Wirtschaft

Statt „Fränkisches Harvard“ das Ende einer einmaligen Entwicklungschance: Die Technische Fakultät der FAU steht am Scheideweg (auf unserem Bild der rote Platz, das räumliche Zentrum der Fakultät). (Foto: FAU/Malter)

13.01.2017

Gefährdet Söder die Jahrhundertchance?

CSU-Parteifreunde sehen durch den geplanten Teilumzug der Technischen Fakultät der FAU ein „vollkommen falsches Signal“

Das Scheitern der Pläne für eine Umsiedlung von Teilen der Technischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität auf das Nürnberger AEG-Gelände und das Festhalten von Finanzminister Markus Söder (CSU) an den Umzugsplänen zu einem nun noch weiter entfernteren Standort im Süden Nürnbergs offenbaren bizarre politische Koalitionen und innerparteiliche Gegnerschaften. So finden sich die Erlanger SPD-Stadtratsfraktion und der CSU-Minister im gemeinsamen Schulterschluss. Sowohl SPD-Stadtrat Philipp Dees als auch sein Parteikollege Florian Janik, Erlangens Oberbürgermeister, bemühen den Begriff des „Kirchturmdenkens alter Tage, den man hinter sich lassen“ sollte, um verbal den Umzug nach Nürnberg zu befördern.

 Innerhalb der Christsozialen sieht sich Söder dagegen einer stärker werdenden Phalanx gegenüber, die seine Pläne strikt ablehnt. So fährt der Bezirksvorsitzende des CSU-Arbeitskreises Hochschule, Kurt Höller, schwere Geschütze gegen seinen Parteifreund auf: „Wissenschaftspolitik darf nicht aus dem Blick einer regionalen Stadtteilentwicklung betrieben werden.“ Höller sieht den neuen Siemens-Campus in Erlangen vielmehr als „Jahrhundertchance“ durch eine interdisziplinäre Konzentration auf höchstem Niveau mit weltweiter Attraktivität: „Ein in Deutschland einzigartiges Technologie- und Forschungscluster – von der außeruniversitären Grundlagenforschung mit Helmholtz-, Max-Planck- und natürlich Fraunhofer-Instituten bis hin zur ingenieurwissenschaftlichen Anwendung, die Informatik eingeschlossen – würde neben dem weltweit größten Forschungszentrum von Siemens stehen.“

Fränkisches Harvard


Höller vergleicht das – die gerade intensiv ausgebaute Universitätskliniklandschaft und die im „Himbeerpalast“ geplanten konzentrierten Geisteswissenschaften eingebunden – mit einem fränkischen Harvard oder Stanford. Im Falle einer Entscheidung für das von Söder ausgesuchte Gelände an der Brunecker Straße in Nürnberg sei dagegegen eine mittelfristige Blockade zu befürchten: „Die vielen in den kommenden Jahren freiwerdenden Professuren würden angesichts solcher Unsicherheiten vermutlich nicht mit den weltweit besten Köpfen besetzt werden können. Selbst die gewaltigen Chancen des Siemens-Campus würden ungenutzt vorüberstreichen. Es wäre ein vollkommen falsches Signal im Zuge der Bewerbungen zur Exzellenzuniversität.“

 Ähnlich argumentiert die Erlanger CSU-Arbeitsgemeinschaft Mittelstands-Union gegen die „strategische Fehlentscheidung“ Söders: „Siemens konzentriert seine Aktivitäten in Erlangen. Es wäre doch sehr seltsam, wenn die Technische Fakultät im Gegenzug ihre Aktivitäten aus Erlangen heraus verlegen würde.“ Ins gleiche Horn stößt der ehemalige Siemens-Chef Heinrich von Pierer, 18 Jahre lang für die CSU im Erlanger Stadtrat. Er warnt davor, durch den Umzug nach Nürnberg und die Zersplitterung der Technischen Fakultät eine wirklich einmalige Zukunftsperspektive zu verspielen. Durch den neuen Siemens-Campus sei eine enge Kooperation auf wesentlichen Zukunftsfeldern zwischen universitärer Wissenschaft und industrieller Forschung möglich, zumal Grundlagen- und anwendungsorientierte Forschung in den letzten Jahrzehnten immer enger zusammengewachsen seien. Gerade die Informatik, die das herausragende Zukunftsthema 4.0 in besonderer Weise behandelt, fordere eine ausgeprägte Vernetzung mit den anderen Departements. Pierer: „Es darf nicht zerschlagen werden, was inhaltlich und räumlich zusammengehört.“

 Pierer, der als Honorarprofessor am FAU-Lehrstuhl für industrielles Management in Nürnberg Praxisseminare durchführt, kritisiert seine Nachfolger in der Erlanger Kommunalpolitik, die sich in der bisherigen Diskussion „erstaunlich passiv verhalten“ hätten. Dort haben die Freien Demokraten, die zusammen mit SPD und Grünen die Regierungsbank zusammenhalten, allerdings schon seit Längerem gegen einen Teilabzug der Technischen Fakultät Stellung bezogen. Kreisvorsitzender Matthias Faigle: „Die FDP will eine Abwanderung der Uni aus Erlangen nach Kräften vermeiden. Da sind wir uns mit Herrn von Pierer deutlich einiger als mit Herrn Janik.“
(Udo B. Greiner)

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