Wirtschaft

28.10.2011

Mit 66 ist noch lange nicht Schluss

In Bayern fehlen bis 2015 über eine halbe Million Fachkräfte

„Längere Arbeitszeiten sind unumgänglich, um die Erwerbsbeteiligung Älterer zu erhöhen“, erläutert der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) Bertram Brossardt. „Denn bereits 2015 wird jeder dritte Beschäftigte in Bayern älter als 60 Jahre sein.“ Zusätzlich steuere Deutschland zur gleichen Zeit auf einen massiven Fachkräftemangel zu. Aus diesem Grund plant die vbw im Rahmen des Kongresses „Deutschland hat Zukunft! Ältere Beschäftigte – das Potential der Erfahrenen“ insbesondere ältere Menschen stärker ins Arbeitsleben einzubinden.
Welche Maßnahmen dazu nötig sind, diskutierte Brossardt kürzlich mit dem Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit (BA) Raimund Becker. Die zwei waren sich zwar nicht in allen Punkten einig, doch der Fahrplan läuft auf eine Doppelstrategie hinaus: Regelarbeitszeit für Ältere verlängern und Zuwanderung ab sofort stärker fördern. „Die Umsetzung seitens der Politik dauert schließlich in der Regel länger“, erklärt Becker.

Fortbildungsprogramme und Gesundheitsvorsorge

Je älter Arbeitssuchende sind, desto geringer sind die Chancen, eine Beschäftigung zu finden. Das belegt die aktuelle Studie des Institutes für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Den Sprung ins Arbeitsleben schafften im Jahr 2010 immerhin 7,2 Prozent der 25- bis 49-Jährigen, jedoch nur 3,9 Prozent der 50- bis 64-Jährigen. So überrascht es nicht, wenn 41 Prozent der Langzeitarbeitslosen über 50 Jahre alt sind. Beckers Ziel ist es daher, Senioren länger in den Betrieben zu halten. Da sich die Erwerbstätigkeitsquote von älteren Akademikern kaum von anderen Generationen unterscheidet, fordert Brossardt in seinem Aktionsprogramm „Fachkräftesicherung“ zusätzlich eine breit angelegte Bildungsoffensive für diese Altersgruppe.
Die Rente mit 67 ist für ihn dabei ebenfalls ein wesentlicher Baustein. An die Gewerkschaften appelliert Brossardt deswegen, sich dieser Maßnahme nicht länger zu widersetzen. „Alle, die ernsthaft an der beschlossenen Rente mit 67 rütteln wollen, verkennen die Realität“. Mehr noch: Wegen der steigenden Lebenserwartung, müsse die Regelaltersgrenze kontinuierlich bis ins hohe Alter erweitert werden. Ansonsten werde es zwangsläufig zu einer Erhöhung des Rentenbeitrages oder des Bundeszuschusses zur Rentenkasse kommen. Frühverrentungsförderung abschaffen und Zuverdienstmöglichkeiten ausbauen, lautet sein Credo.
Bei Unternehmen gebe es trotz eines Mentalitätswandels ebenso noch viel zu ändern, mahnt Becker. „Verantwortliche müssen ihre Vorurteile im Kopf ausräumen.“ In Zeiten der Wirtschaftskrise seien Ältere systematisch aussortiert worden – das müsse sich jetzt ändern. Brossardt erwarte zudem mehr Prävention und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz. Außerdem sollten in altersgemischten Teams die Stärken jüngerer und reiferer Mitarbeiter miteinander verknüpft werden. „Mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung sind ältere Mitarbeiter von unschätzbarem Wert“, ergänzt er.
Die vbw bietet inzwischen mehr als 30 Programme an, um Mitgliedsbetriebe bei der Fachkräftesicherung zu unterstützen. Dazu zählen der Aufbau eines Gesundheitsmanagements oder die Gestaltung einer demographiefesten Personalpolitik. „Unternehmen mit vielen älteren Beschäftigten brauchen weniger Angst vor der demographischen Welle und Fachkräftebemangel zu haben“, resümiert Becker. Um Wohlstandsverluste zu vermeiden, müsse jedoch auch die Anzahl der Frauen bei der Erwerbsbeteiligung erhöht werden.
Erste Erfolge gibt es dennoch bereits zu vermelden: Im Freistaat stieg die Arbeitsquote der über 55-Jährigen zwischen den Jahren 2000 und 2010 um 42 Prozent. Der Anteil der sozialversicherungspflichtigen Frauen stieg bundesweit sogar auf 45 Prozent an und wirkt sich deshalb besonders positiv auf die Anzahl aller älteren Beschäftigten aus. Darüber hinaus seien die Arbeitsverhältnisse für diese Altersklasse stabiler geworden. Ein Grund für die guten Zahlen sei allerdings, dass die geburtenstarken Jahrgänge mehr und mehr zu den Älteren zählen, geben die IAB-Forscher zu denken.
Für die Gewerkschaft ver.di sind Brossardts Argumente die „ewiggleichen Sprüche“. „Es gibt sehr wenige Leute, die überhaupt bis 67 arbeiten können“, protestiert Pressesprecher Hans Sterr. Daher werde sich die Reform schlussendlich als Rentenkürzungsprogramm erweisen. „Wenn die Rente von den Belastungen befreit würde, die nicht zur Rentenkasse gehören, bräuchte man die Rente mit 67 überhaupt nicht.“
(David Lohmann)

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