Wirtschaft

Markus Wahl, Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit (VC), ist sichtlich nicht erfreut: Die VC hat ihren Streik bei der Lufthansa nach der einstweiligen Verfügung durch das Gericht vorzeitig abgebrochen. (Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

09.09.2015

Machtkampf bei der Lufthansa

Die BSZ erklärt: Ein Gericht hat die Streikserie der Piloten bei der Lufthansa vorerst gestoppt. Doch können Unternehmen und Gewerkschaft die Chance zu neuen Verhandlungen nutzen? Die wichtigsten Fragen und Antworten

1000 Flüge fallen aus, die Passagiere leiden, die Tarifparteien fetzen sich vor Gericht: Nie schien der Konflikt bei der Lufthansa so aussichtslos wie am zweiten Tag der mittlerweile 13. Runde des Pilotenstreiks. Er ist endgültig zum Machtkampf um die Zukunft von Europas größtem Luftverkehrsunternehmen geworden. Allerdings könnte das vom hessischen Landesarbeitsgericht verhängte Streikverbot den Akteuren jetzt eine Pause zum Nachdenken geben. Das Gericht Hessen erließ am Mittwoch auf Antrag der Airline eine einstweilige Verfügung gegen die streikende Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC). Die Kammer sei in diesem Einzelfall der Auffassung, dass es der Gewerkschaft auch darum gehe, beim Low-Cost-Konzept des Konzerns mehr Mitsprache zu bekommen, erklärte der Vorsitzende Richter. Damit sei der Streik rechtswidrig. Die wichigsten Fragen und Antworten:

Warum finden die Lufthansa und ihre Piloten nicht zueinander?
Lufthansa-Chef Carsten Spohr will sich nicht von einem kleinen Teil der Belegschaft in die Konzernstrategie hineinreden lassen. Seit seinem Amtsantritt im Mai 2014 verfolgt er das klare Ziel, neben der klassischen Premium-Lufthansa eine Billigschiene mit Eurowings aufzubauen, die im Europa-Verkehr Ryanair oder Easyjet Paroli bietet. Unter dem gemeinsamen Markendach sollen unterschiedliche Betriebe aus dem Lufthansa-Konzernverbund zu möglichst niedrigen Kosten die Flüge abwickeln. Dies sei mit teuren, nach dem Konzerntarifvertrag (KTV) bezahlten Piloten nicht möglich. Die Gewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) will wiederum verhindern, dass der Lufthansa-Kern und damit ihr Einfluss schrumpft. Bei Auslandstöchtern hat die VC nichts zu sagen.

Was hat die Pilotengewerkschaft als Kompromiss angeboten?
Um die Jobs im KTV und damit in Deutschland zu halten, ist Cockpit zu einem Gehaltsvergleich mit dem Billigflieger Easyjet bereit. Die Briten zahlen aber besser als Mitbewerber wie Ryanair, Vueling oder Wizz. Bei Einrichtung einer Billiglohn-Linie verlangt die VC, dass die Piloten bei Beförderungen zwischen den Airlines wechseln können. Zugeständnisse hat die Gewerkschaft bei den Übergangsrenten im KTV gemacht: Die Piloten sollen künftig im Schnitt mindestens 60 statt bislang 58 Jahre alt sein, wenn sie in den Vorruhestand gehen wollen. Offen sind Fragen zu Gehältern und Betriebsrenten. Den Wert ihrer Zugeständnisse beziffert die Gewerkschaft auf 500 Millionen Euro.

Warum reicht das der Lufthansa nicht?

