Wirtschaft

Der Kunststoffhersteller Fritzmeier Composite GmbH & Co. KG produziert dieSpoiler für die Fahrerkabine der Mercedes Actros-Reihe. (Foto: BSZ)

30.07.2010

Mittelständler haben in der Krise Weitsicht bewiesen

Im Landkreis Rosenheim sorgt ein guter Branchenmix für Prosperität

Milchproduktion scheint sich angesichts der Preiskämpfe in den Discountern nicht mehr zu lohnen. Doch im Landkreis Rosenheim ist das anders. Die dort vertretenen vier großen Veredlungsunternehmen Alpenhain, Bauer, Danone und Meggle mit zusammen über 1000 Beschäftigten garantieren den Bauern die Abnahme ihrer Milch und sichern damit deren Existenz.

„60 Prozent der Milch, die hier im Landkreis erzeugt wird, können wir gar nicht verbrauchen“, sagt Landrat Josef Neiderhell (CSU). Weil gerade der italienische Markt viel der Milch abnimmt, können im Landkreis Rosenheim noch 3050 landwirtschaftliche Vollerwerbsbetriebe existieren.
Trotz der Tatsache, dass der Landkreis Rosenheim laut Neiderhell ein ausgesprochener Grünland-Landkreis ist, gibt es eine gute mittelständische Wirtschaftsstruktur. Allen voran sorgt der global agierende Antennenbauer Kathrein am Standort Rosenheim für rund 1800 Jobs (weltweit etwa 6500 Mitarbeiter). Auch die Firma Schattdekor aus Thansau bei Rohrdorf ist ein „Global Player“. Sie verkauft ihre Produkte zur Innenraumgestaltung in alle Welt. Ebenfalls aus Rohrdorf kommt das Unternehmen Rohrdorfer Zement, das laut Neiderhell besonders durch sein Umweltengagement von sich reden macht. So habe der Firmenchef bereits jetzt dafür gesorgt, dass alle Umweltauflagen, die erst in fünf Jahren in Kraft treten sollen, umgesetzt sind. Vor allem in Sachen Energierückgewinnung sei Rohrdorfer Zement vorbildlich, so der Landrat.
Die Hamberger Industriewerke aus Stephanskirchen – ein Produzent hochwertigster Bodenbeläge und WC-Sitze sowie Betreiber von drei Baumärkten – sorgen für 1400 Arbeitsplätze (weltweit 1650 Mitarbeiter). „Die hohe Qualität bei Hamberger ist nur durch gute Facharbeiter sicherzustellen“, erläutert der Landrat. Und der Naturheilmittelhersteller Salus aus Bruckmühl sorgt ebenfalls für etwa 400 Jobs. Ein weiteres wichtiges Unternehmen im Landkreis ist die Fritzmeier Composite GmbH & Co. KG, ebenfalls aus Bruckmühl. Der Kunststoffhersteller produziert Verbundfaserteile für Nutzfahrzeuge (Fahrzeugdach für MAN-Lastwagen und Spoiler auf der Fahrerkabine für die Actros-Reihe von Mercedes) und Landmaschinen. Auf diese Weise sorgt er für zirka 240 Arbeitsplätze im Landkreis Rosenheim, wobei die Fritzmeier-Gruppe weltweit rund 2000 Mitarbeiter hat.
Neben diesen großen Mittelständlern gibt es im Landkreis Rosenheim noch ein paar „kleine, feine IT-Betriebe“, so Neiderhell. Sie produzieren Kontroll- und Steuerungssysteme für die Fließbandproduktionsanlagen von Automobilherstellern. Und die Firma Gesswein aus Raubling macht aus jährlich 200 000 Tonnen Altpapier aus den Landkreisen Miesbach, Rosenheim und Traunstein (laut Neiderhell zusammen rund 550 000 Einwohner) neue Kartonagen.
Landrat Neiderhell hält viel von seinen Mittelständlern, die in der Krise sehr viel Weitsicht bewiesen hätten. Denn mittels Kurzarbeit seien die Menschen weiterbeschäftigt worden, was sich jetzt bei der anziehenden Konjunktur mehr als auszahle.


