Wirtschaft

Hier entsteht Fürths „Neue Mitte“. Das Einkaufszentrum im Herzen der Kleeblattstadt soll die jahrelang nahezu brach liegende Innenstadt revitalisieren. Fürths Oberbürgermeister Thomas Jung freut sich jedenfalls, dass im Mai der erste und im Herbst der zweite Bauabschnitt dieses Projekt eröffnet werden kann. (Foto: Schweinfurth)

30.01.2015

Fürth geht es gut

Oberbürgermeister zieht positive Bilanz – verschweigt aber auch keine Probleme

Mit fast 60 Millionen Euro Gewerbesteuereinnahmen und über 3000 neuen Arbeitsplätzen steht Fürth gut da. Oberbürgermeister Thomas Jung (SPD) betonte bei seinem Jahresgespräch in der Stadthalle der Kleeblattstadt vor 1000 Teilnehmern, dass angesichts dieser Zahlen die Quelle-Pleite überwunden sei.
„Natürlich gibt es vieles, über das man sich in Fürth ägern kann. Aber wir sollten erst einmal das Erreichte betrachten und dafür dankbar sein. Denn Dankbarkeit weitet das Herz“, so der OB. Die daraus entstehende Tatkraft könne dann genutzt werden, um die restlichen Baustellen in der Stadt anzugehen.
2014 sei für Fürth ein gutes Jahr gewesen. Namhafte Firmen hätten sich angesiedelt oder Erweiterungsinvestitionen vorgenommen. Exemplarisch nannte Jung den Neubau einer Siemensfabrik, die Neueröffnung der Handelsunternehmen Möbel Höffner und Teppich Kibek sowie das Zentrallager des Lebensmitteldicounters Norma (über alle berichtete die Staatszeitung). „Und am 2. März weiht Norma seine neue Hauptverwaltung im Westen unserer Stadt ein. Vor Fürth aus steuert Norma dann rund 11.000 Mitarbeiter in ganz Europa“, unterstrich Jung.

Positive Entwicklung

Er richtete aber auch seinen Blick auf die Nachbarstadt Nürnberg – nicht nur, weil dessen Oberbürgermeister Ulirch Maly (SPD) anwesend war. „Mit der Errichtung einer technischen Fakultät auf AEG, also an der Stadtgrenze zu Fürth, gibt es eine Riesenchance für die ganze Region“, so Jung. Es entstehe eine gemeinsame, wissenschaftsbasierte Entwicklungsachse, von der nicht nur Fürth und Nürnberg profitieren werden.
Die positive Entwicklung in Fürth (inklusive steigender Geburtenzahlen) führt aber auch zu Problemen. So werden Jung zufolge die Baugenehmigungen weiter zurückgehen. „Denn wir wollen der Charakter der Stadt mit den Flussauen und dem Stadtwald erhalten. Wir wollen gesundes Wachstum“, so der OB. Nachdem in den vergangenen Jahren vor allem viele neue Eigentumsimmobilien errichtet wurden, sei er jetzt froh, dass sich in Fürth derzeit 500 neue Mietwohnungen im Bau befinden. Das sei für den sozialen Charakter der Stadt ebenso wichtig wie so manche Leistung der Stadt für die sozial Schwachen. „Bei uns können Kinder von Hartz-IV-Empfängern für 50 Cent ins Schwimmbad. Und der begleitende Erwachsene zahlt ebenfalls nur einen Euro. Das ist einmalig in Deutschland“, betonte Jung. Soziale Gerechtigkeit ist für ihn eine wichtige Größe. Darum hob er besonders hervor, wie wichtig es sei, dass endlich der flächendeckende Mindestlohn in Deutschland verankert wurde. „Auch wir als Stadt haben unseren Beitrag geleistet, indem wir die Beschäftigten der kommunalen Servicegesellschaft wieder in den Tarifvertrag zurückgeholt haben. Das kostet uns Hunderttausende“, so Jung. Aber es sei richtig. Ebenso sei es gut, dass es in Fürth in den Sommermonaten so viele Gratis-Freiluftveranstaltungen gebe.
Doch Fürth ächzt Jung zufolge immer noch unter einer enormen Schuldenlast. Auf rund 250 Millionen Euro belaufen sich die Verbindlichkeiten der Kleeblattstadt. „Aber wir konnten einen großen Schritt gehen und im vergangenen Jahr erstmals 4,5 Millionen Euro Schulden abbauen“, so Jung. Auch in diesem Jahr würden weitere Schulden getilgt.
Positiv für die Menschen in Fürth sei auch die Wiederbelebung der Innenstadt. „Die Zeiten, in denen man zum Lebensmittel einkaufen an den Stadtrand fahren musste, sind vorbei“, so der OB. Denn mit dem Hornschuchcenter und der Neuen Mitte werde im Herzen der Stadt das Einkaufen wieder ermöglicht. Zwischen 30 und 40 Geschäfte habe die Stadt dann mehr.
Auch im kulturellen Bereich erlebe Fürth dieses Jahr eine Bereicherung. Der Erweiterungsbau des Jüdischen Museums und der Bau des Ludwig-Erhard-Hauses würden beginnen. Gerade für das Ludwig-Erhard-Haus habe man in Berlin mehr Fördergeld herausholen können als andere Städte für andere Vorhaben. „Dank des geschlossenen Einsatzes unserer Bundes- und Landtagsabgeordneten sowie der bayerischen Staatsregierung erhalten wir für das Ludwig-Erhard-Haus sechs Millionen Euro vom Bund“, freute sich Jung.

