Wirtschaft

Josef Hasler (l.) tritt ab 1. August die Nachfolge von Herbert Dombrowsky als Vorstandsvorsitzender der N-Ergie an.(Foto: Schweinfurth)

22.07.2011

Wenn Fragezeichen Fragezeichen jagen

Energieversorger haben ihre ganz eigenen Probleme mit der Energiewende

„Wir fordern, wie die anderen deutschen Energieversorger auch, dass hierzulande ein Kapazitätsmarkt geschaffen wird, den der Staat fördert“, sagen Noch-Vorstandschef Herbert Dombrowsky, der zum Monatsende in den Ruhestand geht, und sein Nachfolger Josef Hasler von der N-Ergie Aktiengesellschaft aus Nürnberg zur Staatszeitung. Nur auf diese Weise könne angesichts des nun endgültig beschlossenen Kernkraftausstiegs und der damit verbundenen Energiewende eine sichere Stromversorgung für Deutschland gewährleistet werden. „Denn der Wind weht nicht immer bzw. nicht immer gleichmäßig und die Sonne scheint auch nicht kontinuierlich“, sagen die beiden.
Beide Energiemanager beklagen, dass sich die Politik nur zögerlich mit diesem Problem beschäftigt. Wenn nach dem Atom-ausstieg in Bayern im Jahr 2022 rund 6000 Megawatt Atomstrom vom Netz gehen, müsse diese Menge ersetzt werden – und zwar konstant und verlässlich. Ein neues Gas- und Dampfturbinenkraftwerk (GuD) zu bauen, wie es die N-Ergie in ihrem Versorgungsgebiet in Dettelbach bei Würzburg vorhatte, kommt laut Dombrowsky wohl nicht infrage. Denn mit der Erhöhung der erneuerbaren Energien im Strommix liefe das Kraftwerk nicht kontinuierlich, sondern nur 1500 Stunden oder weniger im Jahr. „Um es wirtschaftlich zu betreiben, müsste es aber 4000 bis 4500 Stunden laufen.“ Der Staat müsste also die Differenz subventionieren, was im Sinne der Schaffung eines Kapazitätsmarktes wäre.
Allerdings würde so ein GuD-Kraftwerk durchaus Sinn ergeben, denn es könne ganz schnell Strom bereitstellen, wenn nicht genügend Wind- oder Solarstrom verfügbar ist. „Und in Dettelbach wäre auch die nötige Netzinfrastruktur vorhanden, denn der Atomkraftwerksstandort Grafenrheinfeld ist ja in der Nähe“, betonen Dombrowsky und Hasler.
Die vielzitierte Speichertechnologie, um die Perioden zu überbrücken, in denen weder der Wind weht noch die Sonne scheint, werde frühestens in zehn Jahren verfügbar sein. „Hierauf ruhen die Hoffnungen“, verdeutlichen Dombrowsky und Hasler. Doch es seien eben nur Hoffnungen und keine verlässlichen Zusagen. Wenn dann keine Reserve zur Verfügung steht, müsse man wohl oder übel Strom aus dem Ausland importieren.
Ein ganz anderes, ebenfalls bisher ungelöstes Problem im Zusammenhang mit dem Atomausstieg ist laut Dombrowsky und Hasler die Akzeptanzfrage in der Bevölkerung: „Die Energieerzeugung wird dezentral und damit sichtbar.“ Bis zu 1500 neue Windkraftanlagen sollen im Freistaat aufgestellt werden. Was so eine 180 Meter hohe Anlage für die unmittelbare Nachbarschaft bedeute, könne sich jeder vor Ort ansehen, wo es bereits diese Windräder gibt, etwa im Landkreis Fürth. Hier müsse noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden.
Illusorisch sei die Vorstellung der Politik, nennenswerte Einsparungen durch effizientere technische Geräte realisieren zu können. „Jeder hat im Durchschnitt 1,5 Handys, einen Computer und diverse andere Geräte, die meist im Stand-by-Modus laufen“, sagt Hasler. Und nach dem Kauf eines energiesparenden Kühlschranks wandere der alte nicht in den Recyclinghof, sondern in den Keller, um das Bier zu kühlen. „Hinzu kommt in den nächsten Jahren noch die Elektromobilität“, ergänzt Dombrowsky. Insgesamt sei kein Trend zu weniger Stromverbrauch hierzulande erkennbar. Auch die immer weiter fortschreitende IT sorge für steigenden Verbrauch. Denn im Sommer müssten die Systeme gekühlt werden, da sie sonst ihren Dienst versagen. Wie das von der Politik ausgegebene Ziel von 20 Prozent Stromeinsparung verwirklicht werden soll, ist für die beiden Energiemanagern aus momentaner Sicht nicht nachvollziehbar.
Auch die Hoffnungen rund um das Thema „smart-metering“ seien lediglich Projektionen, deren Realisierung in den Sternen steht. „Denn wer ist denn bereit, seine Waschmaschine vom Energieversorger fernsteuern zu lassen? Dann rumpelt morgens um 4 Uhr der Schleudergang. Da bin ich auf die Reaktionen der Nachbarn gespannt, sofern die Waschmaschine nicht im Keller steht“, meint Dombrowsky. Er und sein Nachfolger Hasler fordern dringend, gemeinsam mit der Politik eine Modellsiedlung zu etablieren, in der all diese Anwendungen ausprobiert werden können, um dann aus den Fehlern lernen zu können.


Reizthema Leitungsbau


Ein weiteres Reizthema der Energiewende ist der Stromleitungsbau. Während dieser im Freistaat bei den Höchstspannungsleitungen nicht so gravierend sein wird wie in anderen Bundesländern, müssten aber sämtliche neuen dezentralen Energieerzeugungsanlagen aus Wind, Biomasse oder Photovoltaik angeschlossen werden. Allein im Versorgungsgebiet der N-Ergie, das etwa 340.000 Kilometer Nieder- und Mittelspannungsleitungen umfasst, könnten in den kommenden Jahren bis zu 4000 Kilometer hinzukommen. Bisher waren das zusätzlich 15 Millionen Euro pro Jahr, die N-Ergie für solche Netzverstärkungsmaßnahmen ausgegeben hat. Geld, das in der Unternehmenskasse fehlt und erst via Netzentgelte nach etwa sieben Jahren von der Bundesnetzagentur wieder zurückfließe. „Und das ohne Vergütung der damit verbundenen Kapitalkosten“, sagt Hasler.
Völlig offen in diesem Bereich sei die Frage, was im 21. Jahr des Erneuerbare-Energien-Gesetzes passiert, also wenn für die Anlagen die Förderung ausläuft. „Wenn die privaten Betreiber ihre Anlagen dann abschalten, bleiben wir auf den Stromleitungen zu diesen Anlagen sitzen“, illustriert Hasler das mögliche Risiko für das Energieversorgungsunternehmen. Denn die Unternehmen gehen von einem Abschreibungszeitraum von 40 Jahren aus.
Somit jagt also ein Fragezeichen das andere. Die Politik wird möglichst schnell präzise Antworten geben müssen, damit nicht die Befürchtungen vieler Menschen wahr werden: der Import billigen Atomstroms aus Frankreich und Tschechien.
(Ralph Schweinfurth)

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