Wirtschaft

13.05.2011

Höchste Wirtschaftskraft im Allgäu

Kempten ist nicht nur Einkaufsstadt, sondern das ökonomische Rückgrat der Region

Der rund 100.000 Einwohner zählende Wirtschaftsraum Kempten zählt heute zu den erfolgreichsten Regionen in Bayern. Über viele Jahrzehnte geprägt von der Milchwirtschaft, hat sich aus der Nahrungsmittel-
produktion auf der Basis von Milch ein breites Spektrum von Industriebetrieben entwickelt. Sie zählen in vielen Bereichen zu den Weltmarktführern.

 Das ökonomische Rückgrat für die gesamte Region bildet Kempten aber auch als Einkaufsstadt. „Kempten ist das geografische und wirtschaftliche Zentrum des Allgäus, sowohl auf bayerischer als auch auf württembergischer Seite“, erklärt Oberbürgermeister Ulrich Netzer (CSU) der Staatszeitung. Die Stadt mit ihren 65.000 Einwohnern habe die höchste Wirtschaftskraft im gesamten Allgäu. Die Wirtschaftsstruktur ist laut Netzer sehr mittelständisch geprägt: „Da profitiert Kempten von einem gesunden, vielfältigen Branchenmix. Der Maschinenbau ist genauso vertreten wie die chemische Industrie, Druckereien oder ein sehr leistungsfähiger Einzelhandel.“ Diese Mischung sorgt dafür, dass Kempten über ein stabiles wirtschaftliches Umfeld verfügt. Dementsprechend ist auch die weltweite Finanzkrise weitgehend spurlos an der Stadt vorüber gegangen.


Europaweit führend

Den Grund dafür sieht Netzer in einer langfristigen Entwicklungsstrategie, die auf funktionierende Netzwerke baut. So habe sich Kempten beispielsweise als eines der europaweit führenden Kompetenzzentren in Sachen Verpackung einen Namen gemacht. Besonders die Folienindustrie sei im Wirtschaftsraum Kempten stark vertreten, betont der Oberbürgermeister. Hinzu komme aber auch der Maschinenbau sowie Elektrotechnik und Elektronik.
Ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Kempten ist Netzer zufolge die Hochschule, die nächstes Jahr etwa 4500 Studierende haben wird. Maschinenbau, Informations- und Kommunikationstechnologie, Betriebswirtschaftslehre, Tourismus und Sozialwirtschaft seien die Fachbereiche an der FH, die auch die regionale Wirtschaftsstruktur widerspiegelten. So ist die Hochschule beispielsweise ein wichtiger Baustein, um Kempten zu einem Kompetenzzentrum für Lebensmittel und Verpackung auszubauen. Die milchwirtschaftliche Untersuchungs- und Versuchsanstalt (Muva), ein international führendes Prüflabor, sei ein unverzichtbarer Partner in diesem Netzwerk. Die Muva arbeitet nicht nur mit der FH vor Ort eng zusammen, sondern auch mit der TU München und dem Fraunhofer-Institut, seit Kurzem mit einem Büro vor Ort, um den immer strengeren Anforderungen im Bereich Hygiene gerecht zu werden. „Lebensmittelhersteller werden auf den internationalen Märkten ja sofort in Regress genommen, wenn einmal etwas mit den Produkten nicht stimmt“, erläutert Netzer. Erst vor Kurzem hat die Muva ein neues Laborgebäude für 30 Millionen Euro in Betrieb genommen.
Da die Lebensmittel auch zu den Verbrauchern gebracht werden müssen, hat sich in Kempten zudem die Logistikbranche gut entwickeln können. So hat das weltweit agierende Logistikunternehmen Dachser mit jährlich rund 3,8 Milliarden Euro Umsatz seinen Sitz in Kempten. Etwa 850 Mitarbeiter sind in der Dachser-Zentrale beschäftigt.
Dass sich die jahrelange Entwicklungsarbeit für Kempten gelohnt hat, wird für Netzer auch anhand zahlreicher Städte-Rankings deutlich, bei denen Kempten inzwischen regelmäßig Spitzenplätze belegt. „Wir legen sehr viel Wert auf Grundlagenarbeit wie das Schaffen funktionierender Netzwerke. Dank der richtigen Partner erhalten die Firmen hier ein ideales Umfeld. Wir wollen den Unternehmen die Entscheidung für eine Ansiedlung in Kempten so leicht wie möglich machen“, so das Stadtoberhaupt. Aber nicht alle ansiedlungswilligen Investoren sind gleichermaßen willkommen. „Manche Unternehmer sind enttäuscht, wenn sie auf der grünen Wiese einen Einzelhandels-Standort ansiedeln wollen und bei uns damit auf wenig Begeisterung stoßen. Aber wir wollen ganz konsequent unserer Linie treu bleiben und den Handel auf die Innenstadt und die Nahversorgungszentren konzentrieren.“ Und der Erfolg des Kemptener Einzelhandels mit einer prosperierenden Innenstadt gibt dem Oberbürgermeister recht. „Kempten rangiert unter den Top 10 der deutschen Einkaufsstädte“, erläutert Netzer. So lag 2009 der Kaufkraftindex bei 107,5, der Umsatzindex bei 210,5 und der Zentralitätsindex bei 196. Die jeweiligen Durchschnittswerte für Deutschland liegen bei 100. Das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner liegt bei etwa 43.500 Euro. Wegen der Einkaufsstadtfunktion Kemptens gibt es auch kaum Leerstände. „Wenn ein Geschäft einmal leer ist, dann nur, weil es gerade renoviert wird“, erklärt der Oberbürgermeister.
Auch von den vielen Urlaubern, die jedes Jahr Erholung im Allgäu suchen, profitiert der Kemptener Einzelhandel. Die Übernachtungszahlen in der Stadt reichen zwar nicht an diejenigen der Tourismus-Hochburgen in der Region heran, weisen aber einen deutlichen Trend nach oben auf. „Im Rahmen des Städtetourismus haben wir pro Jahr etwa 140.000 Übernachtungen“, erklärt der Oberbürgermeister. „Wenn das Wetter einmal schlecht ist, kommen alle zum Einkaufen zu uns. Oder wenn sie einmal zu viel von der schönen Natur haben und Lust auf Kunst und Kultur verspüren, kommen sie auch nach Kempten.“


Vorreiter beim Klimaschutz

Kempten ist aber auch Vorreiter in Sachen Klimaschutz. So wurde bereits vor 13 Jahren das Energiezentrum Allgäu (eza) gegründet. Die eza-Mitarbeiter beraten Privatleute, die Wirtschaft und Kommunen in allen Belangen rund um das Thema Energie. Aber nicht nur mit dem eza ist man in Kempten auf dem Klimaschutzpfad. So ist die Stadt an drei Modellprojekten der EU und des Bundes beteiligt. Bei „CO² neutralp“ geht es um den klimaschonenden Transport im Alpenraum. Via „eTour“ des Bundeswirtschaftsministeriums erhält das Allgäu 40 E-Autos, um auf diese Weise Erkenntnisse über die Machbarkeit von Elektromobilität im Tourismus zu gewinnen. Und im Projekt „Alp-Energy“ spielt der Netzausbau, der aufgrund der stetig wachsenden Zahl von Einspeisern regenerativ erzeugter Energie nötig wird, die Hauptrolle.
(Ralph Schweinfurth)

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