Wirtschaft

Bayerns Sozialministerin Emilia Müller (r.) meint, dass die Leistungen der Werkstätten besser publik gemacht werden müssen. (Foto: Schweinfurth)

14.03.2014

Mehr als Bürsten und Pinsel

Werkstättenmesse in Nürnberg zeigt das Fachkräftepotenzial, das bei Menschen mit Behinderung schlummert

Werkstätten für Menschen mit Behinderung sind hochprofessionelle und innovative Unternehmen. Das wird bei der gestern eröffneten Fachmesse „Werkstätten Messe 2014“ in Nürnberg besonders deutlich. Bayerns Sozialministerin Emilia Müller (CSU) betont, dass gerade der Fachkräftemangel sowohl im Freistaat als auch in ganz Deutschland aus dem Reservoir an Arbeitskräften in den Werkstätten gelindert werden kann. „Das wird nicht für jeden Mitarbeiter in einer Werkstatt gehen, aber viele könnten in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden“, betont die Sozialministerin und erntet dafür starken Applaus von den über 400 Zuhörern bei der offiziellen Messeeröffnung.
Wie hoch qualifiziert die behinderten Menschen sind, zeigt Klaus Sondergeld, Geschäftsführer der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH: „Unsere Werkstätten liefern nicht nur taktgenau für das zweitgrößte Mercedes-Werk Deutschlands mit über 12.500 Beschäftigten am Standort Bremen zu. Sie sind auch Ausrüster und Zulieferer für die Polarforschung und für die Weltraumfahrt.“ Denn das in Bremen stationierte deutsche Polarforschungsschiff und die in Bremen beheimatete Raumfahrtindustrie, die der Internationalen Raumstation ISS zuliefert, vertrauen auf die hohe Qualität der Produkte, die in den Bremer Werkstätten hergestellt werden.
Aber nicht nur die in Bremen angesiedelten Hochtechnologieunternehmen vertrauen auf die in den Werkstätten beschäftigten Menschen. Auch die Bremer Polizei nutzt deren Dienstleistungen. So sorgen die Menschen mit Behinderung für stets saubere Einsatzfahrzeuge.
Bundesweit sind rund 285.000 Menschen mit Behinderung in derartigen Werkstätten beschäftigt. Ob sie ihm Rahmen der Inklusion weiter in diesen Werkstätten bleiben oder direkt von den Unternehmen und somit am ersten Arbeitsmarkt beschäftigt werden, wird laut Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD), der auch Präsident des Deutschen Städtetags ist, eine der zentralen Fragen sein, die jetzt in der politischen Diskussion beantwortet werden müssen. Denn dies sei elementare Voraussetzung für die Schaffung eines Bundesleistungsgesetzes, das laut Koalitionsvertrag spätestens ab 2018 arbeiten soll. „Das bedeutet, dass wir jetzt diskutieren müssen, welche Form der Inklusion wir haben wollen, damit das Gesetz 2016 verabschiedet werden kann“, so Maly. Er plädiert für eine Beibehaltung der Werkstätten als Schutzraum für die Menschen mit Behinderung, denn nicht alle von ihnen seien in der Lage, in einem normalen Betrieb zu arbeiten. Hierfür erhält er von Sozialministerin Müller vollste Unterstützung.
Sie ist aber der Ansicht, dass die Leistungen der Werkstätten viel mehr publik gemacht werden müssen, damit mehr Unternehmer sich damit beschäftigen und in der Folge auch Menschen mit Behinderung in ihrer Firma direkt anstellen. Denn in den Betrieben gebe es nach wie vor große Vorbehalte gegenüber diesen Menschen.
Damit Menschen mit Behinderung eine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt haben beziehungsweise nicht mehr so leistungsfähige Menschen im ersten Arbeitsmarkt bleiben können, müssten die Arbeitsprozesse weiter zergliedert werden, so Martin Berg, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen e. V. aus Frankfurt am Main. „Das ist Voraussetzung dafür, dass Menschen ohne normale Qualifikationen Arbeiten erbringen können“, so Berg. Ihm ist es wichtig, im Rahmen der Inklusion von Menschen mit Behinderung den Paradigmenwechsel von der Fürsorge zur kompetenten Teilhabe bestmöglich zu realisieren.

Arbeitsprozesse zergliedern

Und hierbei sei zu berücksichtigen, dass nur rund drei Prozent der Menschen von Geburt an behindert sind. Viel stärker schlage der demografische Wandel zubuche, der eine Veränderung und damit eine Zergliederung der Arbeitsprozesse notwendig mache.
Unterstützung für diesen Ansatz erhält er von Professor Hermann Schoenauer, Rektor der Diakonie Neuendettelsau: „In einer inklusiven Arbeitswelt sind Werkstätten keine Inseln. Sie erbringen kleinteilige, nicht automatisierbare Arbeiten.“ Er fordert Politiker, Unternehmer und Bürger gleichermaßen auf, in die Werkstätten zu gehen, um sich eine eigenes Bild von der dortigen Realität zu machen. „Danach werden sie anders über die Werkstätten denken“, so der Rektor.
Bremens Sozialsenatorin Anja Stahmann bringt es auf den Punkt: „Wir müssen zeigen, dass Werkstätten mehr können als Bürsten und Pinsel. Sie sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.“ Und darum wünscht sich Städtetagspräsident Maly eine „ehrliche, vielleicht auch schmerzhafte Diskussion“ über die Ausgestaltung des Bundesleistungsgesetzes. Denn derzeit interpretiere jede relevante Interessensgruppe die Inhalte dieses noch zu schaffenden Gesetzes völlig unterschiedlich. Man werde im Laufe der Diskussion sehen, ob man die Werkstätten in der jetzigen Form beibehält, oder Werkstätten direkt in den Betrieben ansiedelt. „Von mir aus mit staatlicher Unterstützung, aber die Menschen mit Behinderung sind dann direkt bei den Firmen angestellt“, so Maly.
Bremens Wirtschaftsförderer Sondergeld betont mit Blick auf die Leistungen der Bremer Werkstätten: „Der nächste Schritt muss sein, so weit wie möglich die Menschen mit Behinderung in die Forschungsinstitute zu holen und nicht mehr in den Werkstätten zu belassen.“ Allerdings warnt er auch vor möglichen Enttäuschungen. Denn bei verstärkten Wahlmöglichkeiten zwischen Werkstätten und Betrieben würden nicht alle Menschen mit Behinderung ihren Wunscharbeitsplatz erhalten können.
Klar ist Maly zufolge jedenfalls, dass erhöhte Wahlfreiheit auch zu höherer Unsicherheit in der Planung und Auslastung von Kapazitäten von kommunalen und staatlichen Betreuungseinrichtungen führt. Diesen Umstand müsse man im Gesetzgebungsverfahren berücksichtigen und einen Modus finden, wie die jeweiligen Träger der Einrichtungen damit umgehen können.
(Ralph Schweinfurth)

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