Wirtschaft

Rüdiger Grube erläuterte in Nürnberg die Pläne der Deutschen Bahn für die nächsten Jahre. foto schweinfurth

03.12.2010

ICE-Technik wird aufgemotzt

Bahnchef Rüdiger Grube erläuterte in der IHK Nürnberg die Investitionsvorhaben der Bahn in den kommenden Jahren

Auf Deutschlands Schienen fahren 323 Wettbewerber. „Das gibt es in ganz Europa nicht“, betont Rüdiger Grube, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn AG, vor Pressevertretern in der IHK Nürnberg für Mittelfranken. Er kenne gar kein Geschäft ohne Wettbewerb.
Grube unterstrich, dass sich seit der Bahnreform im Jahr 1994 viel getan hat. So sank der Regierungszuschuss um 38 Prozent, während er zum Beispiel in Frankreich seitdem um 68 Prozent und in Großbritannien gar um 181 Prozent gestiegen ist. „Und wir sind das einzige Land in Europa, das alle Verkehre – egal ob ICE, EC, Regionalverkehr, S-Bahn oder Güterverkehr – auf einem Netz betreibt. Frankreich oder Japan beispielsweise haben ein eigenes Hochgeschwindigkeitsnetz.“
Gerade weil Deutschland so weit in Sachen Wettbewerb auf der Schiene ist, erwartet Grube von der deutschen Politik, dass sie in Brüssel ordentlich Druck macht, damit auch die anderen EU-Staaten ihre Grenzen für den Wettbewerb im Personenverkehr öffnen. Hierfür bräuchte man laut Grube eine starke europäische Eisenbahnagentur. Demnächst komme ein neues europäisches Eisenbahngesetz, in dem die Liberalisierung gar nicht mehr angesprochen werde. „Da geht man einfach davon aus, dass der Wettbewerb im Personenverkehr schon Realität ist“, erläutert der Bahnchef.
Grube ist aber auch so ehrlich, dass es bei der Deutschen Bahn noch große Hausaufgaben gibt, die es zu erledigen gilt. Die Technikherausforderungen mit dem ICE 3 (die Hersteller lieferten falsche Achsen und Räder) und ICE T (Neigetechnik funktioniert nicht) seien zu meistern. „Wegen der Achs- und Radproblematik müssen die Züge alle 20 000 Kilometer zur Ultraschalluntersuchung. Das heißt, dass 17 Züge nicht verfügbar sind“, so Grube. Hinzu kämen weitere acht Züge, die wegen Reparaturen in der Werkstatt stünden. Somit könne die Bahn permanent auf 10 Prozent ihrer insgesamt 253 ICE-Züge umfassenden Flotte nicht zugreifen. „10 Prozent der Gesamtflotte ist eigentlich die Reserve und die haben wir nicht mehr.“ Bis alle Achsen und Räder ausgetauscht sind, wird es 2014 sein. Denn noch hat das Eisenbahnbundesamt (EBA) die neuen Bauteile nicht zugelassen. Grube rechnet nicht vor Herbst 2011 mit der Zulassung der neuen Komponenten durch das EBA.
Damit sich der Frust über die Deutsche Bahn in Grenzen hält, investiert der Konzern im nächsten Jahr rund 330 Millionen Euro in eine so genannte Kunden- und Qualitätsinitiative. Verfügbarkeit und Sauberkeit der Züge sollen erhöht und Zugbegleiter mit Smartphones ausgestattet werden. „Es kann nicht sein, dass im Zeitalter der elektronischen Kommunikation der Bahnmitarbeiter noch in einem dicken Buch nachschlägt“, so Grube. Außerdem sollen weiter 31 Millionen Euro in die Sicherheit investiert werden, so dass statt derzeit 3200 bald 3500 Bahnmitarbeiter und Bundespolizisten vor allem in den Abendstunden Präsenz zeigen. Darüber hinaus wird es der neue Technikvorstand, den es vor Grubes Zeit bei der Bahn nicht gab, das TOP – Technikoptimierungsprogramm der Bahn leiten.
Außerdem wird die Deutsche Bahn in den kommenden fünf Jahren 41 Milliarden Euro investieren. 31 Milliarden Euro werden in die Infrastruktur fließen und 10 Milliarden Euro in die Beschaffung neuer Produkte. „Das sind insgesamt pro Jahr 2 Milliarden Euro mehr an Investitionen als in den vergangenen Jahren“, betont Grube. Ab 2015/2016 sollen die ICX-Züge als Nachfolger der heutigen Intercitiy-Züge kommen. Bevorzugter Lieferant für das 300 Züge umfassende Programm mit einem Auftragsvolumen von 5,5 Milliarden Euro sei Siemens. Außerdem sollen die ICE-2-Züge generalüberholt werden. „Hierbei werden auch die Klimaanlagen überarbeitet“, verspricht Grube.
Neben diesen Aufgaben will die Deutsche Bahn noch im Ausland wachsen. Hierfür hat sie für 2,8 Milliarden Euro die britische Eisenbahngesellschaft Arriva gekauft. „Die staatliche französische Eisenbahngesellschaft SNCF macht heute schon 1,8 Milliarden Euro Umsatz außerhalb Frankreichs und der Veolia-Konzern macht im Schienensegment 4 Milliarden Euro Umsatz im Ausland“, erläutert der Bahnchef. Die Deutsche Bahn mache derzeit gerade einmal 250 Millionen Euro Umsatz außerhalb der Landesgrenzen.
Ganz wichtig war es Grube in Nürnberg auch, die Leistungsfähigkeit der Deutschen Bahn hervorzuheben. 7,3 Millionen Fahrgäste pro Tag transportiere sie. „Das sind 2,6 Milliarden im ganzen Jahr – so viele wie China und Indien zusammen an Einwohnern haben. Mit der Lufthansa fliegen in einem Jahr gerade einmal so viele Menschen, wie wir an einem Jahr befördern.“ Außerdem transportiere die Deutsche Bahn pro Tag eine Million Tonnen an Gütern. Das sind 360 Millionen Tonnen pro Jahr. „Unser Ziel für dieses Jahr sind 418 Millionen Tonnen“, sagt Grube. Auch 2009, dem Jahr der Weltwirtschaftskrise, sei die Deutsche Bahn um 1,7 Milliarden Euro gewachen. „Die französische SNCF machte ein Minus von einer Milliarde Euro.“ Und weil bei der Deutschen Bahn den rund 14 Milliarden Euro Schulden ein Eigenkapital von 13,8 Milliarden Euro gegenüberstehen, habe sie ein hervorragendes Rating und könne sämtliche Investitionen aus dem Cashflow schultern, ohne auf Banken angewiesen zu sein.
(Ralph Schweinfurth)

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