Wirtschaft

07.12.2012

Krise? Geht vorüber

Unternehmer geben Einblick in ihre Auftragsbücher und verraten ihre Strategien, mit denen sie gut durch den Abschwung kommen

Das böse Wort von der Rezession ist wieder da. Drei Jahre ist es erst her, als die deutsche Wirtschaft so stark einbrach wie nie zuvor seit Staatsgründung. Und jetzt? Kaum Wachstum, das ist klar, vielleicht schrumpft die Wirtschaft sogar. Das sagt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) für das vierte Quartal voraus. Bei den Maschinen- und Anlagenbauern gehen seit Monaten weniger Aufträge ein, weil in den Krisenstaaten Europas kaum noch investiert wird. „Die Perspektiven für die wirtschaftliche Entwicklung sind von großer Unsicherheit geprägt“, warnt die Bundesbank. Die Krise, die jahrelang für viele nur im Fernsehen stattfand, in Griechenland, Spanien und Portugal, jetzt hat sie endgültig auch Deutschland erreicht. Viele Unternehmen stehen vor einer Kraftprobe. Kein anderes Land ist so eng verwoben mit der Weltwirtschaft: 53 Prozent der Wirtschaftsleistung kommen aus dem Export. Aber anders als 2009 fühlen sich die Mittelständler gut vorbereitet auf den Abschwung. Sie haben aus der Vergangenheit gelernt, sich schlank aufgestellt und wissen ziemlich genau, was zu tun ist. Drei Firmen und ihre Rezepte für schwere Zeiten.
 Neue Leute einstellen – mitten im Euro-Krisen-Jahr (Firma: Trumpf, Ort: Ditzingen, Branche: Maschinenbau, Mitarbeiter: 9600) Ausgezeichnete Mitarbeiter bringen ein Unternehmen mit ihren Ideen und ihrem Einsatz durch schwere Zeiten. Eine Binsenweisheit, aber jene Fachkräfte zu gewinnen, ist alles andere als trivial. Im Wettbewerb um die besten Köpfe revolutioniert Trumpf sein Arbeitszeitmodell. Die Mitarbeiter können sich ihre Arbeitszeiten maßschneidern und alle zwei Jahre neu entscheiden, wie viel sie arbeiten wollen, zwischen 15 und 40 Stunden ist alles möglich. Außerdem können 1000 Stunden auf ein Zeitkonto eingezahlt und später zur Reduzierung der Arbeitszeit abgerufen werden. „Wer auf den Hausbau spart, hat andere zeitliche Wünsche als jemand, der Angehörige pflegen muss“, sagt Firmenchefin Nicola Leibinger-Kammüller. „Ich kenne kein Unternehmen, in dem es so flexible Möglichkeiten gibt.“ Und wenn es mal nicht läuft, wird weitergebildet statt entlassen. Im Euro-Krisen-Jahr 2011/12 stellte Trumpf 1000 neue Leute ein. Der Umsatz legte um 15 Prozent zu und erreichte einen neuen Rekord: 2,3 Milliarden Euro. Lektion: Die richtigen Mitarbeiter sind es, die – Krise hin, Krise her – für den Erfolg sorgen.
 In Fabrikhallen und neue Maschinen investieren (Firma: PHG, Ort: Deißlingen, Branche: Medizintechnik, Mitarbeiter: 200) Geld sinnvoll ausgeben - lautet das Krisenrezept von Unternehmer Joachim Hengstler angesichts einer möglichen Inflation. Seine Firma PHG stellt mit 200 Angestellten Kabel für Medizintechnik und Zeiterfassungsgeräte her. Um 15 Prozent sind die Aufträge im Laufe des Jahres zurückgegangen. Und was macht Hengstler? Er investierte gerade 1,8 Millionen Euro in den Ausbau der Werkshalle, um Platz zu schaffen für eine neue Fertigungsbahn. Mit ihr will er die Durchlaufzeit in der Produktion von zwölf auf sechs Wochen halbieren. Dann kann das Unternehmen schneller auf Kundenwünsche und Bestellungen reagieren. „So machen wir uns fit für die schwankenden Märkte, damit wir besser atmen können“, sagt Hengstler. Die Investition in die Fertigung nutze seinem Unternehmen mehr als Vermögen im Depot bei niedrigen Zinsen. Den Umbau finanzierte er mit Eigenkapital. „Wir nehmen grundsätzlich kein Geld von Banken auf“, sagt der 47-jährige Unternehmer. „Es ist wichtig, so weit wie möglich unabhängig zu bleiben.“ Lektion: Hallen und Maschinen sind eine wertstabile und langfristige Geldanlage.
 Neue Kundengruppen erschließen (Firma: Bahnreisen Sutter, Ort: Hinterzarten, Branche: Tourismus, Mitarbeiter: 5) Der schwache Euro macht Gregor Sutter schon länger zu schaffen. Viele Bahnreisen, die der Reiseveranstalter organisiert, führen durch die Schweizer Alpen. Etwa der Glacier Express zwischen St. Moritz und Zermatt. Der für Sutter ungünstige Wechselkurs des Euro zum Franken frisst seit Monaten die Marge auf. Zudem hört er von immer mehr Stammkunden, dass sie 2013 aussetzen wollen, um zu sparen. Auch deshalb schaut sich Sutter gerade jetzt nach neuen Geschäftsfeldern um. „Wir wollen neue Bedürfnisse schaffen und andere Zielgruppen für uns erschließen.“ Der Unternehmer will verstärkt auf das Luxussegment setzen. „Da geht immer was.“ Keine Konjunkturkrise hält Vermögende vom Reisen ab, sei das Kalkül. So hat der Spezialreiseveranstalter nun auch den teuren Rovos Rail in Afrika im Programm, der von Kapstadt bis zu den Viktoriafällen fährt. „Außerdem bringen wir jetzt einen eigenen Katalog für Luxusreisen heraus.“ Lektion: In der Krise neue Zielgruppen ansprechen – und so den Kundenkreis erweitern.
(Felix Wadewitz)

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