Wirtschaft

Das so genannte Knoblauchsland zwischen Nürnberg und Fürth ist eines von Bayerns großen Gemüseanbaugebieten. (Foto: Schweinfurth)

08.05.2015

„Feeding the Region“ statt „Feeding the World“

Mittelständische Landwirtschaftsbetriebe sollen die Menschen ernähren – nicht global agierende Nahrungsmittelkonzerne

Feeding the World“ – „Die Welt ernähren“ ist das Motto der diesjährigen Weltausstellung Expo in Mailand. „Feeding the Region“ – „Die Region ernähren“ propagierte hingegen Nürnbergs Oberbürgermeister und Deutschlands Städtetagspräsident Ulrich Maly (SPD) beim diesjährigen „Tags der offenen Tür“ im Nürnberger Knoblauchland. Statt die Dominanz der Nahrungsmittelkonzerne wie Nestlé, Monsanto oder Unilever auf der Expo in Mailand darzustellen, zeige das Gemüseanbaugebiet zwischen Nürnberg und Fürth, was es für Verbraucher bedeute, wenn heimische, hoch qualitative Ware von mittelständischen Familienbetrieben erzeugt wird. Diese regionalen Strukturen gelte es laut Maly, zu bewahren.
Bayerns Finanz-, Heimat- und Landesentwicklungsminister Markus Söder (CSU) sprach denn auch vom hochwertigsten Gemüseanbaugebiet Bayerns und Deutschlands: „Wahrscheinlich auch Europas.“ Er bekräftigte, dass die Region stolz sei auf ihre landwirtschaftlichen Betriebe und die jährliche Leistungsschau, im Knoblauchsland ein Bekenntnis zur Landwirtschaft im Großraum Nürnberg sei. Söder hatte kurzfrisitig die Schirmherrschaft über den „Tag der offenen Tür“ für den erkrankten bayerischen Landwirtschaftsminister Helmut Brunner (CSU) übernommen.
Doch die Idylle des Gemüseanbaus im Norden der Frankenmetropole trügt. Zahlreiche politische Entwicklungen machen den Gemüsebauern das Leben schwer. So sei es ein Unding, wenn im Rahmen der Kontrollen zur Einhaltung des Mindestlohns Zollbeamte mit Maschinenpistolen im Anschlag auf den Höfen auftauchten, kritisierte Söder. So erst vor ein paar Tagen geschehen beim für den Wahlkreis Nürnberg-Nord zuständigen CSU-Landtagsabgeordenten Michael Brückner. Während sich wegen Personalmangels im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Nürnberg die Asylanträge stapelten, könne die Zollverwaltung im Rahmen der Mindestlohnkontrollen schnell mal 1600 neue Beamte einstellen, monierte Finanzminister Söder.
Er kündigte an, das seine Partei sich für den Mittelstand einsetzen werde. So müsse beim Mindestlohn die Bürokratie eingedämmt werden – ohne den Mindestlohn infrage zu stellen – und bei der Reform der Erbschaftssteuer sei die Standorttreue der Familienunternehmen, zu denen auch die Bauern im Knoblauchsland zählten, zu berücksichtigen und wertzuschätzen. „Denn diese Betriebe können nicht, um ihre Steuerlast zu mindern, wie große Konzerne Teile ins Ausland verlagern“, so Söder.
Auch Knoblauchslandbauer und Landtagsabgeordneter Brückner kritisierte scharf die Art und Weise, wie der Zoll bei Mindestlohnkontrollen vorgeht. „Hier werden alle unter Generalverdacht gestellt, wenn der Zoll einmarschiert. Das ist schwierig zu akzeptieren“, drückte er sich diplomatisch aus. Ebenso problematisch sei es mit den Zertifizierungen. „Das ufert aus“, so Brückner. Denn nicht nur für „Qualität aus Bayern“, sondern auch noch für diverse Regionallabels und Sigel für bestimmte Lebensmittelhändler müssten die Bauern Zertifizierungen vornehmen, um ihre Ware absetzen zu können. Das drücke auf die Gewinnspanne und letztlich auf die Existenz der landwirtschaftlichen Betriebe.
Ein weiteres Politikum sprach ein Vertreter des Bayerischen Bauernverbands an. So müsste mit den Ausgleichsflächen sorgsamer umgegangen werden: „Wenn drei Hektar Ackerland verbaut werden, so müssen auch wieder drei Hektar Ackerland anderswo zur Verfügung stehen und nicht als Ausgleich dafür eine unter Naturschutz stehende Fläche angerechnet werden.“
Nürnbergs Oberbürgermeister versprach, behutsam mit den Bauern umzugehen. Denn diese stünden gerade zwischen Nürnberg und Fürth unter Druck. Sowohl Gewerbe als auch Wohnbau würden immer mehr Flächen benötigen und so die traditionellen Anbauflächen schrumpfen lassen. Damit hier ein sinnvoller Weg beschritten werden kann, der alle Interessen berücksichtigt, will Nürnberg jetzt ein „agrarstrukturelle Gutachten“ in Auftrag geben. „Fürth wird wohl auch mitmachen“, sagte Maly am Rande der Veranstaltung zur Staatszeitung. „Denn Landwirtschaft ist Teil unserer Kultur und unsere Dörfer im Knoblauchsland sollen nicht zusammenwachsen“, so der OB. Das Knoblauchsland als „stadtnaher Gemüsegarten“ sei zu erhalten.
Damit will er die über 500 Jahre alte Tradition des Gemüseanbaus im Norden Nürnbergs erhalten. Während damals vorwiegend Zwiebeln angebaut wurden, sind es heute weit über 50 verschiedene Gemüsearten. Laut dem gedruckten Grußwort von Bayerns Landwirtschaftsminister Helmut Brunner (CSU) im Programmheft zum „Tag der offenen Tür“ nutze die Landwirtschaft heute moderne Anbauverfahren auf höchstem, wissenschaftlichen Niveau.
(Ralph Schweinfurth)

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