Elektromobilität fördern

Freude bereitete dem Fürther OB auch der Bereich Umweltschutz. Denn die Kleeblattstadt erreichte den höchsten Wert bei der Erzeugung regenerativen Stroms. Mit 8,8 Prozent liege Fürth weit vor den Nachbarstädten Erlangen mit 2,4 Prozent und Nürnberg mit zwei Prozent. Ökologie sei ein ganz wichtiger Zukunftsfaktor. Darum müsse die Bundesregierung die Elektromobilität massiv fördern, so Jung: „Wir erhalten eine ganz andere Lebensqualität in den Städten, wenn Abgase und Lärm verschwinden.“
Trotz aller positiver Entwicklungen in Fürth, verschwieg Jung aber nicht die Probleme in der Kleeblattstadt. So komme das Kino in der wiederbelebten Innenstadt viel zu spät und der Brückenbau im Stadtteil Vach ziehe sich viel zu lange hin. Am schwierigsten sei aber der Rechtsstreit in Fürths Gastromeile, der Gustavstraße. Die jahrzehntelange Tradition von Freiluftfesten stehe vor dem Aus, weil lärmgeplagte Anwohner eine Sperrzeit von 22 Uhr durchsetzen wollen. Hier müsse der Gesetzgeber aktiv werden. Denn die TA Lärm (Technische Anweisung Lärm), die als gesetzliche Grundlage für den Rechtsstreit dient, stammt Jung zufolge aus den 1960er Jahren. „Das Leben der Menschen hat sich aber verändert. Niemand steht mehr um fünf Uhr morgens auf, damit er um vor sieben Uhr auf Arbeit ist.“ Auch in den Abendstunden habe sich das gesellschaftliche Leben wesentlich nach hinten geschoben. Diesen Entwicklungen müsse der Gesetzgeber Rechnung tragen, Jung.
Dennoch appellierte er zum Schluss seines Jahresgesprächs noch einmal an die Dankbarkeit: „Wir sollten dankbar sein, Flüchtinge aufnehmen zu dürfen und nicht selbst Flüchtlinge sein zu müssen – trotz der Probleme, die damit verbunden sind.“
(Ralph Schweinfurth)

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Kommentare (1)

  1. Howara am 06.02.2015
    Fürth geht es also gut, schön das zu hören!
    Im Jahr 2009, unmittelbar nach der Insolvenz des Versandunternehmens Quelle, wurde noch der Zusammenbruch der Region Nürnberg/Fürth prognostiziert, das Wort von der "Bochumisierung" der Metropolenregion Mittelfrankens machte die Runde. Zur Kompensation der vermeintlichen Probleme wurde von der bayerischen Staatsregierung u.a. die Verlagerung des Bayerischen Landesamtes für Statistik von München nach Fürth beschlossen. Allein der Ankauf und Umbau des neuen Standortes der Behörde in Fürth, die ehemalige Quellehauptverwaltung an der Finkenstraße, kostet den bayerischen Steuerzahler knapp 50 Millionen Euro. Die versprochene sozialverträgliche Abwicklung für rund 250 Beschäftigte am alten Standort München ist dagegen nicht realisiert worden. Sie stehen derzeit vor den Alternativen: Existenzverlust, Weiterarbeiten in Fürth, Zwangsumsiedelung oder irrwitzige Pendelzeiten inclusive, oder die Zwangsversetzung auf indiskutable Ausweichstellen.
    Fazit: eine gigantische Verschwendung von Steuermitteln für eine unnötige "Hilfsmaßnahme" und hunderte Existenzen langjähriger Mitarbeiter als Kollateralschaden zerstört, alles "für die Katz", aber Hauptsache Fürth geht es gut.

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