Wirtschaft

Wenn tiefe Geothermie (bis fünf Kilometer unter die Erde) realisiert wird, ist eine beeindruckende Bohranlage zu bestaunen. (Foto: SWM)

15.09.2017

Wie regenerative Energieerzeugung ausgebremst wird

Geothermiekongress 2017 in München: Bundesgesetz und Mikrobeben in Poing sorgen für Probleme

Mächtig Sand ins Getriebe kommt gerade bei der Geothermie. Die grundlastfähige Form der regenerativen Energieerzeugung wird derzeit von einem neuen Bundesgesetz und einem Mikrobeben bei Poing (Landkreis Ebersberg) vor ein paar Tagen ausgebremst. Denn das vom Bundestag im März dieses Jahres beschlossene Gesetz für die Suche nach einem deutschen Endlager für hochradioaktiven Atommüll folgt dem Prinzip „weiße Landkarte“. Das bedeutet, dass kein Ort von vornherein ausgeschlossen oder bevorzugt ist. Die Auswahl soll nach wissenschaftlichen Kriterien ablaufen. Am Ende entscheiden Bundestag und Bundesrat.

Auf den ersten Blick ein vernünftiges Vorgehen, aber der Teufel steckt wie immer im Detail. Jede Bohrung tiefer als 100 Meter muss jetzt erst vom Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE) genehmigt werden. Das betrifft auch oberflächennahe sowie tiefe Geothermieprojekte. Bayern und Sachsen wollen gegen das Gesetz vorgehen, schon allein deshalb, weil die Bergämter der Bundesländer ins Gesetzgebungsverfahren nicht mit einbezogen waren. Doch bis eventuell ein Gericht das Ganze wieder kippt, können Jahre des geothermischen Stillstands ins Land gehen.

Ganze Industrie kaputt gemacht


„Dann ist eine ganze Industrie kaputt gemacht“, schimpfte Erwin Knapek, gerade frisch im Amt bestätigter Präsident des Bundesverbands Geothermie und ehemaliger Bürgermeister von Unterhaching (Landkreis München), beim Geothermiekongress 2017, der diese Woche in der BMW-Welt in München stattfand. „Und alles nur, weil ein parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium die Geothermie nicht mag“, so Knapek.

In der Praxis macht sich das Gesetz bereits bemerkbar, erläuterte Rüdiger Grimm, Inhaber und Geschäftsführer der geoENERGIE Konzept GmbH aus Freiberg in Sachsen: „Wir müssen für jedes Geothermieprojekt zwei Planungen machen, eine bis 100 Meter und eine Optimale, die weiter runter geht.“ Grimm, der auch Initiator und Geschäftsführer der „erdwärmeLIGA“, der Bundesliga oberflächennaher Geothermie, ist, betonte: „Das kostet den Auftraggeber natürlich mehr.“

München als Erdwärme-Vorbild in Europa


Trotz dieser Entwicklung gab sich Florian Bieberbach, Geschäftsführer der Stadtwerke München (SWM), optimistisch: „Wir halten an unserem Ziel, bis 2040 das Fernwärmenetz in München zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien, insbesondere Geothermie, zu beheizen, fest.“ Derzeit bereite man die Bohrung einer 50 Megawatt-Anlage im Zentrum der Landeshauptstadt (Am Flaucher) vor. Die SWM betreiben laut Bieberbach bereits fünf Geothermieanlagen. Diese und viele andere regenerative Erzeugungsanlagen ermöglichen es den Stadtwerken schon jetzt, zu über 50 Prozent der Stromerzeugung für München aus erneuerbaren Energie zu bestreiten. „2008 haben die Stadtwerke München für sich die Energiewende ausgerufen“, erinnerte Bieberbach. Er will die SWM auch mit den umliegenden Gemeinden, die ebenfalls Geothermieanlagen haben, vernetzten, um Synergien zu heben und Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Ein gutes Beispiel hierfür sei die Vernetzung von Grünwald und Unterhaching im Süden der Landeshauptstadt. Insgesamt habe München Vorbildfunktion bei der Erdwärmeversorgung in ganz Europa.

Zurückhaltend ist man jetzt in Poing. Dort hat der Betreiber, die Bayernwerk AG, wegen eines Mikrobebens vor ein paar Tagen die Geothermieanlage, die seit 2012 läuft, abgeschaltet. Laut Erdbebendienst Bayern hat es eine Magnitude von 2,2 gegeben. „Entscheidend ist aber die Bodenschwingung, also die seismische Energie an der Oberfläche“, erklärte beim Geothermiekongress Professorin Inga Moeck vom Leibniz-Instituts für Angewandte Geophysik (LIAG) in Hannover. Laut DIN 4150 Abschnitt 3 bestehe erst ab einer Bodenschwingung von fünf Millimetern pro Sekunde Gefahr für Wohngebäude, für denkmalgeschützte Gebäude gelten drei Millimeter pro Sekunde. „In Poing wurden aber nur 1,6 Millimeter pro Sekunde gemessen, was etwa der Erschütterung eines über eine Bodenschwelle donnernden Lkws entspricht“, erläuterte Moeck.

Gutachten für Mitte Oktober angekündigt


Ihr Institut ist mit einem Gutachten beauftragt worden, um herauszufinden, ob die Geothermie schuld an dem Mikrobeben in Poing hat. Mitte Oktober werde die Expertise fertig sein. Dann wisse man mehr, ob es die Geothermie war, eine Verwerfung im Untergrund von Poing, oder beides. Moeck empfiehlt dem Betreiber im Umkreis von fünf Kilometern entsprechende Messgeräte, am besten noch vier Stück, aufzustellen und die Messwerte der Bevölkerung zugängig zu machen, damit Ängste abgebaut werden.

Denn was intransparente beziehungsweise miserable Kommunikation anrichten kann, sei man am Beispiel Landau (Rheinland-Pfalz) abzulesen. Dort kam es 2009 wegen einer Geothermieanlage ebenfalls zu Erschütterungen. Seither kämpfen laut Geothermie-Präsident Knapek diverse Bürgerbewegungen am Oberrheingraben gegen die Geothermie. Dabei machen sie auch vor dem benachbarten Frankreich nicht halt und mobilisierten die dortige Bevölkerung gegen diverse Geothermieprojekte, so Knapek. „Heidelberg ist die ökologischste Stadt Deutschlands und bestens geeignet für Geothermie. Doch die Fernwärme der Stadt wird dort zu 80 Prozent aus Steinkohle erzeugt und zu 20 Prozent aus Biomasse. Und für diese 20 Prozent hat Heidelberg eine Auszeichnung bekommen“, erläuterte Knapek. Dabei könnte man die Fernwärme Heidelbergs locker zu 100 Prozent aus geothermischer Energie erzeugen.

Zur Hysterie rund um Mikrobeben bei der Geothermie sagt der Plmeräsident des Bundesverbands Geothermie nur: „1976 gab es in Unterhaching ein echtes Erdbeben mit einer Magnitude von über 5. Damals saß ich im Auto und es hat geschwankt. Menschen rannten aus ihren Häusern, weil diese gewackelt haben. Das Zentrum des Bebens lag im norditalienischen Friaul. Aber bei dem Mikrobeben von Poing vor ein paar Tagen rannte niemand aus den Häusern.“
(Ralph Schweinfurth)

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