Wirtschaft

Das Rißbachwehr reguliert den Wasserzufluss für die Kraftwerksgruppe Walchensee. (Foto: Eon)

19.08.2011

Anfang an Amper und Isar

Wie aus Kleinkraftwerken der Alpenflüsse der Eon-Konzern wurde

Das „harmonische Betriebsklima in der Isar-Amper-Familie“, das in der Firmengeschichte anlässlich der Gründung der Großfamilie Eon beschworen wurde, hat sich über Nacht in ein Klima verwandelt, das einer der Belegschaftssprecher mit den knappen Worten „Schockstarre“ und „Frustration“ beschreibt. Das wird sich kaum ändern, bis vielleicht Ende Oktober endgültig darüber entschieden ist, was aus den rund 400 Mitarbeitern der Zentrale von Eon Energie werden soll. Sicher ist bisher nur, dass die Düsseldorfer Konzernzentrale den Betrieb in dem schönen, großen Glasbau in der Münchner Brienner Straße 40 dicht machen will.


Amper Werke schrieben Wirtschaftsgeschichte


Wo jetzt der Klimawandel wie ein Wettersturz hereinbrach, ist einmal Wirtschafts- und Architekturgeschichte geschrieben worden. 1922 hatte die 1908 gegründete Amper Werke AG das 1898 erbaute Palais des als Eisenbahnzulieferer reich gewordenen Carl Ungerer erworben, um darin ihr Hauptquartier einzurichten. Als Stromabnehmer dachte man zunächst nur an die Großstadt München. Die hätten die Gründer des Kraftwerkunternehmens, Wilhelm von Finck und Josef Heilmann, gerne als Miteigentümerin gewonnen, doch die Münchner Kämmerer wollten das „hohe Risiko“ nicht eingehen. Deshalb plante man einfach „Überlandleitungen“.
Und dadurch schafften es die Ingenieure und Manager der Aktiengesellschaft auch ohne kommunale Beteiligung, durch großflächige Elektrifizierung einen beträchtlichen Beitrag zur Industrialisierung einer strukturschwachen Region zu leisten. Sie konstruierten weitere Wasserkraftwerke (das erste in Höllriegelskreuth lief noch bis 1970), sie bauten die nötigen Wasser- und Starkstromleitungen, eigene Straßen und sogar eine fünf Kilometer lange Eisenbahnstrecke. Bis zum Ersten Weltkrieg hatte das Unternehmen schon 6668 Stromkunden, bis 1926 überspannte sein Netz ganz Südbayern, bis hinauf auf die Zugspitze.
Bei den beiden schwersten Luftangriffen des Zweiten Weltkriegs wurden sämtliche Gründerzeithäuser an der westlichen Brienner Straße zerstört, während ausgerechnet die nicht weit entfernten Betonhochburgen der Nazi-Führung verschont blieben. Aus eigener Initiative, wieder ohne städtischen Beistand, begannen Mitarbeiter des Energieerzeugers schon 1948 mit dem Aufräumen der Trümmer. Den Neubau versuchte dann der Architekt Heinz Schilling an die „monumentale Nachbarschaft“ (Königsplatz) anzupassen, natürlich ohne deren herrischem Gehabe.
Bald begann eine Serie von komplizierten Verflechtungen und Fusionen, die der deutschen Energiewirtschaft neue, bereits globale Strukturen geben sollten. Zunächst vereinigten sich 1955 die Amper-Werke mit der älteren Konkurrenz, den 1894 gegründeten Isar-Werken. Mit einer Jahresleistung von 750 Millionen Kilowattstunden für 813 Gemeinden waren die neuen Isar-Amper-Werke mit einem Schlag der größte private Energieversorger der Bundesrepublik.
Unter dem Doppeltitel Amper und Isar wurde Energiegeschichte geschrieben. Schon 1962 versorgten die bayerischen Wasserkraft-Spezialisten – Partner war eine Thüringer Gesellschaft – die Stadt Waldkraiburg mit Erdgas. Im Dezember 1977 wurde das Kernkraftwerk Isar 1 angefahren, fünf Jahre später Isar 2, das damals leistungsstärkste AKW der Welt. 1985 entstand in Zolling das erste Kohlekraftwerk, bereits mit Rauchgasreinigung. 1987 begann das Unternehmen mit Fernwärme und wurde damit zum größten Regionalversorger der Bundesrepublik. Mitte der 1980er Jahre begannen auch schon Versuche mit der Windkraft, und 1989 lieferte man den ersten Solarstrom ins deutsche Netz, wenn auch nur für einen Bauernhof. Ein Film mit Volksschauspielern sollte über Energieeinsparung aufklären.
Die Aufgaben wuchsen mit dem rasanten Bedarf. Weil auch der Raumbedarf für die nunmehr 250 Mitarbeiter wuchs, wurde das benachbarte Ruinengrundstück Brienner Str. Nr. 41 hinzu gekauft. Hier hatte der vom Geldadel bevorzugte Stararchitekt Gabriel von Seidl einst für den Fabrikanten und Handelsrichter Theodor Klopfer eine Villa erbaut, die mit ihren italienischen Bauformen, mit Portikus und Säulen fast so pompös war wie sein Meisterwerk, die nur einen Häuserblock entfernte Residenz des Malerkönigs Franz von Lenbach. Vor der Kriegszerstörung residierte in der Klopfer-Villa die „Reichsleitung des NS-Kraftfahrkorps“, die neben SA und SS die dritte „Kampfgliederung“ der Partei war. Sie hatte fast eine halbe Million Mitglieder.
Im Herbst 1995 verkauften die Erben der Gründerfamilien fast alle Anteile an die (halbstaatliche) Bayernwerk AG. Deren Energietochter VIAG und die der Preußag gehörende Holding VEBA fusionierten am 1. Juli 2000 zum Energie-Giganten Eon. Somit entstand der größte private Stromlieferant Europas und das fünftgrößte deutsche Industrieunternehmen. München blieb vorerst im Rennen. Eon Bayern allein unterhält 179.000 Kilometer Strom- und 5400 Kilometer Gasleitungen. Und vor allem verblieb bei der Fusion das Mutterunternehmen Eon Energie in der Brienner Straße.

