Wirtschaft

Nicht nur am Bosporus lassen sich gute Geschäfte machen. (Foto: Bilderbox)

14.09.2012

Im Brückenstaat zwischen Europa und Asien

Neue Märkte: Die türkische Wirtschaft wächst und wächst

Istanbul stinkt hier. Doch Marcus Michel stört das nicht, dafür ist er ja angereist. Im Osten liegen die Hagia Sophia und die Blaue Moschee. Direkt vor seinen Füßen allerdings erstrecken sich übel riechnde Absetzbecken, so groß wie zehn Fußballfelder. Dazu Nachklärbecken, Belebungs-
becken, Faultürme. Im Klärwerk Ataköy sammelt Istanbul das, was übrig bleibt. 100 Tonnen Klärschlamm fallen hier jeden Tag an. Eine gewaltige Menge. Und ein Riesenmarkt.

Zwei Minuten dauert die Unterhaltung des südhessischen Bamag-Chefs mit dem Anlagenleiter, dann hält er die Visitenkarte des Türken in der Hand. „Das hat sich gelohnt“, sagt Michel. „Sie denken über Alternativen nach.“ Vielleicht klappt es ja mit einem Auftrag. Und wenn nicht, hat er immerhin seine Idee der Klärschlammverbrennung verbreitet. „Von selbst kommt man da nämlich nicht drauf“, sagt der 45-Jährige. Früher haben die Türken das Abwasser einfach in den Bosporus geleitet. Heute bauen sie neue Kläranlagen, vor allem in Istanbul, wo die Bevölkerung von heute 15 Millionen bald auf geschätzte 23 Millionen wachsen wird.
Die Türkei ist ein pulsierender, hungriger Markt. Mit den Städten wachsen die Ansprüche. Das Land ist jung, konsumfreudig und anspruchsvoll. Die Wirtschaft wächst auf China-Niveau: Neun Prozent waren es 2010, rund 7,5 Prozent 2011. Zwar dürfte sich die Konjunktur mit der Euro-Krise in diesem Jahr abkühlen. Doch die langfristigen Aussichten bleiben blendend. 2050 wird die Türkei 100 Millionen Einwohner haben, ein Viertel mehr als heute.
Der Durchschnittstürke ist 28 Jahre alt – und hat noch viel vor. Die jüngere Generation ist besser ausgebildet, hat mehr Geld zur Verfügung und gibt es auch gern aus. Das Pro-Kopf-Einkommen erreicht fast das von Polen. Bis 2023, dem 100. Geburtstag der Republik, will die Türkei vom derzeitigen Platz 17 in die Top Ten der größten Volkswirtschaften der Welt vorstoßen. Während die Menschen Wohnungen, Möbel und Autos kaufen, plant auch der Staat Großes.
„Eine dynamische Kultur und eine dynamische Bevölkerung haben wir schon“, sagt Außenminister Ahmet Davutoglu von der Regierungspartei AKP. „Jetzt müssen wir die Infrastruktur für das Wachstum aufbauen.“ Nämlich Autobahnen, Schnellzüge, Brücken, Tunnel, Pipelines, Krankenhäuser, Universitäten, Wasserwerke – und nicht zuletzt Kläranlagen.
Wenn man neu in der Türkei ist, tauchen viele Fragen und Fallstricke auf. Mit oder ohne Partner? Tochtergesellschaft gründen? Oder reicht ein Handelsvertreter? Wie unterscheidet man die, die gut sind, von denen, die nur so tun? Es gibt bereits Kanzleien und Consultants, die sich auf deutsch-türkische Geschäfte spezialisiert haben. Auch die Verhandlungsführung ist gewöhnungsbedürftig. Vor allem beim Preis wird gern hart gefeilscht. Das persönliche Miteinander ist das Bindemittel der türkischen Wirtschaft: sich gegenseitig großzügig zum Essen einladen, auch über Privates reden und immer wieder Tee trinken. Am Ende ist es meist die persönliche Chemie, die entscheidet. Wer sich als Deutscher die Mühe macht, ein paar Brocken Türkisch zu lernen, ist dabei klar im Vorteil. Darum entscheiden sich viele Unternehmen für eine Präsenz vor Ort.
Zwar lockt die türkische Regierung mit fertig erschlossenen Gewerbegebieten, niedrigeren Lohnkosten und Subventionen für ihr Hinterland, aber für die meisten deutschen Firmen ist der Osten, sind Konya, Kayseri, Samsun oder Trabzon, noch zu wild. Selten findet man hier Mitarbeiter, die Englisch sprechen. Sinnvoll ist die anatolische Provinz allenfalls für Unternehmen, die viele Arbeiter in der Produktion beschäftigen.
Die meisten deutschen Unternehmen entscheiden sich für den Bosporus. Ankara mag die Hauptstadt der Verwaltung sein. Im Wirtschaftsleben werden die meisten Entscheidungen in Istanbul getroffen. 40 Prozent der türkischen Wirtschaftskraft konzentrieren sich in der Marmararegion. In Gebze bei Schattdecor weht eine deutsche neben einer türkischen Fahne. Im Eingangsbereich hängt ganz links ein Foto von der ersten Miethalle im oberbayerischen Ziegelberg 1985. Es folgten: das Werk in Polen 1993, Italien, die Schweiz, im Jahr 2000 dann Russland, China 2002, Brasilien 2003. Und jetzt: die Türkei.
Robert Vuga ist seit zwei Jahren hier, er hat das Werk mit aufgebaut, jetzt leitet er es als Geschäftsführer. Bei der Einweihungsfeier hat der 39-Jährige seine Rede auf Türkisch gehalten. Darauf legen sie Wert im Unternehmen: Der Chef soll zwar möglichst Deutscher sein, um den Kontakt zur Heimat zu halten. Aber sonst gibt man sich Mühe, die Bräuche des Gastlandes zu beachten. Zur Werkseinweihung haben sie ein Kalb geopfert und für die neue Maschine ein Schaf. Später haben sie zusammen Wasserpfeife geraucht. 35 Mitarbeiter hat das 440-Millionen-Euro-Unternehmen Schattdecor hier, 33 von ihnen sind Türken. Ihre Löhne sind niedriger als die der Kollegen in Bayern, aber auf der Kostenseite macht das keinen großen Unterschied. „Die Produktion ist hier nicht besser oder billiger als in Deutschland“, sagt Vuga. Papier und Farbe sind genauso teuer. Das Lohnniveau ist längst höher als in Bulgarien oder Rumänien. Der entscheidende Faktor ist der Vertrieb: Für seine türkischen Kunden, die Laminat- und Möbelfabrikanten, ist Schattdecor jetzt auch ein türkisches Unternehmen. „Das Patriotismusargument funktioniert“, sagt Vuga. Das Produkt verkaufe sich wie von selbst: mehr Leute vor Ort, besserer Service, keine komplizierten Importe mehr. „Wir erwarten ein deutliches Wachstum.“
(Nikolai Fichtner)

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