Wirtschaft

So mag ihn jeder: der ADAC als Pannenhelfer. (Foto: dpa)

22.04.2014

Gelber Riese, gelbe Gier und gelbe Engel

Der ADAC bei der Erneuerung

Neustart, Reformen, Glaubwürdigkeit: Nach der Pannenserie ringt der ADAC um Erneuerung. Prominente externe Berater, interne Arbeitsgruppen, ein Interimspräsident und neue Gesichter in der Geschäftsführung sollen den Club nach dem Crash aus dem Graben ziehen. Bei der Hauptversammlung im 10. Mai sollen erste Reformvorschläge auf den Tisch kommen.
Der ADAC setzt auf hochkarätige Helfer: Transparency-Chefin Edda Müller, Ex-Verfassungsgerichtspräsident Hans-Jürgen Papier, der Direktor des Maecenata Instituts, Rupert Graf Strachwitz, und Unicef Deutschland-Chef Jürgen Heraeus beraten den Club. Eine kritische Begleitung sei unabdingbar, sagt Interimspräsident August Markl. "Wir wollen den ADAC in eine moderne und transparente Zukunft führen."
Der Beirat ist seit März an der Arbeit, ebenso Arbeitsgruppen, die sich mit Ausrichtung, Mitgliedereinbindung, Unternehmenskultur, Tests und Awards befassen. Nach außen drang bisher nichts.
Der Koloss ist nicht leicht zu bewegen. Rund 8500 Mitarbeiter in Zentrale und Regionalclubs, ein Geflecht von etwa 40 kommerziellen Töchtern und ein schier undurchschaubares Dickicht von Geschäftsbeziehungen - das ist nicht in ein paar Wochen zu durchdringen. Dabei muss der ADAC achtsam sein, um nicht mehr Porzellan zu zerschlagen. Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel.
Mitten in den von manchem mit Skepsis verfolgten Erneuerungsprozess platzen zwei Bücher, die sich mit Hintergründen der Krise befassen. Das Fazit der Autoren, ein Journalist und ein Ex-ADAC-Funktionär: Der ADAC habe sich von den Mitgliedern entfernt, versuche an ihnen zu verdienen. Das passe nicht zum Anspruch als Verbraucherschützer. Dabei habe der Club die Strukturen eines Kleingartenvereins. Ob der Vereinsstatus aberkannt wird, prüft derzeit das Amtsgericht München.
Der Club hat gut verdient - anders wäre allein der monströse Neubau der Zentrale in München nicht möglich gewesen. "Die Gelbe Gier" nennt Alfons Kifmann sein Buch. Er war in den 1990er Jahren Vorgänger des gefeuerten Medienchefs Michael Ramstetter. Wäre seine "Insider-Story" 2013 erschienen, hätte sie einen Skandal ausgelöst.
Kifmann beschreibt auf 250 Seiten Strukturen, die zu der Krise führten - und kritisiert "eine Atmosphäre der Selbstüberschätzung, die kritische, auch selbstkritische Haltungen verneint; eine selbstherrliche, wenig professionelle Führung nach Gutsherrenart, und die wachsende Distanz zur Basis, dem unmündig gehaltenen Mitglied".
Bevor im Januar ein Artikel der "Süddeutschen Zeitung" über Manipulationen beim Autopreis "Gelber Engel" den Skandal ins Rollen brachte, traute sich kaum jemand, dem gelben Koloss an den Karren zu fahren. Jahrelang huldigten Wirtschaftsbosse und Politiker dem Club mit der machtvollen Zahl von 19 Millionen Mitgliedern.
Als hätte sich eine Schleuse geöffnet, purzelten dann Unregelmäßigkeiten, Fragwürdiges und Kurioses nur so ans Licht: Dienstflüge per Rettungshubschrauber, eine Funktionärs-Villa im Taunus, Fragen zu Reifen- und Fährentests, ein Prämiensystem für Pannenhelfer beim Batterie-Verkauf - und mit ADAC-Hubschraubern trocken geföhnte Fußballplätze. "Vorher wäre das im gesamten Klima gar nicht möglich gewesen", sagt Kifmann.
Er kritisiert, der ADAC habe sich vom Kerngeschäft Pannenhilfe hin zum Versicherungskonzern und Finanzdienstleister entwickelt, sich dabei aber dem freien Wettbewerb entzogen. Mitglieder hätten etwa bei den Autoversicherungen nicht einmal durch Vergünstigungen profitiert.
Mehrere Funktionäre hingegen verdienten jenseits ihres Ehrenamtes am Verein, etwa als ADAC-Vertragsjuristen oder Sachverständige. "So finden Ehrenamt und Lebensunterhalt zusammen", schrieb "SZ"-Redakteur Bastian Obermayer, dessen Enthüllungen den Skandal ins Rollen brachten. Am 23. April erscheint sein Buch "Gott ist gelb".
Spitzen-Funktionäre hatten Obermayers Recherchen im Januar erst als Lügen abgetan. Inzwischen mussten nach Ramstetter Präsident Peter Meyer und Geschäftsführer Karl Obermair gehen. Der Club zog die Reißleine und baute seine Spitze um. Etwa holte er Thomas Kagermeier von der Prüfgesellschaft KPMG in die Geschäftsführung, der von Juni an die Neuausrichtung in operativer Verantwortung mitgestalten soll.
Das Vertrauen ist angeschlagen. Der Automobilclub muss mehr Kündigungen hinnehmen als bisher. Als wäre nichts gewesen, laufen in den Osterferien trotzdem Stauprognosen und Benzinpreisberechnungen. Und die Gelben Engel retten unermüdlich liegengebliebene Autofahrer. (Sabine Dobel, dpa)

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