Wirtschaft

Gefahr für den Arbeitsmarkt: Jeder 15. Schüler verlässt die Schule ohne einen Abschluss, 20 Prozent sind nicht fähig, eine Berufsausbildung zu absolvieren. (Foto: dapd)

13.01.2012

PISA wird wichtig für die Wirtschaft

Fachkräftemangel und fehlende Ausbildungsfähigkeit von Jugendlichen bedrohen den Standort Bayern

Wenn das Wort „PISA-Studie“ ertönt, wird Deutschland seit zwölf Jahren regelmäßig hellhörig. Zu tief sitz noch der Schock der Bilanz aus der ersten weltweiten Untersuchung im Jahr 2000: Das Land der Dichter und Denker, so damals das knallharte Ergebnis, war hinsichtlich des Wissensstandes seines Nachwuchses auf dem besten Weg in die Mittelmäßigkeit. Lehrer, Eltern und Bildungspolitiker überbieten sich seither regelmäßig mit Forderungen nach mehr oder weniger sinnvollen Konsequenzen.
Inzwischen interessiert sich auch die vbw – Vereinigung der bayerischen Wirtschaft ziemlich stark für die PISA-Ergebnisse – und hat allen Grund dazu. „Sechs Prozent der Schüler eines Jahrgangs gehen ohne Abschluss von der Schule ab, rund 20 Prozent sind nicht berufsfähig. Mit 29 Prozent Hochschulabsolventen sind wir im OECD-Vergleich deutlich abgehängt, der Durchschnitt liegt dort bei 39 Prozent“, rechnet Bertram Brossardt, der Hauptgeschäftsführer des Verbandes, vor. Nach Untersuchungen der vbw werden deshalb im Freistaat schon in drei Jahren 500.000 Fachkräfte fehlen, darunter etwa 25.000 Ingenieure. „Diesem Aderlass an Arbeitskraft und Know-How müssen wir mit einer breit aufgestellten Fachkräftesicherungsstrategie begegnen“, fordert Brossardt.
Dabei verfechten Brossardt und die Seinen klare Forderungen, wie das konkret zu geschehen habe: „Förderpotenzial von Kinderkrippen und Kindergärten ausschöpfen, Einschulung flexibel gestalten und rhythmisierte Ganztagsschulen flächendeckend einführen, mehr Flexibilität in der beruflichen Bildung erlauben sowie die Studienabbrecherquote senken und neue Zugangsmöglichkeiten für beruflich Qualifizierte nutzen.“
Im Jahr 2012 ist es wieder soweit, eine neue Hauptuntersuchungsphase beginnt. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen diesmal die 15-Jährigen aller Schularten. Die Stichproben der insgesamt 12 500 Prüflinge wurden aus der Gesamtheit der Kinder dieses Jahrgangs gezogen. Das Augenmerk liegt auf den Fächern Mathematik, Biologie, Physik und Chemie sowie auf Problemlösungsstrategien und dem Nutzen Lehrplan übergreifender Kompetenzen. Beteiligt sein werden in Deutschland 247 Schulen. Die ersten Tests beginnen im April dieses Jahres, von Juni bis August 2012 werden dann die Daten eingelesen und bis zum Sommer des nächsten Jahres verarbeitet. Im Dezember 2013 sollen dann die Ergebnisse vorgestellt werden.
Den Hut auf hat dabei Manfred Prenzel, Dekan der vor knapp zwei Jahren gegründeten School of Education an der Technischen Universität München (TUM) und nationaler Projektmanager für PISA 2012. Die vbw hatte ihn jetzt eingeladen zur Vorstellung der Strategie dieses Leistungsvergleichs. Prenzel zog dabei auch eine Bilanz des bisher Erreichten. Positiv zu bewerten für die Deutschen seien etwa im Vergleich zum Jahr 2000 eine deutliche Verbesserung in allen Bereichen – das gelte nicht für alle Länder, in Italien und Frankreich etwa habe man nicht reagiert – , eine Abschwächung des Zusammenhangs zwischen Herkunft und Können, und Fortschritte bei Schülern mit Migrationshintergrund. Nach wie vor aber gebe es große Geschlechterdifferenzen und beträchtliche Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern. Führend bleiben dabei weiterhin Sachsen und Bayern.


Bayern und Sachsen vorn

Manfred Prenzel dämpft aber auch Erwartungen, PISA könne ein vollständiges Bild der Leistungsfähigkeit der Schüler abbilden. So sei unter anderem die Testzeit begrenzt (pro Aufgabe stehen gerade mal knapp zwei Minuten zur Verfügung), auch ergäben sich Grenzen durch die unterschiedliche Computerausstattung an den einzelnen Schulen: wer über Hochleistungsverbindungen ins Internet verfügt, der kann eine Aufgabe schneller auf dem Bildschirm darstellen und hat damit mehr Zeit für die Lösung, wer auf digitalen Schleichwegen unterwegs ist – beispielsweise viele Schulen in Ostbayern – der ist entsprechend benachteiligt.
Wenig hält der Wissenschaftler von der häufigen Forderung, Klassen zu verkleinern. „Wenn sie etwa eine Klasse von 25 auf 20 oder 22 Kinder reduzieren, dann kostet das den Staat viel Geld für zusätzliche Lehrer, der jeweilige Pädagoge ändert deshalb aber anschließend noch nicht sein Unterrichtskonzept und die einzelnen Kinder haben gar nichts davon.“ Doch selbst wenn die Kultusministerkonferenz alle sinnvollen Vorschläge nach der Auswertung sofort und unbürokratisch umsetzte, würden acht Jahre vergehen, bis sich neue didaktische Methoden im Unterrichtsverhalten der Lehrer bemerkbar machen. (André Paul)

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