Wirtschaft

11.11.2011

Schlechtes Cash-Management

Eine Studie zeigt, wo sich in den Firmen das Kapital versteckt

Deutsche Mittelständler lassen gewaltige Liquiditätsreserven ungenutzt. Es geht um 115 Milliarden Euro, die gebunden sind in Vorräten und in offenen Rechnungen. Das ist ein Ergebnis aus einer aktuellen Studie von Roland Berger Strategy Consultants und Creditreform. Die Experten untersuchten bei 500 Unternehmen mit einem Jahresumsatz von weniger als eine Milliarde Euro das so genannte Working Capital. Dahinter verbirgt sich die Summe aus den Lagerbeständen plus der von Kunden noch nicht bezahlten Rechnungen abzüglich eigener Verbindlichkeiten bei den Lieferanten.
Diese verborgenen Schätze könnten die Unternehmen gut gebrauchen. Allein der Liquiditätsbedarf für das prognostizierte Umsatzwachstum bis 2013 beträgt 50 Milliarden Euro, so die Studie. Da Kredite in Anbetracht der aktuellen Verunsicherung an den Finanzmärkten knapper und teurer zu werden drohen, ist das Heben von Reserven im Working Capital eine attraktive Option. Diese Möglichkeit lassen jedoch viele Mittelständler, anders als Großkonzerne, immer noch ungenutzt. Roland Schwientek, Partner bei Roland Berger, sieht das Kernproblem darin, dass bei kleineren Unternehmen häufig „Einkauf, Produktion und Vertrieb nicht aufeinander abgestimmt sind“. Das Ergebnis sind zu große Lagerbestände und Kunden, die spät bezahlen, weil sie nicht früh und regelmäßig gemahnt werden.
Anders etwa beim Maschinenbauer Demag Cranes (5700 Mitarbeiter, Umsatz 2009/10: 931 Millionen Euro). „Ein guter Verkäufer konzentriert sich nicht nur darauf, Abschlüsse zu machen, sondern holt Cash rein“, sagt Demag-Finanzvorstand Rainer Beaujean. Bei dem Kranhersteller aus Düsseldorf arbeiten Vertrieb und Finanzressort daher eng zusammen. Dasselbe gilt für Einkauf und Produktion. So sei es über Jahre gelungen, das Working Capital niedrig zu halten. Zuletzt lag es bei knapp 25 Prozent des Umsatzes. „Mittelfristiges Ziel ist eine Quote unter 20 Prozent“, sagt Beaujean.
Auffällig sind die extremen Unterschiede zwischen einzelnen Branchen. So war das Working Capital in Telekommunikationsfirmen 2010 im Durchschnitt nur 19 Tage gebunden. In der Bekleidungsindustrie dagegen waren es 90 Tage – so viel wie in keinem anderen Wirtschaftszweig. Das liegt vor allem daran, dass Textilfirmen überwiegend Saisongeschäft machen und daher große Lagerbestände aufbauen müssen. Entsprechend gering ist daher in dieser Branche auch das Potenzial, aus dem Working Capital Liquidität zu ziehen. Auf 15 Prozent des Working Capitals taxieren die Studienautoren die Reserve.
Das Meiste sei hingegen in den Branchen Maschinenbau und Pharma (je 23 Prozent) sowie IT (26 Prozent) zu holen. Wie viel von den verborgenen Schätzen tatsächlich gehoben werden kann, hat jedoch auch eine Menge mit Größe zu tun. Ein kleiner Zulieferer tut sich schwer, bei einem Weltkonzern schnellere Bezahlung zu erzwingen. „Die Zahlungsfristen“, sagt Michael Bretz, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform, „diktiert der Große.“
(Nathalie Schopp)

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