Wirtschaft

16.03.2012

Wie Kinder zu Junkfood-Junkies werden

Der Werbeetat der deutschen Lebensmittelindustrie für Schokolade, Süßwaren und Eiscreme ist 100 Mal größer als der für Früchte und Gemüse

Viel zu süß und viel zu fett: Kinderprodukte sind nach einer Studie der Verbraucherorganisation Foodwatch meist ungesunde Kalorienbomben. Von 1514 untersuchten Nahrungsmitteln, die für Kinder angepriesen werden, seien fast drei Viertel „süße und fettige Snacks“ gewesen, teilte Foodwatch jetzt in Berlin zur Stichpobe mit. Raffinierte Werbung verführe Kinder zum Konsum solcher dick machenden Happen und Softdrinks. „Die Unternehmen tragen eine erhebliche Mitverantwortung für die grassierende Fehlernährung von Kindern“, sagte Foodwatch-Mitarbeiterin Anne Markwardt. Sie forderte ein Werbeverbot für solche Kinderprodukte.
Die extra für Kinder angebotenen Lebensmittel gehörten zu denen, die nach Expertenempfehlung nur sparsam verzehrt werden sollten. Produkte, die man reichlich essen kann, wie verarbeitetes Obst, Nudeln oder Säfte, waren laut Foodwatch dagegen nur zu 12 Prozent unter der Stichprobe. Damit entspreche die Produktpalette der Industrie für Kinder „ziemlich genau dem Gegenteil“ der Empfehlungen.
Kinder verputzen laut Foodwatch nur die Hälfte der empfohlenen Menge an Obst und Gemüse. Aber sie ziehen sich über 200 Prozent der Menge an Süßwaren, Snacks und Soft Drinks rein, die sie höchstens konsumieren sollten. Die Folge: Der Anteil übergewichtiger Kinder sei im Vergleich zu den 1980er und 90er Jahren um 50 Prozent gestiegen. 15 Prozent der Kinder sind zu dick, 6 Prozent sogar fettleibig. Sie tragen ein erhöhtes Risiko für Diabetes und andere Krankheiten.
Markwardt hielt der Industrie ihr Interesse an besonders gewinnträchtigem Handeln vor. „Mit Obst und Gemüse lässt sich nur wenig Profit machen – mit Junkfood und Soft Drinks schon mehr.“ Allein 2011 erwirtschaftete die deutsche Lebensmittelindustrie nach Angaben der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie insgesamt über alle Sparten hinweg 164,6 Milliarden Euro. 16,5 Prozent (27,2 Milliarden Euro) davon entfielen auf Milch und Milchprodukte, 8,45 Prozent (13,9 Milliarden Euro) auf Süßwaren und Dauerbackwaren sowie 4,57 Prozent (7,5 Milliarden Euro) auf Mineralwasser und Erfrischungsgetränke. Verarbeitetes Obst und Gemüse machte 5,93 Prozent (9,8 Milliarden Euro) aus.
Hersteller wollten Kinder zudem früh an ihre Marken binden und bei ihnen schon in jungen Jahren Geschmacksprägungen erreichen. Hierfür gibt die Lebensmittelindustrie auch sehr viel Geld für Werbung aus. Der Werbeetat für Schokolade, Süßwaren und Eiscreme war mit 722,8 Millionen Euro im vergangenen Jahr 100 Mal größer als der für für Früchte und Gemüse mit 7,3 Millionen Euro. Dieses finanzielle Engagement ist nicht verwunderlich. Denn die Profitabilität von Obst und Gemüse liegt laut Foodwatch bei nur 4,6 Prozent. Mit Eiscreme hingegen ließen sich 9,4 Prozent Umsatzrendite erwirtschaften, mit Milchprodukten 12,4 Prozent, mit Süßwaren 15 Prozent, mit Softdrinks 16,7 Prozent und mit Frühstücksflocken, Snacks und Keksen sogar 18,4 Prozent. Das beschert den Unternehmen satte Gewinne.
Foodwatch warf auch dem Staat Versagen vor. Anstelle klarer Vorgaben für die Hersteller binde die Bundesregierung die Junkfood-Industrie in ihre Initiativen und Aktionspläne gegen Übergewicht ein. So habe das Bundesernährungsministerium die „Plattform Ernährung und Bewegung“ (peb) initiiert, die sich dadurch auszeichne, vor allem den angeblichen Bewegungsmangel und nicht die schlechte Ernährung von Kindern als Ursache für Übergewicht zu benennen. Prominente Mitglieder von peb sind laut Foodwatch: Coca Cola, Ferrero, der Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie, McDonald’s, die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker, PepsiCo, Mars – Firmen, die kein Interesse an gesunder Ernährung, sondern am Verkauf von Snacks, Junkfood und Soft Drinks haben.
