Wirtschaft

Stephan Götzl, Präsident des Genossenschaftsverbands Bayern. (Foto: GVB)

13.04.2012

Götzl fordert schnellen Ausbau der Netzinfrastruktur

Die bayerischen Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften sind mit dem Geschäftsjahr 2011 zufrieden

Die bayerischen Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften, die in 35 Branchen tätig sind, können insgesamt auf ein positives Geschäftsjahr 2011 zurückblicken, erklärte Stephan Götzl, Präsident des Genossenschaftsverbands Bayern (GVB). Ihr Gesamtumsatz stieg durchschnittlich über alle Branchen hinweg um 6,9 Prozent auf 11,09 Milliarden Euro. Das Ergebnis vor Ausschüttungen, Rückvergütungen und Steuern belief sich auf rund 276 Millionen Euro. Damit waren die 557 ländlichen und 286 gewerblichen Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften sowie die übrigen 55 zugeordneten Unternehmen laut Götzl erneut ein stabiler Wirtschaftsfaktor in Bayern.
Die ländlichen Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften konnten ihren Gesamtumsatz 2011 auf 5,62 Milliarden Euro steigern. Das deutliche Umsatzplus von 13 Prozent ist nach Götzls Worten unter anderem auf die positive Entwicklung der Erzeugerpreise zurückzuführen.
Insbesondere die Milchwirtschaft habe sich nach dem schwierigen Zeitraum von 2007 bis 2009 nun im zweiten Jahr in Folge erholt. Der Milchauszahlungspreis in Bayern lag mit 35,52 ct/kg auf einem ordentlichen Niveau. „Was den Binnenmarkt angeht, war 2011 die Milchnachfrage zufriedenstellend. Jedoch ist hier schon ein Sättigungsgrad erreicht. Zuwächse konnten im vergangenen Jahr vor allem auf den Auslandsmärkten erzielt werden“, erklärte der GVB-Präsident. So verbuchten die 21 genossenschaftlichen Molkereien eine Umsatzsteigerung von 9,8 Prozent auf 2,34 Milliarden Euro. Insgesamt trug die Milchwirtschaft mit einem Umsatz von 3,12 Milliarden Euro mehr als 55 Prozent zum Gesamtumsatz der ländlichen Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften bei.

Energiegenossenschaften legen erheblich zu


Im Raiffeisen Warengeschäft legten die Gesamtumsätze laut Götzl um 7,7 Prozent auf 1,23 Milliarden Euro zu. Zu dieser Gruppe gehören die Bezugs- und Absatzgenossenschaften mit einem Umsatzanteil von gut 50 Prozent. Der verbleibende Anteil wird von 77 Kreditgenossenschaften mit Warengeschäft erwirtschaftet. Diese verkaufen neben landwirtschaftlichen Bedarfs- und Heimwerkerartikeln, auch Brenn-, Treib- sowie Baustoffe.
Die 286 Genossenschaften, die in gewerblichen Bereichen wie Handel, Handwerk und Dienstleistungen tätig sind, erwirtschafteten 2011 einen Gesamtumsatz von 5,47 Milliarden Euro. Das ist ein Plus gegenüber dem Vorjahr von 1,4 Prozent. „Sie konnten sich damit im harten Wettbewerb gut behaupten“, so Götzl.
Auf die 47 Handelsgenossenschaften als typischerweise umsatzstärkste Gruppe der bayerischen Warengenossenschaften entfielen 2011 rund 3,96 Milliarden Euro. Das sind rund 1,5 Prozent weniger als im Rekordjahr 2010. „Unter anderem wirkten sich die Veränderungen im Pharmamarkt auf die Umsatzentwicklung aus. Hier herrscht seit Inkrafttreten des Arzneimittelmarktneuordnungsgesetzes ein verschärfter Konditionenwettbewerb, der den Pharmahandel belastet“, betonte der GVB-Präsident.
Die Energiegenossenschaften konnten ihren Gesamtumsatz im abgelaufenen Geschäftsjahr um fast ein Fünftel auf 434,4 Millionen Euro steigern. Erfreulich sind für Götzl auch die kräftigen Investitionen in Höhe von 34,7 Millionen Euro und die vielen Neugründungen.
Mit Blick auf das Jahr 2012, erklärte der GVB-Präsident, seien die bayerischen Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften „verhalten optimistisch“. Er ist sich sicher, dass der Bedarf an Agrarrohstoffen für die Nahrungsmittel- und Energieproduktion weltweit weiter steigen wird. Jedoch würden sich Energie- und Agrarpreise gegenseitig beeinflussen. „Es ist mit einer hohen Preisvolatilität zu rechnen. Zudem wird die Geschäftsentwicklung wesentlich von den wirtschafts- und finanzpolitischen Risiken, insbesondere im Euroraum, abhängen. Die EU-Staatsschuldenkrise und damit einhergehende Wechselkursrisiken, aber auch die politische Situation in wichtigen Importländern innerhalb und außerhalb der EU stellen ein kaum kalkulierbares Risiko für die Agrarproduzenten dar.“

