Wirtschaft

24.10.2014

Staat muss rechtzeitig gegensteuern

Das bayerische Handwerk trotzt der sich eintrübenden Weltwirtschaft

„Die sich eintrübende Weltkonjunktur treibt noch keine Sorgenfalten auf die Stirn der bayerischen Handwerkerinnen und Handwerker. Dennoch sollte der Staat rechtzeitig gegensteuern, bevor der deutsche Binnenmarkt zu schwächeln beginnt“, sagte Heinrich Traublinger, Präsident des Bayerischen Handwerkstags (BHT), bei der Vorstellung der Konjunkturzahlen für das 3. Quartal 2014. Das Bauhauptgewerbe spürte im Berichtszeitraum den Investitionsstau der öffentlichen Hand. Besonders im Straßenbau fehlen laut Traublinger Aufträge. Dennoch sei die Stimmung bei den Betrieben „ungewöhnlich“ gut. Auch das Ausbaugewerbe habe zuletzt gute Geschäfte gemacht. „Die Betriebe profitieren weiterhin vom Wohnungsbau und der Sanierungswelle. Doch die Zweifel wegen der künftigen wirtschaftlichen Entwicklung wachsen.“
Auch die Handwerke des gewerblichen Bedarfs „trotzen“, so der BHT-Präsident, weitgehend den geopoltischen Unsicherheiten, Geschäftslage und Stimmung hätten sich sogar im Vergleich zum Vorjahreszeitraum leicht verbessert. Dagegen habe sich die Stimmung im Kfz-Handwerk verschlechtert (minus neun Prozent). Dagegen rangiere das Geschäftsklima im Lebensmittelhandwerk weiter auf hohem Niveau. Auch die Handwerke für Gesundheit und privaten Bedarf würden vom freundlichen Konsumklima profitieren, betonte Traublinger.
Insgesamt habe sich die Stimmung im bayerischen Handwerk hat im 3. Quartal 2014 leicht eingetrübt. 88 Prozent der befragten Betriebe meldeten eine befriedigende oder gute Geschäftslage. Vor Jahresfrist betrug der Wert noch 89 Punkte. Schätzungsweise 926.000 Personen hatten im Berichtszeitraum eine Beschäftigung im bayerischen Handwerk, ein Plus von 0,6 Prozent. Allerdings wirke sich der Fachkräftemangel weiterhin belastend auf die Wachstumsmöglichkeiten der Handwerksbetriebe aus.

Leichte Verunsicherung beim Auftragseingang

Ende September hatten die Handwerker im Freistaat Aufträge für durchschnittlich 7,2 Wochen in ihren Büchern stehen. Binnen Jahresfrist nahm der Bestand damit nur geringfügig ab (minus 0,2 Wochen). Beim Auftragseingang ist laut Traublinger jedoch bereits eine leichte Verunsicherung spürbar: So meldeten nur noch 76 Prozent der Umfrageteilnehmer eine gleichbleibende oder steigende Nachfrage, fünf Punkte weniger als vor einem Jahr. Die Kapazitäten der bayerischen Handwerksfirmen waren im 3. Quartal 2014 noch zu 80 Prozent ausgelastet, lediglich ein Minus von einem Prozent. Der Anteil der voll ausgelasteten Betriebe lag bei 36 Prozent.
Nach ersten Schätzungen erwirtschafteten die bayerischen Handwerksbetriebe im Berichtszeitraum 25,6 Milliarden Euro Umsatz. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht dies einem nominalen Zuwachs von mindestens einem Prozent. 33 Prozent der bayerischen Handwerksbetriebe investierten im 3. Quartal 2014, berichtete der BHT-Präsident. Das entspricht einem Zuwachs von zwei Punkten. Das geschätzte Investitionsvolumen betrug 870 Millionen Euro. Im Vorjahresvergleich sind dies sieben Prozent mehr.
88 Prozent der Betriebe erwarten nach Traublingers Worten in den nächsten Monaten eine gute oder befriedigende Geschäftslage (minus ein Prozent). Für das Gesamtjahr 2014 wird beim Umsatz mit einem nominalen Plus von 2,3 Prozent auf rund 98 Milliarden Euro gerechnet. Für 2015 erwartet Traublinger ein Umsatzplus von zwei Prozent auf dann 100 Milliarden Euro. Die Zahl der Beschäftigten dürfte im Jahresdurchschnitt um 0,7 Prozent auf 903.000 zulegen. Bei den Investitionen wird ein Plus von sechs Prozent auf rund 3,1 Milliarden Euro erwartet. Die Zahl der Handwerksbetriebe dürfte um ein Prozent auf etwa 204.000 steigen.
Handlungsbedarf sieht der BHT-Präsident in der Sicherung des Meistervorbehalts und im Abbau der Bürokratie. „Der handwerkliche Meisterbrief garantiert als Qualitätszertifikat und Verbraucherschutzinstrument Leistungsfähigkeit, Kompetenz und hohe Qualifikation. Er ist das höchste Wertmaß für handwerkliche Arbeit. Als Grundpfeiler hält er zudem die berufliche Bildung in Deutschland zusammen.“
Bei der Bürokratie-Bekämpfung müsse Brüssel einen Nachfolger für Edmund Stoiber finden, betonte Traublinger. Umfragen hätten ergeben, dass die Bürokratie für die Handwerksbetriebe mit weitem Abstand die größte Belastung sind – übrigens noch vor der Steuerbelastung –, erklärte der BHT-Präsident. Wenn es aber konkret um den Abbau von Bürokratie gehe, „dann tut sich Brüssel nach wie vor sehr schwer“. Als Beispiele nannte Traublinger das Gezerre um Ausnahmen von der Tachografenpflicht oder die Lebensmittelkontrollverordnung.
Zur Flüchtlingsthematik im Freistaat sagte der BHT-Präsident: „Neben einer Unterkunft benötigen die Menschen vor allem eine Aufgabe. Gerade für die Jugendlichen käme unter bestimmten Voraussetzungen eine Berufsausbildung infrage. Der Rechtsstatus muss geklärt und damit gewährleistet sein, dass die Jugendlichen nicht während der Ausbildung abgeschoben werden.“

Forderung nach einer Lkw-Vignette

Sorgen bereitet dem Handwerk das anstehende Urteil des Bundes-verfassungsgerichts zur Erbschaftsteuer. „Sollte das Bundesverfassungsgericht die Erleichterungen für Betriebsvermögen bei der Erbschaftsteuer kippen, werden wir massive Probleme bei der Betriebsnachfolge bekommen“, ist sich Traublinger sicher. Denn über 40.000 Handwerksbetriebe stünden in Bayern in den nächsten zehn Jahren zur Übergabe an. Außerdem erneuerte der BHT-Präsident seine Forderung nach einer Lkw-Vignette für alle Transportfahrzeuge unter zwölf Tonnen, für den Fall, dass eine Pkw-Vignette eingeführt werden sollte.
(Friedrich H. Hettler)

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