Neue Räume für die neue Mannschaft


Wieder brauchte man neuen Raum für die neu firmierende Mannschaft. Es wurde abgerissen, neu gebaut, angebaut. So schufen die Architekten Hauschild + Boesel einen lichtdurchfluteten Gebäudekomplex mit viel Glas, der das ganze Areal zwischen Augus-ten- und Richard-Wagner-Straße bedeckt. Den anheimelnden Mittelpunkt bildet eine „Piazza“, die durch Überdachung des noch aus Isar-Amper-Zeiten stammenden Innenhofes entstand. Das flammende Rot des 101 Jahre alt gewordenen Malers Rupprecht Geiger dominiert das Foyer Eon hat auch eine große Geiger-Retrospektive im Lenbach-Haus gefördert, ebenso die gegenwärtige Mondrian-Ausstellung und viele andere Kulturinitiativen vieler Orte.
Die Flussnamen Amper und Isar sind zwar aus dem Firmenschild verschwunden. Ältere Mitarbeiter in München erinnern sich indes noch gern an die kleinen Wasserkraftwerke der Gebirgsflüsse und an das Stammhaus; sie haben die Großfamilie, in die gar eine Preußen-Tochter eingeheiratet hat, nie recht gemocht. Immerhin ist der Stützpunkt München auch wirtschaftlich eine wichtige Schaltstelle geblieben: Von den insgesamt zwölf Millionen Privatkunden, die der Großkonzern in halb Europa mit jährlich 200 Milliarden Kilowattstunden Strom versorgt, entfallen auf Bayern allein zwei Millionen in 379 Gemeinden. An der Brienner Straße mag sich niemand vorstellen, dass hier bald das Licht ausgedreht wird. Noch reicht, wenn erst die Schockstarre überwunden ist, die Energie zum Widerstand.
(Karl Stankiewitz)

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