Wirtschaft

Im Raum Coburg konzentrieren sich die Stammsitze von Kinderwagen-Herstellern. (Foto: dpa)

30.03.2015

Im Coburger Land ballt sich die Kinderwagen-Branche

Komplett produziert in der Region aber nur noch ein Unternehmen

Wenn Alexander Popp von einem Oberklassemodell spricht, dann meint er kein Auto von Mercedes, BMW oder Audi. Dann meint er den Kinderwagen "Indy", den der Kinderwagenbauer Gesslein in diesem Frühjahr auf den Markt bringt. Mächtig stolz sind sie bei dem familiengeführten Unternehmen, das Popp zusammen mit seiner Schwester Jeannine Merkl leitet, auf den neuen Kinderwagen mit allerlei technischen, teils zum Patent angemeldeten Finessen und modernem Design.  
Es ist ein Versuch, in einem Markt zu wachsen, dessen Kundschaft nicht beliebig erweiterbar ist: Seit Jahren steigt die Geburtenrate in Deutschland bestenfalls minimal an; der Wettbewerb um das Budget der werdenden Eltern ist hart: Neben etablierten Marken drängen mehr und mehr internationale Anbieter wie das niederländische Trend-Label Bugaboo auf den deutschenMarkt.  
In der Region Coburg konzentrieren sich auf nur wenigen Quadratkilometern bekannte Hersteller und Marken von Kinderwagen: Vom kleinen Dorf Mannsgereuth, in dem Gesslein vor 65 Jahren gegründet wurde, sind es nur wenige Kilometer nach Sonnefeld (Landkreis Coburg). Die Kinderwagen von Hartan werden komplett hier hergestellt. "Der Produktionsstandort Deutschland bringt viele Vorteile für uns mit sich, die wir mit Sicherheit nicht aufgeben werden", sagt Frank Hartan. Sein Vater und sein Onkel sind Geschäftsführer des Unternehmens, er und sein Cousin John stehen parat, um die Geschäftsführung einmal zu übernehmen.  
Die Wege seien kurz, die Qualitätsstandards hoch und zudem jederzeit überprüfbar. Im Kampf um Marktanteile im In- und Ausland ist die heimische Produktion eines der wichtigsten Argumente von Hartan. "Das Auslandsgeschäft wird immer wichtiger. Wir sehen hier auch gute Chancen", sagt John Hartan. Produkte aus Deutschland seien dort sehr gut nachgefragt. "Das ist eine ähnliche Wahrnehmung wie in der Automobilindustrie."  
Die Hartans glauben zudem, dass gerade im sensiblen Bereich Babybedarf das Interesse an den Herstellungsbedingungen steigt - und hier habe Fernost keine Chance: "Die Menschen nehmen wahr, unter welchen Bedingungen produziert wird. Auch das bringt einen Vorteil für uns", sagt Frank Hartan. Die Marke Hartan mit Kinderwagen "Made in Germany" wird emsig gepflegt im Städtchen Sonnefeld: "Es ist wichtig dass wir als Marke wahrgenommen werden. Das Markenbewusstsein spielt bei den Kunden eine immer wichtigere Rolle. Wenn der Endverbraucher Geld investiert, dann in eine Marke", sagt John Hartan. Kooperationen mit den Modelabels S.Oliver und Bellybutton sollen auch deren Klientel zu Hartan locken.
Gegründet wurde das Unternehmen bereits Ende des 19. Jahrhunderts. Der Urgroßvater von Frank und John Hartan war Korbflechter und erweiterte sein Handwerk auf Möbel und Truhen. In den 1950er Jahren spezialisierte sich die Firma dann auf Kinderwagen. Heute arbeiten in Sonnefeld rund 200 Mitarbeiter für Hartan. Über Absatzzahlen, Marktanteile, Umsatz und Gewinn schweigt die Familie genauso wie die Inhaber von Gesslein. Nur so viel:Der Markt sei schwierig, räumen die Hartan-Cousins ein. Aber derzeit habe man eine gute Entwicklung.
Gesslein-Co-Chefin Merkl sagt: "Wir geben uns optimistisch." Die Gestelle lässt Gesslein zwar inzwischen im Ausland fertigen, die Textilien kommen aber nach wie vor aus Deutschland. Dadurch bleibe man flexibel und könne schnell auf Trends reagieren, betont Popp. Individualität, glauben seine Schwester und er, würde künftig noch wichtiger bei der Auswahl des Kinderwagens für den Nachwuchs. Deshalb wage Gesslein sich auch an ausgefallenere Stoffe und Materialien.  
Eine positive Einschätzung liefert auch die Expertensicht auf die Branche: Mehr als 6,5 Milliarden Euro Umsatz wurde deutschlandweit 2013 bei Baby- und Kinderausstattung erzielt. Nach Ansicht des Kölner Instituts für Handelsforschung (IFH)kann die Branche "leicht positiv" in die Zukunft blicken. Die Geburtenrate sei derzeit stabil in Deutschland. Eltern und Verwandte würden pro Kind aber mehr ausgeben als in früheren Jahren, sagt Hansjürgen Heinick vom IFH:"Deshalb gibt es im Markt ein kleines Wachstum."
Neben Gesslein und Hartan haben etwa auch die Anbieter Knorr und Hauck sowie der Premiumhersteller Hesba ihren Hauptsitz im Raum Coburg - eine Dichte, die anderswo kaum zu finden sein dürfte. Der Grund:Nach dem Zweiten Weltkrieg habe sich im Wirtschaftsraum Coburg aus der Korb- die Kinderwagenindustrie entwickelt, erläutert ein Sprecher der Coburger Industrie- und Handelskammer (IHK).  
So war es auch beim mehr als 90 Jahre alten Sonnefelder Familienunternehmen Hauck, das heute neben Kinderwagen auch beispielsweise Autositze, Reisebettchen und Hochstühle herstellt, die Produktion aber ins Ausland verlagert hat. Man habe aber eigene Experten, die die Fertigung überprüfen, und es gebe sowohl vor Ort als auch in Deutschland ständige Checks in Sachen Sicherheit und Schadstofffreiheit, versichert eine Sprecherin. "Steigende Geburtenzahlen würden wir uns in Deutschland natürlich sehr wünschen", sagt sie zu den Geschäftserwartungen. Da Hauck aber in 82 Länder verkaufe, relativiere sich das Problem der niedrigen Geburtenrate in Deutschland.
(Kathrin Zeilmann, dpa)

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Kommentare (1)

  1. Nusskuchen am 28.05.2015
    Netter Artikel, aber warum wird Eichhorn Kinderwagen nicht erwähnt?

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