Mit Verboten für die Industrie will Foodwatch den ungesunden Trend stoppen: Unausgewogene Nahrungsmittel wie Süßigkeiten sollten nicht mehr als Kinderprodukte beworben werden. Produkte dürften auch nicht mit Comicfiguren oder Gewinnspielen gezielt für Kinder vermarktet werden. Gemeinsame Programme von Herstellern im Kampf gegen Übergewicht mit staatlichen Einrichtungen wie Schulen und Kindergärten oder Sportverbänden seien zu beenden. Denn: „Der Bock macht sich selbst zum Kindergärtner“, so Markwardt. Schulen und Kindergärten müssten werbefreie Räume sein.
Das Bundesverbraucherministerium hält spezielle Lebensmittel für Kinder im Grunde für überflüssig. „Ein Kind, das den Geschmack von klebrigen Puddings oder künstlichen Süßspeisen gewohnt ist, kann richtige Obstsüße kaum noch wertschätzen“, erklärte das Ministerium. Es appellierte an die „besondere Verantwortung“ der Wirtschaft hinsichtlich der Werbung. In erster Linie komme es aber auf die Eltern an. „Ein Dreijähriger geht schließlich nicht selbst zum Einkaufen in den Supermarkt.“
Die Grünen im Bundestag forderten ein „Verbot von Werbung, die sich an kleine Kinder richtet, anstatt zahnloser Selbstverpflichtungen der Industrie“. Die SPD-Fraktion verlangte „klare gesetzliche Regelungen zur Eindämmung der Kinderwerbung“. Der FDP-Gesundheitsexperte Erwin Lotter nannte den Hinweis des Ministeriums auf Dreijährige „abenteuerlich verharmlosend: Natürlich steht ein Dreijähriger nicht selbst zum Bezahlen an der Kasse – sondern davor, und quengelt, weil in seiner Augenhöhe die Schokoriegel ausliegen“.
Aus Sicht des Spitzenverbandes der Lebensmittelwirtschaft ist der Report einseitig. Der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e. V. kritisierte, die Auswahl der „Kinderlebensmittel“ sei „willkürlich“. Es existiere keine Definition von „Kinderlebensmitteln“. Darüber hinaus sei der Anteil solcher Lebensmittel am Gesamtsortiment sehr klein. Kindliches Übergewicht sei auch vor allem auf Bewegungsmangel und den gesamten Lebensstil zurückzuführen.
Erst vor wenigen Tagen hatten UN-Experten eine Sondersteuer auf Chips, Soft Drinks wie Cola und jegliche Art von Junk Food gefordert. Das wäre eine der notwendigen Maßnahmen zur Überwindung der in reichen Staaten wie Deutschland verbreiteten ungesunden Ernährungsweise, hieß es in Genf.  (dpa/rs)

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (1)

  1. Sterndeuter am 17.03.2012
    Diese gesundheitlich schlechte Entwicklung vieler Kinder lässt sich nicht durch Gesetze und Werbeverbote verbessern, das Stichwort heißt:Eigenverantwortung! Dazu braucht es ein waches Bewußtsein der Eltern, die es ihren Kinder vermitteln und es vor allem selbst vorleben. Wenn die Untersuchung von Foodwatch noch weiter gegangen wäre, hätten wir auch große Unterschiede beim Essverhalten - je nach sozialem Status - feststellen können.

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche

Frage der Woche KW 46 (2017)

Soll in Bayern ein verkaufsoffener Adventssonntag möglich sein?

Umfrage Bild
 

Lesen Sie dazu in der Bayerischen ­Staatszeitung vom 17. November 2017 auch die Standpunkte unserer Diskutanten:

Bernd Ohlmann, Geschäftsführer des Handelsverbands Bayern e. V.

(JA)

Hannes Kreller, Vertreter der Katholischen Arbeitnehmerbewegung KAB im Bündnis  "Allianz für den freien Sonntag"

(NEIN)

arrow
Facebook
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
eaper
E-Paper
ePaper
zum ePaper
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.