Wirtschaft

Zwischen 30 und 40 Milliarden Euro kosten die neuen Leitungen, die wegen der Energiewende in Deutschland nötig sind. (Foto: Energieanlagen Ramonat, Schönebeck)

01.07.2011

Ganz schön lange Leitung

Die Energiewende ist für Unternehmen ein Milliardengeschäft, das nur langsam anläuft

Der Kindergarten im Mannheimer Viertel Wallstadt ist Teil eines nationalen Dilemmas. Gelegen in einer Sackgasse, ringsherum grünt es, in den Büschen vor dem Eingang baumeln noch rote Ostereier aus Plastik. Auf dem Dach flutet die Sonne saubere Energie in eine Fotovoltaikanlage. Genau das ist das Problem. Oder die Lösung. Für die geplante Energiewende in Deutschland ist die Sonne grandios, für die überlasteten Stromnetze ein Graus. Wenn die deutschen Atomkraftwerke tatsächlich in rund zehn Jahren vom Netz gehen, müssen noch viel mehr Dächer Strom produzieren. Dann müssen sich in der Nordsee noch viel mehr Windräder drehen. Das Problem daran? Die Stromnetze wissen schon jetzt oft nicht, wohin mit dem schönen, sauberen Strom, sie könnten bald völlig überlastet sein.
Die Energiewende in Deutschland steht und fällt deshalb mit dem Stromnetz, insgesamt 1,5 Millionen Kilometer lang. Bei all den offenen Fragen zur Energiewende ist eine Sache sicher: Das Netz kann nicht so bleiben, wie es ist. Nicht nur die Integration der Sonnenenergie bereitet Kopfschmerzen. Die Windenergie muss vom Norden, wo Windräder viel Strom produzieren, in den Süden, wo viel Strom verbraucht wird. 3600 Kilometer an neuen Transportleitungen braucht das Land bis 2020, hat die Deutsche Energie-Agentur vergangenes Jahr errechnet. Mindestens 10 Milliarden Euro soll das kosten. Doch Strom muss nicht nur transportiert, er muss auch verteilt werden. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft schätzt, dass in den kommenden zehn Jahren zwischen 195.000 und 380.000 Kilometer Leitungen im Mittel- und Niederspannungsnetz ausgebaut oder modernisiert werden müssen. Das kostet noch mal zwischen 30 und 40 Milliarden Euro. Die Netze müssen also entweder größer oder schlauer werden – oder beides.
Bislang sind die Stromnetze auf den unteren Ebenen von eher schlichter Intelligenz. Sie leiten Energie – und das war’s. Mehr war jahrzehntelang auch gar nicht nötig. Nicht nur in Wallstadt haben aber immer mehr Häuser eine Photovoltaikanlage auf dem Dach und speisen ebenfalls Strom ins Netz. Plötzlich lässt sich nicht mehr so einfach vorhersagen, wie viel Strom im Netz ist, denn die Sonne scheint mal mehr, mal weniger, mal bläst der Wind, mal steht er still. Die Physik verlangt aber, dass sich erzeugter und nachgefragter Strom stets decken, sonst gehen die Lichter aus. Kleine Tüftler und große Energieversorger basteln an neuen Konzepten. RWE zum Beispiel hat sich ein kleines Gebiet in der Eifel gesucht, dünn besiedelt, ohne großen Stromverbrauch, aber mit über 5000 Photovoltaikanlagen. EnBW betreibt ein ähnliches Projekt in Sonderbuch auf der Schwäbischen Alb, im Heimatort des Grünen-Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann. Im Dorf leben rund 190 Einwohner, die weit mehr Strom erzeugen, als sie verbrauchen, und damit das Netz überlasten. Das Ziel von Energieversorgern und Netzbetreibern ist immer gleich: Sie wollen sich neue Leitungen möglichst sparen und lieber das Netz intelligenter machen.
Trotz aller Ideen: Es reicht nicht aus, bestehende Netze klüger zu machen. Sowohl das Transport- als auch das Verteilnetz brauchen neue Leitungen. Neue Trassen über und unter der Erde müssen geplant, genehmigt und gebaut werden. Kabelhersteller, Stahlfirmen, Landschaftsplaner, Trassenbauer stehen bereits in den Startlöchern. Doch wann fällt der Startschuss?
„Bereits 2005 hat es eine erste Studie der Deutschen Energie-Agentur gegeben, die 850 Kilometer neue Leitungen bis 2015 gefordert hat“, sagt Karl-Michael Fuhr, Vorsitzender der Geschäftsführung von SAG, einem der führenden Unternehmen für den Bau von Versorgungsnetzen. „Und was ist passiert? Fast nichts. Gerade mal rund 100 Kilometer wurden gebaut.“ Fuhr rechnet nicht damit, dass vor 2013 wesentliche Projekte im Trassenbau zu erwarten sind. Das Problem sind vor allem die langwierigen Genehmigungsverfahren; die Menschen in Deutschland entwickeln derzeit eine regelrechte Netzallergie. In Niedersachsen, wo besonders viele Trassen gebaut werden sollen, haben die Ornithologen Hochkonjunktur. Überall tauchen neue Kiebitz-Rastplätze auf, die einen Baustart verhindern.
„Wir müssen uns in Deutschland schnell entscheiden, wo wir Prioritäten setzen“, sagt deshalb SAG-Chef Fuhr. „Neue Trassen sind für den Stromtransport von Norden nach Süden unumgänglich. Gleiches gilt für das Verteilnetz. An einer neuen Akzeptanz von Stromtrassen führt kein Weg vorbei, darauf muss sich die Bevölkerung einstellen.“
(Christian Lauenstein)

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