Wirtschaft

DATEV-Vorstandsvorsitzender Dieter Kempf fordert eine Willkommenskultur für ausländische Fachkräfte, um die Personalprobleme der IT-Wirtschaft zu beheben. (Foto: Schweinfurth)

01.02.2013

„Fibre-to-the-Bauernhof ist übertrieben“

BITKOM-Präsident und DATEV-Chef Dieter Kempf über den Breitbandausbau und neueste Trends auf der CeBIT

Deutschlands wichtigste Computerfachmesse, die CeBIT 2013 steht vor der Tür. Im Vorfeld sprachen wir mit Dieter Kempf, Vorstandsvorsitzender der DATEV und Präsident des BITKOM (Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien) über die neuesten Entwicklungen in seinem Unternehmen und die Probleme der Internet-Branche.

BSZ: Herr Kempf, wie zufrieden sind Sie als BITKOM-Präsident mit dem Breitbandausbau in Bayern?
Kempf: Da wir uns ja auf Bundesebene hierzulande darauf verständigt haben, den Breitbandausbau grundsätzlich marktwirtschaftlich zu gestalten, bin ich mit dem Ausbaustatus durchaus zufrieden, halte aber nichts von so manchen politischen Forderungen wie „fibre-to-the- Bauernhof“. Denn was macht der Großteil der Privatkunden? Informationen aus dem Web holen, Online-Banking und ein bisschen Online-Shopping. Auch wenn die junge Generation hier sicher höhere Ansprüche hat: Diejenigen, die den Anschluss finanzieren, sind nicht bereit, die hohen Kosten dafür auch zu tragen.

BSZ: Und wie sieht es mit den Unternehmen aus?
Kempf: Alle Gewerbebetriebe und Freiberufler brauchen dagegen schnelles Internet. Und die sind auch bereit, dafür zu zahlen. Wenn man den Ausbau der Gewerbegebiete vorantreibt, folgt das also einer marktwirtschaftlichen Logik. Danach kann man dort einen Funkmasten aufstellen und den Rest der Kommune via LTE-Funk ans Internet anschließen.

BSZ: Ist das der Königsweg, um flächendeckende Breitbandversorgung hinzukriegen?
Kempf: Sicher nicht. Eine alte Forderung des BITKOM ist, die immer noch zu wenig beherzigt wird: bei Tiefbauarbeiten gleich Leerrohre mitzuverlegen. Auf diese Weise schafft man auch die Möglichkeit, dort später einmal Glasfaserkabel einzuziehen.

BSZ: Wie bewerten Sie denn den Fachkräftemangel in der deutschen IT-Branche?
Kempf: In den Ballungsräumen ist er richtig spürbar. Laut BITKOM fehlen rund 18.000 IT-Fachkräfte und bei den Unternehmen, die IT nutzen, sind es nochmals etwa 25.000.

BSZ: Kann man denn nicht Menschen, deren berufliche Qualifikationen vom Markt nicht mehr gebraucht werden, mit entsprechenden Maßnahmen qualifizieren? Kempf: Das wird man nicht so einfach durch Um- bzw. Nachschulung hinkriegen. Webdesigner zum Beispiel kann man über solche Maßnahmen vielleicht noch lernen. Aber einen Branchenfremden kann man nur in Einzelfällen über Umschulungen zum Programmierer machen. Und gerade die fehlen der Branche am meisten.

BSZ: Was ist also zu tun?
Kempf: Wir müssen für ausländische Arbeitskräfte attraktiver werden, haben bisher aber keine richtige Willkommenskultur. Außerdem brauchen wir neben einer Asyl- auch eine gezielte Einwanderungspolitik für entsprechend ausgebildete Fachkräfte.

BSZ: Wie bewerten Sie denn das derzeitige Zeitungssterben?
Kempf: Ich als Privatperson brauche noch die Haptik einer papiernen Zeitung. Aber das gilt schon nicht mehr für die nachwachsende Generation. Sie braucht deutlich weniger papiergebundene Medien. Und das führt unweigerlich zu einer Reduktion der Fülle von Printerzeugnissen. Denn viele journalistische Erzeugnisse gibt es inzwischen online und man kann sich durchaus auch ein breites Meinungsbild über die sozialen Medien verschaffen. Als BITKOM-Präsident bin ich natürlich froh, dass die Industrie, die ich vertrete, ihre Erzeugnisse und Dienstleistungen breit verankert. Der Erhalt der Meinungsvielfalt ist aber nach wie vor das Wichtigste für unsere Demokratie.

BSZ: Und was ist mit all den Menschen, die man nicht mehr mit dem Internet erreicht?
Kempf: Diese „digital divide“ wird zunehmen. Hier werden wohl Radio und Fernsehen vermehrt in die Bresche springen müssen, um die Bevölkerung schnell mit wichtigen Informationen zu versorgen, zum Beispiel wenn es in der Nähe brennt oder es Probleme mit der Trinkwasserversorgung gibt.

