Wirtschaft

Universa-Vorstandschef Gerhard Glatz befürwortet Solvency II, fordert aber Korrekturen zur Entlastung mittelständischer Versicherer. (Foto: Schweinfurth)

16.11.2012

Teures Abkommen

Ein mittelständisches Versicherungsunternehmen aus Nürnberg hat bereits Kosten von 400.000 Euro, um sich auf Solvency II vorzubereiten

Das Treiben der Finanz- und Versicherungsbranche zu überwachen, haben sich angesichts der globalen Finanzkrise und in deren Folge der Staatsschuldenkrise viele Politiker auf die Fahnen geschrieben. Doch auch seit Jahrzehnten solide wirtschaftende Unternehmen wie die Universa Versicherungsgruppe aus Nürnberg werden durch die neuen europäischen Aufsichtsregeln nach Solvency II erheblich belastet.

„Solvency II ist sicher der richtige Weg“, sagt Universa-Vorstandschef Gerhard Glatz zur Staatszeitung. Doch müsse das neue Regelwerk auch differenzierte Vorschriften in Relation zur jeweiligen Unternehmensgröße vorsehen. Die vielfach versprochene Proportionalität der Anforderungen, die Unternehmensgröße und eingegangene Risiken berücksichtigen soll, wird bei den praktischen Anwendungsvorgaben gerne vernachlässigt. Und genau das ist das Problem für einen mittelständischen Versicherer wie die Universa. Bis jetzt sind schon Kosten von 400.000 Euro aufgelaufen, um sich intern auf Solvency II vorzubereiten; Geld, das zum Beispiel nicht für Kundenservices zur Verfügung steht, betont Glatz.


