Wirtschaft

Das bayerische Handwerk bleibt auch in diesem Jahr optimistisch. (Foto: Bilderbox)

27.01.2012

Traublinger gegen längere Ladenöffnungszeiten

Das bayerische Handwerk erzielte 2011 ein enormes Umsatzplus

Deutschland war im vergangenen Jahr die Wachstumslokomotive für Europa – mit dem Handwerk als Heizer“, erklärte Heinrich Traublinger, Präsident des Bayerischen Handwerkstages (BHT), bei der Vorstellung der neuesten Konjunkturzahlen. Obwohl die meisten Wirtschaftsforscher für 2012 eine deutliche Konjunkturabkühlung prognostizieren, bleibt das bayerische Handwerk optimistisch. „Wir halten jedoch nichts davon, die Konjunktur schlecht zu reden“, erklärte Traublinger. „Wir dürfen den Aufschwung nicht kaputt reden. Panikmache wäre absolut fehl am Platz.“
83 Prozent der befragten Betriebe in Bayern beurteilten im 4. Quartal 2011 ihre zukünftige Geschäftslage als gut oder befriedigend. Im Vorjahresvergleich entspricht das einem Zuwachs von 4 Prozent. Noch besser sah es bei der aktuellen Lage aus. 89 Prozent aller Befragten bezeichneten sie als gut oder befriedigend – ein Plus von fünf Punkten gegenüber dem 4. Quartal 2010.
Die Kapazitätsauslastung der bayerischen Handwerksbetriebe bewegte sich auch im 4. Quartal 2011 auf hohem Niveau, so Traublinger. Im Durchschnitt erzielten sie eine Auslastung von 80 Prozent. Das sind 2 Prozent mehr im Vergleich zum Vorjahr. Leicht zugenommen hat auch das Auftragspolster: Zum Jahresende 2011 hatten die bayerischen Betriebe im Durchschnitt noch Aufträge für 6,3 Wochen in Reserve. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum ist das ein leichter Anstieg von 0,3 Wochen.
Trotz einer geringeren konjunkturellen Dynamik als in den Vorquartalen rechnet das bayerische Handwerk laut Traublinger für den Berichtszeitraum mit einem Umsatzzuwachs von nominal 5 Prozent auf 25,4 Milliarden Euro. „Für das Gesamtjahr 2011 gehen wir von einem Umsatzplus von nominal 7,5 Prozent aus.“ Augenzwinkernd gab der BHT-Präsident zu, sich hier „gewaltig geirrt“ zu haben. Denn vor einem Jahr habe er lediglich einen Umsatzzuwachs von nominal 2 Prozent prognostiziert. Gleichzeitig erklärte er, dass in den von der amtlichen Statistik erfassten Handwerksunternehmen 87,2 Milliarden Euro erwirtschaftet werden.