BSZ: Und wenn die alte Großmutter weder im Netz surft, noch Radio hört, noch Fernsehen schaut?
Kempf: Da müssen alle Verantwortlichen weiter an entsprechenden Lösungsangeboten arbeiten, damit diese Teile der Bevölkerung nicht abgehängt werden. Aber es gibt inzwischen viele ältere Menschen, die sich sicher im Netz bewegen.

BSZ: Was nutzt denn diese Bevölkerungsgruppe?
Kempf: Den 80-jährigen Großeltern brauche ich sicher nicht mit Youtube oder nicht unbedingt mit Facebook kommen. Aber Dienste wie Whatsapp oder Skype sind für diese Menschen interessant. Denn damit können sie Kontakt halten mit ihren Kindern und Enkeln, die aus beruflichen Gründen an ganz anderen Orten leben. Es müssen nicht immer die berühmten Lösungen aus dem elder care-Bereich sein, die man den Älteren anbieten kann. Online-Shopping verbunden mit einem Lieferservice könnte gerade für die wegbrechenden Einzelhandelsstrukturen auf dem flachen Land eine Lösung sein.

BSZ: Also sollte jeder Dorfladen über einen entsprechenden Webauftritt verbunden mit einem Lieferservice nachdenken? Denn die ältere Landbevölkerung, die kein Auto hat, kommt ja gar nicht mehr in die Supermärkte in den Gewerbegebieten der Kommunen.
Kempf: Im Prinzip ja. Denn so ist bidirektionale Kommunikation möglich.

BSZ: Das geht doch am Telefon auch, wenn ich im Laden etwas bestelle…
Kempf: Sicher. Aber ich kann dem Kunden kein visuelles Angebot machen. So kann ich als Dorfladen beispielsweise vor Weihnachten ein Sonderangebot mit Weihnachtsgänsen machen. Jedenfalls wäre das eine Chance, um verloren gehende Strukturen im Einzelhandel aufzufangen.

BSZ: Herr Kempf, jetzt wechseln wir mal Ihre Rolle, vom BITKOM-Präsidenten zum DATEV-Chef. Wie weit ist denn der Neubau des DATEV-IT-Campus in Nürnberg?
Kempf: Wir sind momentan drei Wochen vor der Zeit. Vor Einbruch der Frostperiode konnten alle Flächen in der Baugrube versiegelt werden, so dass es zu keinen Frostaufbrüchen mit entsprechenden Reparaturen kommen wird. Somit können wir hoffentlich im März mit dem Rohbau beginnen, außer der Frost hält sich länger.

BSZ: Bauprojekte verzögern sich in Deutschland ja immer mehr. Wird das auch beim Ihrem IT-Campus passieren?
Kempf: Ich denke nicht. Denn wir haben zusätzlich zu einem in- und extern besetzten Projektteam einen externen Projektsteuerer beauftragt, der früher auch Chef einer Baufirma war. Dieser soll uns weisungsfrei auf Mängel beim Bau und auf Probleme beim Projektfortschritt hinweisen.Also wenn ich jetzt irgendwann noch eine Idee habe für den Neubau, wird der mir sagen: Das ist zwar eine schöne Idee, aber jetzt ist es zu spät. Damit wir im Zeit- und Kostenrahmen bleiben.

BSZ: Was bringt denn die DATEV Neues zur CeBIT auf den Markt?
Kempf: Den mobilen Zugang zu Kanzleidaten via Handy beziehungsweise Smartphone und Tablet-PC. Das Handy oder Smartphone ist der Träger der Hardwarekomponente der Identifikation. So wird eine PIN-Codierungsinformation auf ein bei der DATEV registriertes Gerät gesendet und der Nutzer gibt diesen PIN auf dem iPad, das ebenfalls bei der DATEV registriert ist, ein. Durch die Trennung der beiden Geräte erhöht man die Sicherheit. Das wird sicherlich großes Interesse auslösen. Denn der Vorteil dieser Lösung ist, dass der Steuerberater direkt vor Ort beim Mandanten tief in seine Daten einsteigen kann. So kann man einen Jahresabschluss über das Controlling bis runter auf den einzelnen Beleg ansehen, sofern ein Dokumentenmanagementsystem hinterlegt ist. Das spart Zeit und gezielte Fragen lassen sich sehr schnell klären. Damit wird der Beratungsprozess vor Ort viel effizienter.

BSZ: Und was gibt es noch?
Kempf: Wir werden unser Angebot an Cloud-Anwendungen ausweiten. Das bedeutet, dass sich der Steuerberater nicht mehr die gesamte Software auf seinen Rechner laden muss, sondern lediglich die Funktionalität holt, die er gerade braucht. Das führt zu einer besseren Preisstellung gerade für kleinere Kanzleien. Das könnte übrigens auch für kleinere Kommunalverwaltungen ein Hit werden.

BSZ: Wie gut ist denn die DATEV bei Kommunen im Geschäft?
Kempf: Leider weniger bei der Kernverwaltung, aber dafür sehr gut bei den kommunalen Betrieben.
(Interview: Ralph Schweinfurth)

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