Wirtschaft

So schön können Stromtrassen sein. Doch die meisten Bürger im Freistaat wollen keine neuen Leitungen. (Foto: dpa)

20.03.2015

Streit um die dezentrale Stromerzeugung

Diskussion um Netzausbau: Neue Hochspannungstrassen machen lokale Bemühungen überflüssig – Energieverband sieht diese Einschätzung kritisch

Der Ausbau der dezentralen Energieerzeugung ist in den letzten Jahren zügig vorangekommen. Allein im Versorgungsgebiet des achtgrößten Stromerzeugers der Bundesrepublik, der N-ERGIE Aktiengesellschaft aus Nürnberg, speisen derzeit über 45.000 Ökostromanlagen mit einer installierten Leistung von fast 2000 Megawatt ein. Im Jahr 2014 wurden nochmals rund 2000 neue Anlagen gebaut und an das Netz angeschlossen.
„Die Zahlen zeigen deutlich, dass die Idee der dezentralen Erzeugung als Teil der Energiewende in die Realität umgesetzt wird“, erklärt Josef Hasler, N-ERGIE-Vorstandschef. Es mache durchaus Sinn, Strom dort zu produzieren, wo er auch verbraucht werde – besonders in Kombination mit Maßnahmen zur Flexibilisierung von Erzeugung und Verbrauch.
Doch der geplante Ausbau des Stromübertragungsnetzes läuft Hasler zufolge diesem Ziel der Dezentralisierung konträr entgegen: „Wenn die HGÜ-Leitungen (HGÜ: Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung, Anmerk. d. Red.) gebaut werden, geht der regionale Ansatz der Energiewende verloren.“ Nach seiner Einschätzung dienen die HGÜ-Leitungen in erster Linie dazu, den europaweiten Stromtransport und -handel zu ermöglichen. „Die Planungen sind auf den EU-Binnenmarkt ausgelegt“, sagt der N-ERGIE-Chef.
Er warnt, dass die Entscheidung für einen binnenmarktgetriebenen Ausbau des Übertragungsnetzes für die nächsten Jahrzehnte eine feste Struktur aufbauen würde, in der neue und innovative regionale Versorgungskonzepte und Innovationen deutlich weniger Chancen hätten. Anreize für eine lokale Optimierung über die Nutzung von Flexibilität aus Speichern, Lastmanagement sowie Kraft-Wärme-Kopplung als zukünftige Alternative zu einem Netzausbau wären nicht mehr gegeben.
„Mit einer Entscheidung für die HGÜ-Leitungen entzieht man der Energiewende die Sinnhaftigkeit und bringt die erbrachten gesamtgesellschaftliche Anstrengungen zum Erliegen. Alle Bürger und Kommunen, alle Unternehmen und Bezirke, die bisher in die dezentrale Erzeugung erneuerbarer Energien investiert haben, müssten sich dann fragen, wie sinnvoll ihr Engagement letztendlich war“, mahnt Hasler.
In die aktuelle Diskussion über den Ausbau des Übertragungsnetzes werde vermehrt das Argument eingebracht, ein reduzierter oder zeitlich verzögerter Ausbau der Übertragungsnetze nach Bayern führe zu zwei unterschiedlichen Preiszonen mit höheren Strompreisen für Verbraucher in Süddeutschland. „Das ist weiterhin nicht mehr als eine Annahme“, so Hasler. „Selbst wenn es zu einer Zweiteilung des deutschen Strommarktes kommen sollte, steht jetzt noch nicht fest, ob die Strompreise im Süden Deutschlands dann tatsächlich höher liegen als im Norden.“
Die Ausprägung von unterschiedlichen Preiszonen könne unter Umständen sogar sinnvoll sein, wenn durch die unterschiedlichen Preise Anreize geschaffen werden, Erzeugungskapazitäten in Zonen mit höheren Preisen zu installieren. Dies hänge stark vom zukünftigen Marktdesign und den Marktmechanismen ab, die derzeit noch nicht vorhersehbar seien.
Nach Ansicht von Detlef Fischer, Geschäftsführer des Verbands der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft e. V. (VBEW), werden durch die Überlegungen des N-ERGIE-Chefs wesentliche, politisch bereits festgelegte Eckpunkte konterkariert: „Der EU-weite Stromaustausch beziehungsweise Stromhandel und der Ausbau der Windenergie im Norden Deutschlands werden infrage gestellt.“ Außerdem verliere Hasler kein Wort über zusätzliche Kosten, die auf Haushalte und Industrie zukämen, würde man im Rahmen der Energiewende eine ausschließliche Konzentration auf eine dezentrale Stromversorgung vornehmen.
Zunehmend kritisch sieht man den energiepolitischen Kurs Bayerns im Rest der Republik. So findet der Neu-Bayer Enno Steffens (in Bremen geboren und in Niedersachsen aufgewachsen), der neuer Geschäftsführer der Stadtwerke Fürstenfeldbruck GmbH ist: „Die Energiewende ist eine nationale Aufgabe. Es ist den Bürgern in Gorleben nicht zu vermitteln, dass sie den bayerischen Atommüll entsorgen sollen, die Bayern aber den Windstrom aus dem Norden nicht abnehmen wollen.“
(Ralph schweinfurth)

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