Infrastrukturprojekte umsetzen


Damit es wirtschaftlich so erfolgreich weitergehen kann wie bisher, sind laut Neiderhell einige wichtige Infrastrukturprojekte umzusetzen. So müsse dringend die Autobahn A8 zwischen Rosenheim und Salzburg 6-spurig ausgebaut werden. Auch eine Westumgehung von Rosenheim sei dringend erforderlich, um den nördlichen Landkreis besser erschließen zu können. Denn schon jetzt gebe es ein Gefälle zwischen dem Norden und dem Süden des Landkreises. „Im Norden unseres Landkreises kostet der Gewerbegrund um die 50 bis 60 Euro pro Quadratmeter und im Süden liegt der Preis bei 150 Euro und höher“, erläutert Neiderhell.
Aber nicht nur auf der Straße muss im Landkreis Rosenheim investiert werden. „Der Brennerbasistunnel wird kommen“, sagt Neiderhell. Deshalb sei es höchste Eisenbahn, den Zulauf auf bayerischer Seite, der durchs Inntal zwischen Rosenheim und Kiefersfelden führen wird, zu ertüchtigen. „Durch den Brennerbasistunnel können nach Fertigstellung 400 Züge am Tag geschickt werden“, erläutert der Landrat. Das seien etwa 150 mehr als jetzt. Deshalb müsse der überalterte Lärmschutz im Inntal für so eine Erhöhung des Verkehrsaufkommens auf der Schiene ertüchtigt werden. „Es kann doch nicht sein, dass es bei Vomp in Tirol, also auf österreichischer Seite, bereits einen 12 Kilometer langen neuen Tunnel gibt, um die Bevölkerung vor dem Lärm zu schützen, während wir hier in Deutschland nach wie vor nur diskutieren“, echauffiert sich Neiderhell. Hier habe man dringenden Handlungsbedarf, sagt er an die Adresse des bayerischen Wirtschaftsministeriums.
Handlungsbedarf gibt es auch beim Tourismus. Deshalb hat sich im vergangenen Jahr eine Tourismus GmbH gegründet, um den Landkreis mit seinen Naturschönheiten wie zum Beispiel den Chiemsee, die Kampenwand oder den Wendelstein besser zu vermarkten. „Statt der aktuell rund 400 000 Besucher im Jahr hätten wir gerne 600 000 bis 700 000 Besucher“, gibt der Landrat die Zielmarke vor. Denn jeder Gast lasse am Tag etwa 30 Euro im Landkreis. „Die Landesgartenschau hat uns schon gutgetan und die Landesausstellung zu König Ludwig II. im nächsten Jahr wird uns ebenfalls stärken“, so Neiderhell. Damit aber der gewünschte Besucheranstieg realisiert werden kann, müsse verstärkt im Internet für den Landkreis Rosenheim getrommelt werden. Hier gebe es noch bei einigen Gastwirten, Hoteliers und sonstigen Gästeszimmer- und Ferienwohnungsanbietern Überzeugungsarbeit zu leisten, dass nur die gemeinsame Vermarktung zielführend ist.
Auch von der Messe München erhofft sich der Landrat noch mehr Impulse für den Landkreis. Denn viele Messegäste schätzten es, etwas günstiger außerhalb der Landeshauptstadt unterzukommen. „Doch da müssen eben manche Wirte noch dazulernen, dass ein Messegast, wenn er abends um 22 Uhr von der Messe kommt, Hunger und Durst hat. Da kann ich eben meine Küche nicht einfach zusperren“, so Neiderhell. Wenn dies verstanden ist, könnte das Gastgewerbe im Landkreis Rosenheim nach Ansicht des Landrats noch viel mehr Umsatz generieren. Und die Messe München würde diese Bestrebungen sicher unterstützen, denn schließlich wohnt der Vizechef der Messe München in Rosenheim.
Im Bereich erneuerbarer Energien boomt neben Photovoltaik-anlagen die Biomasse im Landkreis Rosenheim. Nach Neiderhells Einschätzung habe man schon zu viel Biomasseproduktion, was die Nahrungsmittelproduktion gefährde. Doch die wesentlich bessere Erlössituation lasse eben viele Landwirte zu Energiewirten umsatteln. „Hier muss der Staat noch stärker lenkend eingreifen, denn der Markt regelt das nicht“, betont Neiderhell. Da Windkraftanlagen im Inntal aus optischen Gründen verboten sind, gibt es nur einige Anlagen im nördlichen Landkreis. Doch effizient betrieben werden könnten sie eigentlich nur im Inntal.


Die Hagelfliegerei ist wichtig für den Tourismus


Wichtig für Bevölkerung, Landwirtschaft und Touristen ist die Hagelfliegerei. „Wir haben etwa 15 bis 18 ernsthafte Einsätze im Jahr“, erläutert der Landrat. Finanziell getragen wird die Hagelfliegerei von einem Verein mit rund 10.000 Mitgliedern. Den Unterhalt der beiden Flugzeuge stemmt der Landkreis. „Inzwischen ist die Hagelfliegerei viel professioneller geworden“, so Neiderhell. Denn die Piloten können mittels Wetterradar die Wolken zielgenau impfen und zum Abregnen bzw. Graupeln bringen. Somit können keine großen Hagelkörner mehr Schäden anrichten.
Von strategisch wichtiger Bedeutung ist auch die Fachhochschule in Rosenheim. Nicht nur der Fachbereich Holz, der in der Öffenltichkeit fest verankert ist, sei hier wichtig, so Neiderhell. Noch viel bedeutender sei eigentlich der Bereich Kunststofftechnik, von dem vor allem der Mittelständler Fritzmeier profitiert. Aktuell denke man über einen Forschungslehrstuhl zur Gesundheitswirtschaft nach. Denn die Gesundheitswelt soll laut Landrat Neiderhell wesentlich anwenderfreundlicher aufgestellt werden.
Betrachtet man den Landkreis Rosenheim von außen, so muss man sich um dessen Zukunft eigentlich keine Sorgen machen. Wenn es jetzt zusätzlich noch einigen Menschen im Landkreis gelingt, ihren oberbayerischen Grantlkopf zu überwinden und mehr auf Kooperation zu setzen, wird der Erfolg des Landkreises ungebremst sein. (Ralph Schweinfurth)

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