Erhebliche Kritik an dem neuen Regelwerk


Dabei müsste sich die Universa gar keine Sorgen machen. Denn alle Vorstudien zu Solvency II, die das Unternehmen mitgemacht hat, haben ergeben, dass der Versicherer finanziell sehr gut dasteht.
Dennoch hat Glatz erhebliche Kritik an dem neuen Regelwerk für die Versicherungsbranche: „Es liegt mir zu viel Zahlengläubigkeit in Solvency II.“ Die Volatilität der Zinsen sei nicht seriös vorhersehbar. Das wurde mittlerweile auch auf EU-Ebene erkannt. Die Umsetzung von Solvency II in die Gesetze der einzelnen EU-Länder musste wegen der komplexen Materie immer wieder verschoben werden. Zuletzt war der 31. Oktober 2012 vorgesehen. Als Einführungstermin ist jetzt 2015 oder sogar erst 2016 realistisch.
Hinzu kämen noch ein paar Ungereimtheiten. So müssten Versicherer beispielsweise 25 Prozent Risikokapital bei Anlagen in Immobilien hinterlegen. „Dieser Wert bezieht sich auf einen britischen Immobilienindex, der mit dem deutschen Immobilienmarkt, in den wir hauptsächlich investiert haben, nichts zu tun hat“, moniert Glatz. Würde die Universa zum Beispiel in griechische Staatsanleihen investieren, müsste sie nach der so genannten Standardformel von Solvency II keinerlei Risikokapital hinterlegen.
Doch nicht nur Solvency II stellt ein Problem für die Versicherungsbranche dar. Auch die neuen Unisex-Tarife, die Frauen und Männer bei allen Versicherungstarifen gleich behandeln, sind nicht so vorteilhaft wie viele meinen. Denn die vermeintliche Diskriminierungsfreiheit hat ihren Preis. So zahlen zum Beispiel in der Kfz-Haftpflichtversicherung Glatz zufolge junge Frauen derzeit noch etwa 20 Prozent weniger als junge Männer – weil sie vorsichtiger fahren. Ab 21. Dezember dieses Jahres wird es für die Frauen teurer. Andererseits werden ab diesem Zeitpunkt Männer in der Pflegeversicherung teurer. Insgesamt, so Glatz, würden die neuen Tarife nicht mehr dem geschlechtsspezifischen Versicherungsrisiko gerecht. Hier führt Gleichbehandlung zu Verteuerungen, die eigentlich keiner will.
Eine regelrecht bedrohliche Situation sieht der Vorstandsvorsitzende der Universa bei der privaten Krankenversicherung (PKV). „Derzeit läuft in der Öffentlichkeit eine richtige Kampagne gegen die PKV.“ Alles laufe darauf hinaus, die Burg so sturmreif zu schießen, damit die Bürgerversicherung eingeführt werden kann. „Ich bedauere diese ideologisch aufgeladenen Gespräche zur PKV“, sagt Glatz. Er verweist darauf, dass die PKV pro Jahr rund 12,5 Milliarden Euro zum deutschen Gesundheitswesen beiträgt. Die Mehrumsätze der Ärzte mit Privatpatienten über höhere Preise und privatärztliche Honorare stärken die wirtschaftliche Basis jeder Praxis.
Glatz warnt davor, in Deutschland eine Bürgerversicherung einzuführen. Denn diese würde wesentlich mehr Steuermittel benötigen. Wenn man das vor dem Hintergrund knapper Kassen nicht aufbringen kann, müssten für alle Patienten die Leistungen deutlich reduziert oder die Beiträge kräftig erhöht werden. Unterm Strich zahlt dann jeder mehr als vor dem Systemwechsel. Glatz wundert sich nur, dass die Ärzte zwar für ihre Honorare protestieren, aber nicht gegen die Bürgerversicherung. Es läge im vitalen Eigeninteresse der Mediziner, die PKV hierzulande zu erhalten.
Während die Beitragseinnahmen der Branche im vergangenen Geschäftsjahr um 0,4 Prozent zurückgingen, konnte die Universa in allen drei Unternehmen zulegen. So stiegen die Beitragseinnahmen um 2,7 Prozent auf 634,3 Millionen Euro. Aus den Kapitalanlagen konnten Erträge von 147 Millionen Euro (Vorjahr: 151) erwirtschaftet werden. Die Leistungen stiegen moderat von 658,7 auf 676,7 Millionen Euro. Nach Abzug von Steuern verblieb ein Geschäftsergebnis von 86 Millionen Euro. Davon wurden 71,2 Millionen Euro der Rückstellung für Beitragsrückerstattung, die den Versicherten zugutekommt, zugeführt. Zudem konnte das Eigenkapital von 171,6 auf 184,5 Millionen Euro gestärkt werden. Vorstandsvorsitzender Glatz zeigte sich mit dem Jahresabschluss zufrieden: „Wir haben in dem schwierigen Marktumfeld sehr gute Ergebnisse erzielt und konnten unsere Solvabilität weiter steigern.“ Damit bleibt der Traditionsversicherer, der seinen Ursprung 1843 als Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit in Nürnberg hat, trotz der Finanz- und Staatsschuldenkrise ein langfristig stabiler und verlässlicher Partner für seine Versicherten.
Und der Versicherer engagiert sich auch stark im sozialen Bereich. So werden seit 2009 gemeinsam mit der Stadt Nürnberg und den Nürnberger Nachrichten vorbildlich engagierte Bürger als „Ehrenamtliche des Monats“ mit dem EhrenWert-Preis ausgezeichnet. Darüber hinaus unterstützt die Universa aktiv das Ehrenamt, beispielsweise mit einem Freiwilligen-Tag sowie weiteren Aktionen, an denen sich Mitarbeiter und Auszubildende tatkräftig beteiligen.
(Ralph Schweinfurth)

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche

Frage der Woche KW 42 (2017)

Sollen Arbeitnehmer das Recht haben, auf eine 28-Stunden-Woche zu reduzieren?

Umfrage Bild
 

Lesen Sie dazu in der Bayerischen ­Staatszeitung vom 20. Oktober 2017 auch die Standpunkte unserer Diskutanten:

Jürgen Wechsler, Bezirksleiter IG-Metall Bayern

(JA)

Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft

(NEIN)

arrow
Facebook
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
eaper
E-Paper
ePaper
zum ePaper
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.