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