Wirtschaft

Von Jahr zu Jahr wächst der Anteil unter den inzwischen knapp 1400 Ausstellern, die Outdoor-Ausrüstung anbieten. (Foto: NürnbergMesse)

04.03.2015

Mit Outdoor-Sortiment gegen das Waffenmessen-Image

Seit Jahrzehnten ist sie der Marktplatz der Sportwaffen-Hersteller. Doch spätestens seit dem Amoklauf in Winnenden steht die Fachmesse OutdoorClassics in der Kritik

Vor der Messe hingen die Fahnen auf halbmast -in den Messehallen jedoch gingen die Geschäfte weiter: Für die Nürnberger Messeveranstalter waren es schwarze Tage, damals im März 2009. Während Eltern nach dem Amoklauf an einer Schule im schwäbischen Winnenden um Fassung rangen, priesen Hersteller schon wenige Tage später auf der Fachmesse IWA OutdoorClassics ihre Pistolen und Gewehre mit Slogans wie "Ready to rock the market" an. Ihren Kunden versprachen sie "Action, Sport, Fun". Übermorgen (6. März) öffnet die nurfür Fachpublikum zugängliche Messe zum 42. Mal ihre Tore. Mehr als 40 Jahre seit ihrer Gründung ist die IWA OutdoorClassics, wie die frühere "Internationale Waffen-Ausstellung" inzwischen heißt, nicht nur die internationalste Messe in Nürnberg. Sie ist auch die Produkt-Plattform, die sich wie keine andere immer wieder mit kritischen Fragen konfrontiert sieht. Dazu hat auch beigetragen, dass etliche Aussteller selbst großkalibrige Waffen fast wie harmlose Mountainbikes als Schlüssel zum tollen Outdoor-Event anpreisen. Vor allem Angehörigen von Amoklauf-Opfern fehlt für eine solch legere Präsentation von Tötungswerkzeugen jedes Verständnis.
Die Branchenverbände verweisen auf die große Tradition des Sportschützenwesens in Deutschland und die Bedeutung der Jagd in heimischen Forsten. Die Messe selbst bemüht sich darum, die Sorge aus der Welt zu räumen, auf der Messe gebe es auch Kriegswaffen. "Nein. Es dürfen hier keine vollautomatischen Waffen angeboten werden", sagt Messesprecher Guido Welk. Was unter das Kriegswaffenkontrollgesetz falle, sei auf der Messe tabu. Zugelassen seien allein Waffen für Jagd und Sportschützen.
Bei der Produktsuche auf der Webseite der Messe tauchen dann aber doch Sturmgewehre mehrerer Hersteller und ein Granatwerfer des Schweizer Waffenproduzenten SAN Swiss Arms AG auf. Diese, so erklärt Welk, seien nur auf einer abgetrennten Sonderschau - der Enforce Tac - zu sehen. Zugang zur "Fachmesse für Polizeibedarf und Militärausrüstung" hätten nur Sicherheitsexperten mit Behördenausweisen. Und mit den Granatwerfern würden wohl allenfalls Blend- und Tränengasgranaten verschossen.
Schon seit mehr als einem Jahrzehnt versuchen die Messeveranstalter von dem Outdoor-Trend zu profitieren - und vom Image der reinen "Waffenmesse" wegzukommen. VonJahr zu Jahr wächst der Anteil unter den inzwischen knapp 1400 Ausstellern, der vorrangig Spezialkleidung, Freizeitbrillen, Outdoor-Schuhwerk, Ferngläser, Rucksäcke und Spezialkameras anbietet. Inzwischen mache der Bereich rund die Hälfte der Messe aus, betont Welk.
Vergleichsweise entspannt sieht der Bremer Rechtspsychologe Dietmar Heubrock die Nürnberger Jagd- und Sportwaffenmesse. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit schwerer Gewalt an Schulen. "Waffen sind Teil der Gesellschaft. Und mir ist lieber, dass mit einer solchen Messe für Transparenz gesorgt wird, statt das Ganze ins Geheime, in die Schmuddelecke zu drängen", sagt Heubrock. Die Faszination für Waffen sei ein "aus der Menschheitsgeschichte übrig gebliebenes Relikt". Selbst pazifistisch erzogene Kindern bastelten sich aus Holz Gewehre oder Speere, berichtet der Direktor des Instituts für Rechtspsychologie an der Uni Bremen.
Seine Erfahrung als Gutachter konfrontiert ihn aber immer wieder auch mit der pathologischen Seite der Waffen-Faszination: Es gebe Menschen, die sich mit einer Waffe aus einer Schwäche heraus aufwerten wollen. In ihre Hände gehöre keine Pistole, kein Gewehr. Um solche Waffen-Narren aus der Masse unbedenklicher Waffenbesitzer auszufiltern, hat Heubrock vor Jahren einen Test entwickelt. Woran erkennt man den pathologischen Waffen-Narren? Dazu gehören Menschen, "die ein erhöhtes Ärger-Niveau haben, etwa nach einer Trennung, und bei denen die Sorge besteht, dass sich dieser Ärger eruptiv entladen könnte". (Klaus Tscharnke, dpa)

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