Wirtschaft

Für die Kapitalbeschaffung sind Schuldscheine allerdings keineswegs ein Relikt aus früheren Zeiten, vielmehr erfreuen sich die Darlehen, die per Schuldschein vergeben werden, steigender Beliebtheit bei Unternehmen mit größerem Finanzierungsbedarf. (Foto: Bilderbox)

30.08.2013

Mittelalter-Methoden

Schuldschein: Das uralte Finanzierungsinstrument erfreut sich steigender Beliebtheit bei Mittelständlern und Investoren

Schuldschein – das klingt nach Schuldturm und Schuldknechtschaft, mehr nach Mittelalter als nach moderner Unternehmensfinanzierung. Für die Kapitalbeschaffung sind Schuldscheine allerdings keineswegs ein Relikt aus früheren Zeiten, vielmehr erfreuen sich die Darlehen, die per Schuldschein vergeben werden, steigender Beliebtheit bei Unternehmen mit größerem Finanzierungsbedarf. So besorgten sich etwa der Prüfkonzern Dekra, der Maschinenbauer Gea und auch Porsche auf diese Weise frisches Geld. Zusammen mit vielen Mittelständlern emittierten diese Unternehmen 2012 Schuldscheindarlehen im Wert von insgesamt knapp 14 Milliarden Euro, das ist fast dreimal so viel wie 2010. „Die Finanzierung über Schuldscheine hat weiter an Bedeutung gewonnen“, sagt Hans-Werner Grunow, Geschäftsführer der auf Unternehmensfinanzierungen spezialisierten Beratungsgesellschaft Capmarcon. Rund 40 Prozent der Emissionen stammen laut Grunow von Mittelständlern. Insgesamt waren im Herbst 2012 Schuldscheine im Wert von rund 73 Milliarden Euro im Markt platziert. Das Gros der Emissionen liegt zwischen 25 und 100 Millionen Euro.


Ein langfristiger Großkredit


Ein Schuldscheindarlehen ist im Kern ein langfristiger Großkredit, den ein Unternehmen über eine große Bank aufnimmt, den so genannten Arrangeur. Das sind in der Regel Landesbanken, private Großbanken wie Deutsche Bank oder Commerzbank oder die DZ Bank als Spitzeninstitut der Volks- und Raiffeisenbanken. Die Banken zerlegen das Darlehen in Teilbeträge von 1 bis 5 Millionen Euro, die sie dann bei einem breiten Investorenkreis platzieren – etwa bei Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken, zunehmend auch bei ausländischen Banken oder bei Versicherungen. Unternehmer gewinnen durch diese Stückelung viele neue Geldgeber, die sie allein nicht erreichen würden. Und sie emanzipieren sich ein Stück weit von der Hausbank.
Ein Vorteil, den etwa Gerd Peters, Geschäftsführer Finanzen beim Logistikspezialisten Hoyer zu schätzen weiß: „Mit einem Schuldscheindarlehen vermeiden wir eine zu große Abhängigkeit von Kernbanken in der Unternehmensfinanzierung.“ Im Herbst 2012 nahm Hoyer ein Schuldscheindarlehen über 75 Millionen Euro auf, es ist schon das zweite des Hamburger Familienunternehmens, das weltweit rund 5200 Mitarbeiter beschäftigt und 2011 erstmals mehr als eine Milliarde Euro Umsatz erwirtschaftete. Neben der breiteren Kapitalbasis schätzt Unternehmer Peters auch die Haltung seiner Investoren: Sie denken langfristig. Anders als börsennotierte Anleihen oder Aktien bergen Schuldscheindarlehen kein Bewertungsrisiko, sondern können bis zur Fälligkeit mit den fortgeschriebenen Anschaffungskosten verbucht werden.
Das lockt Anleger an, die für eine stabile Unternehmensfinanzierung stehen. Für Mittelständler mit einem Finanzierungsbedarf ab etwa 15 bis 20 Millionen Euro sind Schuldscheindarlehen eine attraktive Alternative zum Kapitalmarkt, als Mittelweg zwischen klassischem Bankkredit und der aufwendigen und teuren Ausgabe von Aktien oder Anleihen. Bei Summen unter 15 Millonen Euro jedoch lohnt sich die Begebung der Schuldtitel kaum. Die Kosten sind einfach zu hoch. Allein die Gebühren betragen mindestens 100 000 Euro, sagt Firmenkundenberater Stefan Beismann von der DZ Bank.
Die federführende Bank muss für die Investoren das Risiko bewerten, das Darlehen strukturieren und schließlich die Tranchen vermarkten. Sein Kollege Thomas Scheufen, Abteilungsleiter Firmenkunden bei der Bremer Landesbank, nennt als Richtwert einmalig 0,5 Prozent vom Darlehensbetrag. Zusätzlich verlangen manche Banken eine vom Platzierungserfolg abhängige Provision. Gleichwohl sind die Zeiten durchaus günstig für Unternehmer, sagt Experte Grunow. Das steigende Interesse der Kapitalgeber an Schuldscheindarlehen schlage sich in attraktiven Konditionen nieder: „Die Zinssätze liegen leicht über den vergleichbaren Raten von Krediten, aber unter denen von Anleihen.“ Unternehmen mit hoher Kreditwürdigkeit (Investment-Grade-Rating) zahlten 2012 laut Capmarcon zwischen 5,5 und 8,5 Prozent Zinsen. Kunden mit bester Bonität (A-Rating) sogar nur zwischen 4,5 und 5,5 Prozent.


Laufzeit ist entscheidend


Neben dem Rating des Schuldners richtet sich der Zinssatz vor allem nach der Laufzeit. Um unterschiedliche Investorenkreise anzusprechen, wird eine Emission oft in Tranchen mit unterschiedlichen Rückzahlungsfristen zerlegt, teils mit Laufzeiten von bis zu zehn Jahren, dann aber zu höheren Zinsen. Hoyer beispielsweise hat drei, fünf und sieben Jahre gewählt. Je nach Risikoneigung der Investoren werden Tranchen mit fixer und variabler Verzinsung angeboten. Eine teure Bewertung durch eine große Ratingagentur ist nicht erforderlich. Das Rating erstellt in der Regel die arrangierende Bank. Zu den Lieblingen der Schuldscheininvestoren zählen bonitätsstarke mittelständische Unternehmen mit einem gewissen Bekanntheitsgrad oder einer Produktstory. Wenig Chancen haben Gründungs- und Projektfinanzierungen. Auch Unternehmen, die sich auf volatilen, schwer planbaren Märkten bewegen, haben es deutlich schwerer. Dazu zählen etwa Wind- und Solarparks, aber auch viele Bauunternehmen. Ein bekannter Markenname kann dafür unter Umständen selbst ein schwächeres Rating aufwiegen: „Mit einer guten Story haben auch Unternehmen aus dem Non-Investment-Grade-Bereich Chancen“, weiß Finanzierungsprofi Grunow.  (Kirstin von Elm)

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