Wirtschaft

Christian Bernreiter. (Foto: dpa)

25.04.2014

Mit Managementqualitäten punkten

Der frühere Unternehmer Christian Bernreiter soll bald den Bayerischen Landkreistag führen

Christian Bernreiter (CSU) soll es richten. Auf einstimmigen Beschluss schlägt ihn das Präsidium des Landkreistages als neuen Präsidenten vor. Die Wahl findet Anfang Juni bei der Verbandsversammlung in Bad Tölz statt. Bernreiter ist gerade 50 geworden, er wäre ein junger Präsident. Typisch seine Geburtstagsfete: Viele geladene Gäste, wenig Aufwand. Die Feier fand in der Aula des Robert-Koch-Gymnasiums statt, dem Ort, wo der Landrat einst sein Abitur ablegte. Das Schülerorchester spielte, es gab viel Lob – und das kostet bekanntlich gar nichts. Hauptredner war Innenminister Joachim Herrmann (CSU).
Das war schon ein Signal. Er ist ein Landrat zum Anfassen. Ein Familienmensch, der sich Zeit nimmt für die vier Kinder und seine Frau Ann-Kathrin. Die Menschen in Deggendorf schätzen ihn wegen seiner klaren Worte und auch, weil er in seinen Reden durchaus den niederbayerischen Dialekt nicht versteckt. Im Alter von 38 Jahren folgte er 2002 dem langjährigen Landrat Georg Karl nach, einem Juristen. Der hatte große Fußstapfen hinterlassen. Aber Bernreiter, der gelernte Maschinenbauer, gab sich erst gar nicht damit ab, die Spuren seines Vorgängers zu verfolgen. Er setzte schnell eigene Akzente. Natürlich, er war das Anschaffen gewohnt. Schon mit 25 Jahren übernahm er nach dem Studium das elterliche Unternehmen, einen Stahlbaubetrieb.
Wie ein Unternehmen führt er auch den Landkreis. Innenminister Joachim Herrmann würdigte das beim Festakt zum Geburtstag des Landrats. Er sagte: „Nicht hoch genug können Ihre Reformen im Bereich der Krankenhäuser bewertet werden. Der Spagat zwischen einer wirtschaftlichen Betriebsführung und einer möglichst flächendeckenden Versorgung mit Gesundheitsleistungen ist eine der schwierigsten Aufgaben, die Kommunalpolitiker vollbringen müssen.“ Stimmt. Dass das Klinikum Deggendorf schwarze Zahlen schreibt, ist eines der kleinen Bernreiter-Wunder. Er sprüht vor Ideen, die er aber ganz unpathetisch verkündet. Als er 2011 zum ersten Mal nach Bulgarien reiste, um dort Auszubildende abzuholen, dachte er schon an den absehbaren Lehrlingsmangel. Das erfolgreiche Projekt läuft weiter.
Alarmierende Studien sagten einen Bevölkerungsschwund im Bayerischen Wald und auch im Landkreis Deggendorf voraus. Bernreiter begriff den demographischen Wandel als Chance, als Aufforderung, sofort etwas zu unternehmen. Typisch für ihn und sein Geschick, dass er schon gewappnet war, als der „Zukunftsrat“ für Bayern eine verstärkte Förderung der Metropolregionen forderte, so als seien die ländlichen Gebiete nicht mehr zu retten. Da legte Bernreiter die wissenschaftliche Studie „Aufbruch jetzt“ vor, 300 Seiten, die darlegen, was die Provinz gegen die drohende Abwanderung der Jugend tun muss – das pure Gegenteil. Und er überzeugte Ministerpräsident Seehofer davon, dass Bayern den ländlichen Raum braucht. Vom „Zukunftsrat“ hat man seitdem nur noch wenig gehört. Damals war Bernreiter schon bereit, im Landkreistag Verantwortung zu übernehmen. Die Oberbayern aber waren noch nicht so weit und wählten „ihren“ Kandidaten aus Miesbach. Bernreiter warf die Flinte nicht ins Korn, er konzentrierte seine Kraft auf Niederbayern. Gemeinsam mit den acht Kollegen, die ihn zum Sprecher wählten, trommelte er für die Provinz, für den Breitbandausbau, für verbesserte Infrastruktur, für die Donau-Moldau-Region, für einen demographischen Faktor beim kommunalen Finanzausgleich. Inzwischen gibt es einen Demographie-Lehrstuhl an der TH-Deggendorf, auch an der Uni Passau, in Landshut und in Straubing wird seitdem verstärkt für die Zukunft des ländlichen Raumes geforscht.
Bernreiter ist ein Macher. Das hat er endgültig beim Katastrophenhochwasser im vergangenen Sommer bewiesen. Tag und Nacht war er im Einsatz. Fast 1000 Häuser und Wohnungen im Landkreis waren unter Wasser gestanden. Nach der Katastrophenhilfe kam die Aufarbeitung. Hunderte von Häusern müssen abgerissen, Spendenmillionen und staatliche Gelder gerecht verteilt werden. Bernreiter wird, so scheint es, mit allem fertig. Da wäre ein Neustart im Bayerischen Landkreistag eher eine leichte Übung. Nicht zu Unterschätzen ist Bernreiters Verhandlungsgeschick, sicher erprobt als erfolgreicher Unternehmer. Verbindlich, locker auch in schwierigen Lagen, aber beinhart in der Sache. Fast geräuschlos gelang es ihm, einen irrwitzigen „Bierkrieg“ zwischen einer Brauerei und der Stadt Deggendorf beizulegen, der im Mittelalter zu Mord und Todschlag geführt hätte. (Karl Jörg Wohlhüter)

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