Wirtschaft

So sieht das Recherche-Ergebnis von OTAM für eine bestimmtes Unternehmen aus. (Foto: BSZ)

05.09.2014

Wenn sich Unternehmen für unwiderstehlich halten

In Zeiten des Fachkräftemangels können Firmen mithilfe der Software eines Nürnberger Herstellers herausfinden, ob ihre Stellenanzeigen im Internet gefunden werden

Die meisten Arbeitgeber – und bei weitem nicht nur kleine Mittelständler – schätzen ihre Attraktivität für Jobsuchende leider falsch ein“, stellt Christian Hödl, Geschäftsführer der Perim Personalberatung im Mittelstand GmbH aus Nürnberg seit Jahren fest. Sein Unternehmen entwickelte die neue, vom bayerischen Wirtschaftsministerium mit einer „Innovationsförderung 2014“ ausgezeichnete Internet-Software OTAM. Die überprüft blitzschnell und unkompliziert, ob und wie Unternehmen in der Öffentlichkeit gefunden werden. Genutzt hat dieses neue Verfahren zum Beispiel die Druckerei Kessler in Bobingen (Landkreis Augsburg).

Niemals über eine Internetsuchmaschine auffindbar

Die Stellenannonce auf der eigenen Homepage nur als pdf hinterlegt, deren URL-Bezeichnungstitel eine kryptische Folge aus dutzenden Ziffern statt aus den relevanten Suchbegriffen, der Titel der Stellenanzeige kompliziert, lang und niemals über eine Internetsuchmaschine auffindbar – die Chancen und Möglichkeiten, das eigene Angebot und damit die eigene Firma mangelhaft darzustellen, sind groß. „Und werden gerne genutzt“, sagt Hödl charmant.
Was er meint, ist allerdings ein echtes Problem für jene, die sich dem Thema nicht annehmen oder nicht annehmen wollen: „Die meisten Unternehmen, vor allem große und richtig große, halten sich für unwiderstehlich. Vor allem, seit es das Internet gibt. Sie glauben, jeder Stellensuchende lande unweigerlich bei ihnen. Nur, mit OTAM zeigen wir den Firmen, dass sie stattdessen eben nicht gefunden werden. Dies ist, genau umgekehrt, in Zeiten des Internet umso bedauerlicher.“
Die unabhängige Software namens „Online Test Arbeitgeber Marketing“ überprüft binnen weniger Sekunden die Stärke der Arbeitgebermarke. Sie filtert anhand von vier einzugebenden Begriffen heraus, was wo in welcher Form über ein Unternehmen im Internet sichtbar ist. Anhand frei zugänglicher Daten. Heiko Simonek, Kaufmännischer Leiter des Unternehmens Kesslerdruck in Bobingen, weiß heute die Vorteile von OTAM zu nutzen: „Wir haben viel darüber gelernt, wie wir von Bewerbern draußen überhaupt gesehen werden; sieben Seiten Auswertung haben uns den Spiegel vor Augen gehalten.“
Die Frage, welche Positionierung die Firma im Internet, also auch in den Sozialen Medien und auf Bewertungsportalen hat, steht am Anfang –, „wichtig ist aber zu verstehen“, so Hödl weiter, „dass jeder hochkarätige Bewerber, der sich bei der einen Firma nicht bewirbt, zur nächsten geht.“ Heute sind Arbeitsplätze immer nur einen Klick vom nächsten entfernt. Firmen, die sich darauf nicht einstellen, fallen durch den unbarmherzigen Rost des World Wide Web –, wer im Suchmaschinenranking hinter Platz 6 (so die Forschungsergebnisse), geschweige denn auf der zweiten Seite steht, ist chancenlos.
Perim-Mitarbeiter Thomas Bartelsen erklärt: „Die so genannte Churn-Rate, die Absprungrate, ist ein Hinweis darauf, wie ein Unternehmen es mit der Selbstvermarktung hält. Wenn zum Beispiel der Start eines Bewerbungsvorganges im Internet weiter als nur drei Schritte entfernt ist, springen Fachkräfte ab und suchen bei der Konkurrenz. Zu kompliziert. Nervtötend. Zu aufwendig.“
„OTAM“, sagt daher Heiko Simonek, „hat uns geholfen, darauf aufmerksam zu werden. Wir haben den Bewerbungsvorgang in vielerlei Hinsicht optimiert; heute ist er ein angenehmes Erlebnis. Unser Absprungraten sind sehr weit nach unten gegangen.“ Schnell fand die Software heraus, welchen Stellenwert zum Beispiel Kesslerdruck in der Wahrnehmung hat; nur die vier Felder: Name, Homepage, Stadt und Stellentitel mussten dafür ausgefüllt werden. Ganz einfach. Zumal sich Arbeitssuchende nahezu immer identisch verhalten: Ort und Stellenbeschreibung. Das sind die zwei, meist einzigen Hauptkriterien, die von ihnen eingegeben werden. Welche Firma dann nicht gleich von der Suchmaschine angezeigt wird, hat „verloren“. Welche Begriffe sollten also in Stellenanzeigen vorkommen, welche nicht?
Thomas Bartelsen sagt dazu: „Die Analyse für Kessler dauerte nur 35 Sekunden, sehr gut –, der GAU aber ist, wenn OTAM nach ein paar Minuten die Suche abbricht.“ Warum? Weil die Stellensuch-Software dann nichts vom Unternehmen im Internet findet. Nichts. „Und das“, bestätigt der Perim-Geschäftsführer, „kommt leider viel häufiger vor als man denkt. Sogar bei Konzernen. Die Personalverantwortlichen glauben das dann erstmal gar nicht.“
Doch OTAM, lächelt er, sei unbestechlich. Die Software biete drei Vorgänge: als erstes die Bekanntheits-, dann die Attraktivitäts-, und am Schluss, als wichtigstes, die Recruiting-Analyse. Diese drei Vorgänge münden in einen finalen Statusbericht, der oftmals eines Schwarz auf Weiß dokumentiere, sagt Hödl: „Es muss etwas getan werden. Die Stellenanzeigen werden nicht gefunden, die Firma ist weit weniger bekannt als gedacht! Oft liegt dahinter ein strukturelles Problem.“

Gute Unterstützung für Unternehmen im Ringen um Fachkräfte

Perim berät daher die Unternehmen mit dem Ansatz, Recruiting-Maßnahmen aus der Sicht der Bewerber zu betrachten und zu bewerten. OTAM sei ein Maßnahmen-Auslöser; die Software „ist eigentlich“, motiviert Thomas Bartelsen weiter, „ein Instrument, die bisher vorhandenen Einschätzungen und Meinungen nun erstmals um konkrete Daten und Aussagen zu erweitern. So bekommen Unternehmen durch OTAM und Perim mehr Handlungsmöglichkeiten für eine gute Unterstützung im allgemeinen Ringen um Fachkräfte.
(Thomas Lappe)

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