Wirtschaft

Peter Driessen hält die Energiewende für ein industriepolitisches Experiment. (Foto: IHK München)

18.11.2011

„Ich bin skeptisch, was den Zeitplan angeht“

Peter Driessen, Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Industrie- und Handelskammertags, über Rahmenbedingungen für die Energiewende

Die Energiewende ist auch nach Aussagen der dafür verantwortlichen Politiker ein sehr ambitioniertes Programm. Was es für die Unternehmen im Freistaat bedeutet, erklärt Peter Driessen, Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Industrie- und Handelskammertags.

BSZ: Herr Driessen, was halten Sie von der Energiewende?
Driessen: Das ist ein industriepolitisches Experiment mit einem völlig offenen Ergebnis.

BSZ: Was heißt das?
Driessen: Hier sind Entscheidungen wegen der Erwartungshaltung der Bevölkerung, aus der Kernenergienutzung auszusteigen, übers Knie gebrochen worden. Und nirgendwo in Deutschland wird die Energiewende so folgenreich sein wie in Bayern, das noch im vergangenen Jahr 56 Prozent Strom aus eigenen Kernkraftwerken nutzte. Das in dem vorgegebenen Zeitraum zu substituieren wird schwierig.

BSZ: Ist es ein Problem, wenn Bayern seinen Strom künftig „importieren“ muss?
Driessen: Nein. Strom aus anderen Ländern oder anderen Teilen Deutschlands in den Freistaat zu importieren ist grundsätzlich kein Problem. Dies ist lediglich eine arbeitsteilige Organisation des Beschaffungsprozesses.

BSZ: Wo liegt dann das Problem?
Driessen: Im Netzausbau zum Beispiel. Wir brauchen deutschlandweit etwa 4000 Kilometer neue Höchstspannungsleitungen. Gebaut sind bisher lediglich 100 Kilometer. Und auf der Ebene der 240 000 Kilometer umfassenden Verteilnetze muss das Netz umgebaut werden, damit es in zwei Richtungen funktioniert. Weltweit hat man mit so einem Netz null Erfahrung. Darin sehe ich ein erhebliches Risiko. Denn die Netze der Zukunft müssen in Sekundenschnelle reagieren, wenn eine Wolke übers Solarfeld zieht und der Wind plötzlich nicht mehr weht. Dann müssen ganz schnell andere Erzeuger einspringen.

BSZ: Das klingt alles gar nicht so rosig.
Driessen: Die Wirtschaft stellt die Grundentscheidung des Atomausstiegs nicht mehr infrage, aber die Konsequenzen müssen im Auge behalten werden. So sind weder Technik noch Kapazität der Energiespeicherung geklärt. Darüber hinaus geht es um die ökonomischen Rahmenbedingungen, denn Investitionen in Speicherkapazitäten müssen sich rechnen.

BSZ: Aber allerorten werden doch jetzt die Möglichkeiten für Pumpspeicherwerke sondiert.
Driessen: Diese sind keine Lösung. Deutschland müsste sonst zu einem einzigen, riesigen Pumpspeichersee werden.

BSZ: Dennoch will man jetzt in Riedl bei Passau ein neues Pumpspeicherwerk bauen.
Driessen: Aber welche Kapazität hat dieses Werk? Dessen Leistung von 300 Megawatt lässt sich vollmundig verkaufen. Jedoch ist Riedl in dreieinviertel Stunden leer. Und es dauert 13 Stunden, es wieder aufzufüllen. Das Kernkraftwerk Isar 1 hingegen liefert ohne Unterbrechung Strom.

BSZ: Österreich hat sich doch angeboten, regenerativ erzeugten Strom aus Deutschland in Pumpspeicherwerken aufzunehmen.
Driessen: Das ist ein einmaliges Geschäftsmodell für unsere Nachbarn. Wir bezahlen sie dafür, dass sie die Überschüsse unseres hoch subventionierten EEG-Stroms abnehmen und legen nochmals Geld auf den Tisch, wenn wir diese Stromüberschüsse wieder brauchen.

BSZ: Aber dann sollte die Politik vielleicht die Abnahmegarantie für EEG-Strom kippen.
Driessen: Damit bricht schlagartig das Renditekonzept von EEG-Strom zusammen. Ohne Aussicht auf Rendite kommt der Bau neuer Anlagen zur regenerativen Stromerzeugung, die für die Energiewende gebraucht werden, zum Erliegen.

BSZ: Was muss also geschehen?
Driessen: In zwei bis drei Jahren wird man wohl auf politischer Ebene eine Diskussion darüber führen müssen, wo nachgesteuert werden muss. Sprich, man wird sich darüber unterhalten müssen, bestehende Kraftwerke doch länger am Netz zu lassen. Oder man baut Versorgungsinseln, damit zum Beispiel bayerische Industriestandorte wie Burghausen oder München sicher mit Strom versorgt werden können. Denn die Wirtschaft braucht Versorgungssicherheit und eine gleichbleibende Qualität des Stroms.

BSZ: Was ist denn Stromqualität?
Driessen: Eine gleichmäßige Frequenz und Spannungsstabilität.

BSZ: Aber das regeln doch die Netze und die Netztechnik.
Driessen: Ja. Doch die Netze müssen umgebaut werden. Das kostet eine Menge Geld. Damit sich das für Investoren rechnet, muss die Bundesnetzagentur attraktive Rahmenbedingungen schaffen. Wenn das nicht der Fall ist, gehen wir im Energiebereich zurück zur Planwirtschaft.

BSZ: Gibt es eigentlich auch Gewinner der Energiewende?
Driessen: Ja, Forscher und Unternehmen, die die neue Infrastruktur errichten werden.

BSZ: Und französische sowie tschechische Energieunternehmen, die im Fall des Falles uns auch nach dem Abschalten des letzten Meilers hierzulande zu entsprechenden Preisen zuverlässig mit Atomstrom versorgen werden.
Driessen: Zumindest habe ich erst kürzlich gehört, dass die Tschechen drei neue Atomkraftwerke bauen wollen.

BSZ: Die Politik setzt ja bei der Energiewende auch auf Energieeinsparung, wie bewerten Sie das?
Driessen: Energie sparen lässt sich nur beim Wärmeverbrauch, sprich der Heizung. Beim Stromverbrauch werden wir wohl keine Rückgänge haben. Dieser wird angesichts der propagierten Elektromobilität eher noch steigen. Und selbst bei der Wärme hat man Stromverbrauch, denn der Strom regelt die Systeme der Wärmeverteilung.

BSZ: Aber energetische Sanierung ist dennoch wichtig.
Driessen: Sicher. Sie ist nötig, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Sie rechnet sich außer in Neubauten aber nur mit Subventionen. Und angesichts der Schuldenkrise sei erlaubt, darauf hinzuweisen, dass wir mit Geld subventionieren, das wir nicht haben. Sieht so Generationengerechtigkeit aus?

BSZ: Wo hakt es denn bei der Energiewende noch?
Driessen: Beim Thema Batterien: Kriegt man Lithium-Ionen-Akkus in ausreichender Menge, und was ist mit dem Recycling? Das sind weitere ungeklärte Fragen.

BSZ: Also wird die Energiewende ein Schlag ins Wasser.
Driessen: Ich bin nicht gegen die Energiewende. Aber ich bin skeptisch, was den Zeitplan angeht.
(Interview: Ralph Schweinfurth)

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