Ausgeprägte Investitionsneigung

Rechne man die Preissteigerung heraus, verbleibe ein realer Zuwachs von 5,5 Prozent. Insgesamt waren im 4. Quartal 2011 807.000 Personen im bayerischen Handwerk tätig – 1,3 Prozent mehr als im 4. Quartal 2010. Im Jahresdurchschnitt hätten die Unternehmen 809.300 Personen beschäftigt. Das entspreche einem Plus von 1,1 Prozent. Dennoch betrifft laut Traublinger der Fachkräftemangel mittlerweile alle Branchen.
Die hohe Kapazitätsauslastung in den vergangenen Quartalen, die niedrigen Zinsen und die zuversichtlichen Geschäftserwartungen führten zu einer ausgeprägten Investitionsneigung: 36 Prozent der bayerischen Handwerksbetriebe haben im 4. Quartal 2011 investiert – das sind zwei Prozentpunkte mehr als im Vorjahr, berichtete der BHT-Präsident. In der Summe hätten die Investitionen rund 780 Millionen Euro ausgemacht, ein Plus von 5 Prozent. Im Gesamtjahr 2011 wurden 2,84 Milliarden Euro in die Unternehmen investiert. Hier beträgt das Plus sogar 7,2 Prozent.
Gleichzeitig sei auch die Zahl der Handwerksbetriebe in Bayern zum Jahresende 2011 um 1,9 Prozent auf rund 198.000 gestiegen. „Für 2012 rechnen wir im bayerischen Handwerk mit einem Umsatzplus von nominal 2 Prozent. Inflationsbereinigt dürfte Ende des Jahres ein Plus von 0,5 Prozent stehen – vorsichtig geschätzt“, betonte der BHT-Präsident. Bei der Zahl der Beschäftigten erwartet er keine Veränderung.
„Eine entscheidende Voraussetzung dafür, dass die Handwerkskonjunktur in diesem Jahr stabil bleibt, ist die Verstetigung der Binnennachfrage. Von zentraler Bedeutung für das Handwerk ist dabei der Durchbruch bei den Verhandlungen zur steuerlichen Förderung der energetischen Gebäudesanierung“, sagte Traublinger. Geplant ist, dass jährlich 10 Prozent der Kosten für energetische Sanierungen steuerlich abgesetzt werden können. Was derzeit in dieser Richtung ablaufe, ist für Traublinger ein Trauerspiel.
Der BHT-Präsident appellierte in diesem Zusammenhang deshalb an den Vermittlungsausschuss, sich am 8. Februar zu einigen, denn sonst ist das Gesetz obsolet. Gleichzeitig wies Traublinger darauf hin, dass jede geförderte Maßnahme das sechs- bis achtfache an Investitionen auslöst.
Das Handwerk beurteile daher das Gesetzesvorhaben zur steuerlichen Förderung der energetischen Gebäudesanierung als zentralen Baustein für das Gelingen der Energiewende, betonte der BHT-Präsident. Ihm ist es auch unverständlich, warum die Bundesländer einerseits den Atomausstieg fordern, sich aber nicht an den Kosten beteiligen wollen. „Zumal sie doch durch die zusätzlichen Investitionen über den Selbstfinanzierungseffekt sogar noch profitieren würden.“
In der Branche sorge übrigens in der Praxis die Richtlinie zur „Förderung der Beratung zur sparsamen und rationellen Energieverwendung in Wohngebäuden“ für Unmut. Dabei handle es sich um die zentrale Vorstufe zur energetischen Gebäudesanierung. Förderfähig sind demnach Beratungen, die von bei den Handwerkskammern geschulten „Gebäudeenergieberatern (HWK) durchgeführt werden. Allerdings gelte dies nur, so Traublinger, wenn der- beziehungsweise diejenige nicht einen Handwerksbetrieb führt, daran beteiligt oder bei einem solchen beschäftigt ist. „Die Handwerker dürfen also sanieren, aber die vorherige Beratung, die zu den Stärken unserer Betriebe gehört, sollen sie nicht durchführen. Das kann nicht sein.“
Damit die Handwerksunternehmen auch weiterhin wettbewerbsfähig bleiben können, müssen sie zudem an mittel- und langfristiges Fremdkapital kommen. Allerdings gefährdet Basel III aus Sicht des Handwerks, so Traublinger, die Absicherung der Mittelstandsfinanzierung nachhaltig. So würde ausgerechnet jener Wirtschaftsbereich besonders leiden, der weder Auslöser noch Verstärker der Finanzmarktkrise war.


Kritik am Landesplanungsgesetz

Dem Ruf der FDP-Landtagsfraktion nach einer „Liberalisierung“ des Ladenschlusses erteilte Traublinger eine klare Absage. „Die Ladenöffnungszeiten in Bayern haben sich für Verbraucher, Einzelhändler und deren Beschäftigte sehr gut bewährt.“ Längere Öffnungszeiten würden für die Handwerksbetriebe lediglich zu spürbar höheren Kosten bei bestenfalls stagnierenden Umsätzen führen.
Weiter kritisierte der BHT-Präsident den vom bayerischen Ministerrat beschlossenen Gesetzentwurf zum Landesplanungsgesetz. „Darin steht nun explizit, welche Themen das neue Landesentwicklungsprogramm (LEP) beinhalten darf. Bildung, Soziales und Kultur, die maßgeblich die wirtschaftliche Entwicklung einer Region beeinflussen und damit auch ganz konkret die Interessen unserer Handwerksbetriebe betreffen, sollen künftig außen vor bleiben. Der Gesetzentwurf muss vor seiner Verabschiedung dringend überarbeitet werden. Die genannten Themenkomplexe müssen weiterhin Bestandteil des LEP sein.“
(Friedrich H. Hettler)

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