Das 500-Millionen-Volumen sei nicht abgeklopft, sagt Chefpilot Werner Knorr. Die VC unterstellt Spohr, dass er die Gewerkschaftsmacht brechen will. Tatsächlich ist das Eurowings-Modell viel flexibler als eine mögliche Übereinkunft innerhalb des Konzerntarifs: Es bietet auch die Möglichkeit zur stufenweisen Integration kriselnder Airlines aus ganz Europa. Lufthansa will bei solchen Gelegenheiten eine aktive Rolle spielen. Spohr hat zudem das Beispiel Austrian Airlines (AUA) vor Augen, bei der durch zwischenzeitliche Verlagerung des Betriebs auf die Tochter Tyrolean bestehende Tarifverträge ausgehebelt wurden. AUA-Piloten sind die kostengünstigsten im ganzen Konzern und werden auch die ersten in Österreich angemeldeten Eurowings-Jets fliegen.

Wieso ist es bislang nicht zu einer Schlichtung gekommen?
Spohr hat die von der VC lange verlangte Gesamtschlichtung auf der Hauptversammlung Ende April öffentlichkeitswirksam zugesagt. Im Hintergrund lotete der Ex-Finanzminister und CSU-Politiker Theo Waigel Positionen aus. Den Konflikt um Eurowings wollte Lufthansa nur in begleitenden Gesprächen behandeln - die VC verlangte vorab, die geplante Verlagerung von Jets und Jobs zumindest für die Zeit der Verhandlungen zu stoppen. Diese Verknüpfung von Managementfragen mit tariflichen Themen führte jetzt zu der Niederlage vor Gericht.

Wie lange kann die Lufthansa die Streiks noch durchhalten?
Unmittelbare finanzielle Probleme sind nicht in Sicht, wenn auch das Ansehen der Airline jeden Streiktag mehr leidet. Die wirtschaftliche Lage ist nach dem besten Sommer der Lufthansa-Geschichte (Spohr) komfortabler als erwartet. Die bisherigen Streikkosten von rund 100 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2015 hat der Konzern gut verkraftet, er scheint sein Jahresziel von über 1,5 Milliarden Euro an operativem Gewinn (Vorjahr 954 Mio) erreichen zu können. Dazu tragen allerdings Sondereffekte wie der niedrige Ölpreis, schnellere Abschreibungen und der schwache Euro bei, auf die man nicht dauerhaft bauen kann. Der Zeitpunkt für einen Konzernumbau scheint dennoch günstig - wenngleich die Piloten nicht einsehen, wofür sie eigentlich sparen sollen.

Lässt sich der Konflikt vor Gericht lösen?
Wohl kaum, aber die Frankfurter Entscheidung zur 13. Streikrunde ist natürlich ein starker Dämpfer für die VC. Noch offen sind die Schlüsse, die daraus gezogen werden. Wird künftig einfach nicht mehr öffentlich gesagt, was man eigentlich erreichen will - oder ist die juristische Niederlage Anstoß für eine neue Verhandlungsbereitschaft? Die VC will dazu zunächst die schriftlichen Urteilsgründe studieren. Der angekündigten Schadenersatz-Klage der Lufthansa über 60 Millionen Euro sehe man gelassen entgegen, heißt es darüber hinaus.

Wie könnte nun ein Kompromiss aussehen?

Das ist nach dieser Eskalation schwer vorstellbar. Lufthansa hat die Ankündigung einer ganzen Streikserie mit dem Abbruch der Gespräche über die Strategie beantwortet. Alle VC-Tarifverträge sollen geprüft und nötigenfalls gekündigt werden. Auch wolle man die Möglichkeiten des neuen Gesetzes zur Tarifeinheit dahingehend ausloten, ob die VC überhaupt noch Tarifverträge abschließen kann. Zahlenmäßig ist die moderatere Kabinengewerkschaft Ufo stärker. Beide Seiten müssten sich mit einem starken Lösungswillen bewegen, appelliert Luftfahrtberater Gerald Wissel. Das scheint zur Zeit ein frommer Wunsch zu bleiben. (dpa)

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Kommentare (1)

  1. Kongo Air am 10.09.2015
    Es kommt die nächste Instanz und der nächste Streik!

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