Wirtschaft

Flüchtlinge an der Werkbank. Auch das Handwerk sieht große Chancen in der Zuwanderung. (Foto: dpa)

24.12.2015

Flüchtlinge: Gewinn und Herausforderung für Unternehmen

Ausbildung und Arbeit gelten als Säulen für die Integration von Flüchtlingen. Viele Firmen engagieren sich - und profitieren davon auf unterschiedliche Weise. Doch es gibt auch große Herausforderungen

Die deutsche Wirtschaft setzt große Hoffnungen in die Hunderttausenden Flüchtlinge, die auf der Suche nach Schutz und einem besseren Leben in diesem Jahr nach Deutschland gekommen sind. Wie eine „Verjüngungskur“ am Arbeitsmarkt könnte der Zustrom wirken, glauben Experten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. Doch den Unternehmen ist auch klar, dass es auf dem Weg zur Integration viele Hürden zu nehmen gibt. Mit ersten Programmen wollen sie Flüchtlingen den Weg in Ausbildung und Arbeit ebnen. Was versprechen sich die Unternehmen davon - und wo liegen die größten Herausforderungen?

FACHKRÄFTE FÜR DIE ZUKUNFT: Auf dem deutschen Arbeitsmarkt dürfte die Flüchtlingswelle zwar erst ab Jahresmitte 2016 allmählich ankommen - und dann erst einmal für steigende Arbeitslosenzahlen sorgen,
erwarten Experten. Trotzdem: Deutschland braucht Nachwuchs. Die Konjunktur läuft rund und die Firmen schaffen Stellen – bei gleichzeitig sinkenden Schülerzahlen. Auch deshalb pocht etwa der Bundesverband der Deutschen Industrie auf effizientere Asylverfahren und stellt Flüchtlingen mit guter Bleibeperspektive Jobs in Aussicht. Andere dämpfen dagegen die Erwartungen wie Siemens-Personalchefin Janina Kugel: „Die Flüchtlinge, die heute zu uns kommen, lösen vielleicht nicht morgen den Fachkräftemangel in Deutschland, aber mit erfolgreicher Integration und einem nachhaltigen Konzept können sie hoffentlich übermorgen einen Beitrag leisten“, sagt die Managerin.

VIELFALT:
Weltoffenheit und eine internationale Belegschaft mit vielfältigen Kompetenzen gilt vor allem in großen Unternehmen als hohes Gut. Wer wie Siemens, BMW oder Daimler Geschäfte in zahlreichen Ländern der Erde macht, braucht Mitarbeiter, die sich auch mit Sprache, Kultur und Gepflogenheiten vor Ort auskennen und über ein möglichst großes Netzwerk verfügen. Das könnten in Zukunft auch Flüchtlinge sein, die für deutsche Unternehmen in ihrer Heimat tätig werden und dort beim Wiederaufbau mithelfen.

SOZIALES ENGAGEMENT: Die Not vieler Flüchtlinge ist groß - das hat in den vergangenen Monaten eine Welle der Hilfsbereitschaft auch in der Wirtschaft ausgelöst. Ob mit Geld- und Sachspenden oder
ehrenamtlichen Hilfsleistungen - viele Firmen und ihre Belegschaften engagieren sich. Hinzu kommen Trainings- und Ausbildungsprogramme. Weil die Zahl der Plätze noch überschaubar ist, sieht sich manches
Unternehmen zwar Vorwürfen ausgesetzt, das alles sei bisher nur ein Tropfen auf den heißen Stein, der auch der Imagepflege diene. Die Unternehmen halten aber dagegen: Man müsse eben erst einmal Erfahrungen sammeln, und die Barrieren für die Beschäftigung der Flüchtlinge seien noch groß.

BLICK ÜBER DEN TELLERRAND: Bei BMW beispielsweise hat man die Erfahrung gemacht, dass der persönliche Kontakt zu den Ankömmlingen eine Bereicherung für die Mitarbeiter ist. Der Autobauer will rund
500 Flüchtlingen Praxistrainings und Einstiegsqualifizierungen bieten und stellt jedem Absolventen einen Mentor zur Seite. „Der Nutzen für uns ist sicher in der interkulturellen Verständigung zu sehen“, sagt
ein BMW-Sprecher. Viele Mitarbeiter hätten die Situation der Flüchtlinge bisher nur in Medienberichten verfolgt und nähmen nun gerne die Chance zur persönlichen Begegnung und zum Engagement wahr.

SPRACHPROBLEME:
Sprache ist auch in der Arbeitswelt Dreh- und Angelpunkt, deshalb setzen die Programme auch bei Deutschkursen an. Wer die Sprache nicht versteht, hat nicht nur Schwierigkeiten im
Umgang mit Lern- und Prüfungsstoff, mit Ausbildern und Kollegen, sondern kann auch später im Kundenkontakt nur schwer eingesetzt werden, ob es nun um Büro- und Servicejobs, um technische Berufe, ums Haareschneiden, Kellnern oder Brötchen-Verkaufen geht.

BETREUUNGSBEDARF: Gerade Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisengebieten haben in ihrer Heimat und auf der Flucht oft Chaos und Elend erlebt. Sie mussten alles hinter sich lassen und finden sich jetzt in einer ganz neuen Welt mit völlig anderen Anforderungen wieder. Deshalb brauchen sie viel Unterstützung im Alltag, bei Behördengängen und anderen organisatorischen Aufgaben, aber auch Zuspruch und ein offenes Ohr ihrer Ansprechpartner. Das gilt natürlich besonders für minderjährige Flüchtlinge, die ohne ihre Familie nach Deutschland kommen. In der Ausbildung werden sie deshalb teils auch von Sozialpädagogen betreut, die sich sonst um Jugendliche aus problematischen Umfeldern kümmern.

MANGELNDE QUALIFIKATION:
Oft ist schwer einschätzbar, welche Voraussetzungen die Menschen für einen Job in Deutschland haben. Das IAB geht davon aus, dass nur ein geringer Teil von ihnen eine Berufsausbildung absolviert hat, wobei viele der Ankömmlinge auch noch recht jung sind. Auch deshalb dürften sie sich nur schrittweise in den Arbeitsmarkt integrieren lassen, erwarten die Forscher. „Das was wir erfahren über die Qualifikationen, ist extrem ernüchternd“, sagt der Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Clemens Fuest. Aber auch wenn es oft an Arbeits- und Ausbildungszeugnissen fehlt: Die nötige Motivation für Jobs in Deutschland bringen viele Flüchtlinge nach einhelliger Meinung aller Experten auf jeden Fall mit. (Christine Schultze, dpa)

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