Hohe
Wertschätzung


Besonders erfreut zeigte sich Götzl darüber, dass die Vereinten Nationen 2012 zum internationalen Jahr der Genossenschaften erklärt hat. Zum einen soll damit die weltweite gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung von Genossenschaften hervorgehoben und gewürdigt werden. Zum anderen sollen den Menschen die Vorzüge und die vielfältigen Möglichkeiten der genossenschaftlichen Zusammenarbeit noch bewusster werden. Sie sollen laut Götzl sehen: „Die Genossenschaft bietet eine ausgesprochen gute Basis für die Bewältigung von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen überall auf der Welt.“
Die Bedeutung und Verbreitung von Kooperationen wachse ständig, so der GVB-Präsident. Auch in Europa erfreuen sich Genossenschaften hoher Wertschätzung. Das habe jüngst das Europäische Parlament hervorgehoben. So hat es in einem Bericht zum Statut der Europäischen Genossenschaft gefordert, dass die Unternehmensform als Teil eines sozialen und ausgeglichenen europäischen Binnenmarkts stärker gefördert werden soll. Die Volksvertreter ermahnen die Europäische Kommission in dem Bericht ausdrücklich, die Besonderheiten von Genossenschaften bei Gesetzesinitiativen stärker zu berücksichtigen. „Wir hoffen, dass die Kommission diese Ermahnung hört und insbesondere bei der Bankenregulierung ernst nimmt.“
Auch 2011 entstanden wieder zahlreiche neue Genossenschaften. „Das Gründungsgeschehen belegt das breite Branchenspektrum moderner Kooperation“, so Götzl. Insgesamt haben im vergangenen Jahr im Freistaat 51 neue Genossenschaften ihre Arbeit aufgenommen. 18 Neugründungen entfielen auf Mittelfranken, eine auf Oberfranken, zwölf auf Unterfranken. In der Oberpfalz kamen vier, in Schwaben fünf, in Niederbayern drei und in Oberbayern acht neue Genossenschaften dazu.
Der Schwerpunkt lag wie schon in den Vorjahren auf dem Energiesektor. In Bayern gibt es mittlerweile 133 Energiegenossenschaften in den Bereichen Fotovoltaik, Wärmeversorgung und Biogas. Auch im Bereich Wind gebe es vielversprechende Projekte. Der GVB-Präsident ist sich angesichts dieser Entwicklung sicher: „Genossenschaften sind bereits heute ein wichtiges Instrument für die dezentrale Gestaltung der Energiewende. Sie bieten dafür den idealen rechtlichen und organisatorischen Rahmen.“

Netzausbau
kommt kaum voran


Die aktive Beteiligung der Bürger an genossenschaftlichen Energieprojekten schaffe „eine breite Akzeptanz für dieses gesellschaftlich und wirtschaftlich zentrale Projekt“, betonte Götzl, für den die Bürger die mit Abstand wichtigste Gruppe unter den Investoren in erneuerbare Energiegewinnung sind. „Sie treiben die Energiewende voran.“ Das würden auch Zahlen belegen. Mehr als 50 Prozent der in Deutschland installierten Anlagen zur Stromerzeugung sind laut einer Studie in der Hand von Privatpersonen und Landwirten. „Die großen Energieversorger spielen bislang nur eine untergeordnete Rolle.“
Ungeachtet dessen sieht Götzl die Politik in der Pflicht, Rahmenbedingungen so zu setzen, dass die Energiewende auch wirklich gelingt. Dazu zähle die Berechenbarkeit politischer Entscheidungen genauso wie der schnellstmögliche Ausbau der Netzinfrastruktur. Diese sei die Achillesferse der Energiewende. „Bislang“, so der GVB-Präsident, „kommt sowohl der nötige Netzausbau als auch die Weiterentwicklung von Stromspeichern kaum voran. Die aktuellen Planungen reichen nicht aus, um Netzengpässe innerhalb Deutschlands zu verhindern.“ Götzl fordert deshalb eine ordnende, zentrale Stelle für einen koordinierten Netzausbau. Deswegen müsse sich die Staatsregierung intensiv für vereinfachte Planungs- und Genehmigungsverfahren sowie wirksame Investitionsanreize für den Netzausbau einsetzen. „Hier ist die Politik gefordert. Wir haben keine Zeit zu verschenken – zumal der Netzaufbau mehrere Jahre in Anspruch nehmen wird.“ Denn eine dezentrale Energieversorgung sei ohne funktionierende Netze nicht möglich. 
(Friedrich H. Hettler)

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